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Anne Applebaum über Stalin : Wer nicht hungert, ist verdächtig

Überlebende der Hungersnot, die Stalin 1932 und 1933 über die Ukraine brachte, in der Ortschaft Krasylivka, aufgenommen im Jahr 1934. Bild: AP

Die Menschheit hat Schulden auf ihre Utopien gemacht. Der Sozialismus ist eine davon. Eine Betrachtung aus Anlass von Anne Applebaums Buch „Roter Hunger“.

          Noch immer gilt der Sozialismus vielen als eine Utopie. Als Denkmöglichkeit, als etwas am Horizont, auf das es hinzuarbeiten gilt, als Inbegriff einer gerechten Wirtschafts-, ja Gesellschaftsordnung. Vom Faschismus würde niemand mit Verstand und Geschichtskenntnis so etwas sagen, auch wenn sich immer mehr Wirrköpfe melden, die Mussolini hochleben lassen, Reichsbürger spielen oder weiße Rasse. Schon die Analogie zwischen Faschismus und Sozialismus jedenfalls würden sich viele Linke verbitten.

          Ein Buchtitel „Mit Sozialisten reden“ wäre darum unfreiwillig komisch, denn der Sozialismus ist eine gut eingeführte Redensart. In Russland werden Lenin wie Stalin („Sozialismus in einem Land“) von führenden Politikern als große Männer verehrt. Das Erstaunen darüber hält sich in Grenzen, man findet vielmehr historische und völkerpsychologische Entschuldigungen. Vergleichbare Gesten zugunsten nationalsozialistischer Verbrecher würden hingegen zu Recht Empörung auslösen. Zumindest Lenin und die russische Revolution können auch außerhalb Russlands auf Wertschätzung ihres angeblichen Beitrags zum Menschheitsfortschritt rechnen. Der Sozialismus, so heißt es, war eine respektable Idee, die leider in und an der Wirklichkeit gescheitert ist. Man schreibt ihm humane Absichten gut. Er gilt als diskutable Phantasie.

          Die amerikanische Historikerin Anne Applebaum hat jetzt ein Buch über die Wirklichkeit des Sozialismus, der Kollektivierung und des Hasses auf das Privateigentum vorgelegt. In „Roter Hunger. Stalins Krieg gegen die Ukraine“ schildert sie dabei nicht nur eine Episode aus der Geschichte der Sowjetunion. Zwischen 1917 und 1933 entfaltete sich vielmehr im Gebiet zwischen Winnyzja und Charkiw, Kiew und Donezk die Logik der sozialistischen Kollektivierung in ihrer grausamen Konsequenz.

          Sie hatte eine doppelte Grundlage: Die Verachtung der Bolschewiki für die Ukraine, die als rückständige Region ohne Anspruch auf nationale Selbstbestimmung galt, deren einzige Aufgabe es sei, Russland zu ernähren. Und das Urteil von Karl Marx, Bauern seien gar keine „Klasse“. Sie „können sich nicht vertreten, sie müssen vertreten werden.“ Lenin verschärfte das noch. Viele Bauern dächten wie Kapitalisten, weil sie ja Eigentum hätten, weswegen noch der kleinste Landbesitzer zu konterrevolutionären Gesinnungen neige. Der Name, dem man diesem Feind des Sozialismus gab, war „Kulak“.

          Die Historikerin Anne Applebaum.

          Damit, dass der Sozialismus nicht nur den Nationalstaat, sondern auch das Landeigentum und die selbständigen Bauern zum Verschwinden bringen würde, wurde blutig Ernst gemacht. Wer Ukrainisch sprach, war nach der zweiten Besetzung des Landes durch die Bolschewiki mit dem Tode bedroht. Und wer Bauer war, wurde drangsaliert. Denn die Arbeiter, Soldaten und Funktionäre von Moskau bis Petersburg mussten versorgt werden. Andernfalls wäre die Unterstützung für die Revolution geschwunden. Doch natürlich setzten Kollektivierung und Zwangsbewirtschaftung nicht gerade Anreize für eine erhöhte Produktion. Also trat der Sozialismus schnell in eine Schleife von Repression, Nahrungsmittelverknappung und weiterer Repression ein, in der sich die Mittel der Unterdrückung ständig verschärften, weil ihre Folge ein wirtschaftliches Desaster war: Enteignung von Land, Beschlagnahme von Getreide, Plünderung, Terror und Massentötung von Leuten, die nicht mitmachen wollten oder konnten.

          Schon während der „Entkosakisierung“ 1919 wurden 12.000 Menschen hingerichtet, aber das war nur ein Vorspiel. Der Kreis der Volksfeinde wurde immer größer. War der Begriff „Kulak“ zunächst für wohlhabende Bauern reserviert, war am Ende jede Familie, die erfolgreich anbaute oder überhaupt etwas besaß, beispielsweise eine einzige Kuh, ja, die sich auch nur ernähren wollte, eine von staatsfeindlichen Kulaken. Deren Ausrottung belief sich am Ende allein in der Ukraine auf fast vier Millionen Tote: durch Entzug von Nahrungsmitteln und durch direkten Terror.

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