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Historikerstreit : Wie der Papst zu Hitlers Machtantritt stand

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Dazu kommt die Furcht des Heiligen Stuhls vor dem Kommunismus, die offenbar im März 1933 einen Stimmungsumschwung zugunsten Hitlers bewirkte. Zu seiner Audienz bei Pius XI. am 4. März 1933 notierte Pacelli: „Hitler ist der erste (und einzige) Staatsmann, der bisher öffentlich gegen den Kommunismus geredet hat. Bislang war dies einzig und allein der Papst gewesen.“ Als der bayerische Gesandte Otto Ritter zu Groenesteyn am selben Tag die Regierungen der Weimarer Republik gegen Polemiken Hitlers verteidigte, erwiderte Pacelli lakonisch: „Es ist freilich wahr, dass diese sich als viel zu nachgiebig gegenüber dem Kommunismus gezeigt haben.“

Neue Quellen

Deutlich wird anhand der neu zugänglichen Quellen auch, dass die deutschen katholischen Parteien in der Kurie durchaus kritisch beobachtet wurden. Der Papst sah im Bündnis des Zentrums mit den Sozialdemokraten, wie er seinem Kardinalstaatssekretär im Februar 1931 darlegte, einen „falschen Weg“. Als Alternative wurde immer wieder eine Koalition des Zentrums mit den Deutschnationalen oder der NSDAP erwogen. Der ehemalige Reichskanzler Heinrich Brüning behauptete in seinen Memoiren, Pacelli habe ihm im August 1931 zu einer Koalition mit den Rechten geraten. Pacelli zeigte sich hingegen, wenn er überhaupt Stellung bezog, eher skeptisch und versuchte Verständnis für die Situation des Zentrums zu wecken.

Der Berliner Nuntius Cesare Orsenigo wiederum hielt eine Verständigung mit dem kirchenfreundlichen Flügel der Nationalsozialisten schon Ende 1930 für möglich - im Falle eines „geduldigen und vorsichtigen Abwartens der Katholiken“. Am 7. Februar 1933 wies er Pacelli ausdrücklich auf Hitlers Wunsch hin, mit der Zentrumspartei zusammenzuarbeiten oder sein Kabinett wenigstens für ein Jahr durch sie tolerieren zu lassen. Weil das Zentrum dafür unter anderem Garantien für die Sicherung der Reichsverfassung forderte, welche die Nationalsozialisten nicht akzeptieren würden, folgerte der Nuntius: „Das Verhalten des Zentrums erscheint momentan als der einzige Grund für Neuwahlen.“

Im Auftrag Mussolinis

Nach den Märzwahlen fragte der italienische Botschafter im ausdrücklichen Auftrag Mussolinis am 14. März schließlich direkt bei Pacelli nach, was an Informationen dran sei, nach denen der Heilige Stuhl dem Zentrum „Anweisung gegeben“ habe, die „gegenwärtige Regierung in Deutschland zu unterstützen“. Der Kardinalstaatssekretär notierte sich nur: „Ich habe negativ geantwortet.“ Der Botschafter warnte darauf: „Wenn es zum Zusammenstoß kommt, ist es fatal, sie (die Nationalsozialisten) werden das Zentrum auf Jahre hinaus zunichtemachen.“ Es gibt aber keinen Beleg dafür, dass der Vatikan Druck auf die katholischen Parteien ausübte. Die Zurückhaltung entsprach den Leitlinien der Diplomatie Pacellis, der es, wie es Orsenigo einmal gegenüber von Papen formulierte, vorzog, in rein politischen Fragen nicht angesprochen zu werden.

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