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Historiker und der Brexit : So „splendid“ ist Isolation gar nicht

  • -Aktualisiert am

Großbritannien steht am Scheideweg: Brexit oder kein Brexit? Bild: AFP

Treffen in Downing Street: Vier Koryphäen aus der Historikerzunft stellen klar, dass der Insel im Brexit-Fall die Isolation droht. Und die ist wahrlich nicht vielversprechend.

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          Als einem der führenden Köpfe der Kampagne für den Verbleib Britanniens in der Europäischen Union wird dem britischen Schatzkanzler George Osborne von der Brexit-Lobby oft unterstellt, dass er sich hinter den Kulissen mit einflussreichen Kräften aus der Wirtschaft verschwöre, um die öffentliche Meinung für Europa zu mobilisieren. In den vergangenen Wochen sind denn auch eine Fülle von Aufrufen verbreitet worden, bei denen Downing Street offenbar Hand angelegt hatte. Der Reihe nach haben hochrangige Militärs, Spione, Unternehmer, Universitätsrektoren, Umweltschützer sowie ehemalige Nato-Generalsekretäre und amerikanische Außenminister im Ruhestand einzelne Petitionen gegen ein „Nein“ am 23. Juni unterzeichnet.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Nun hat Downing Street auch die Historikerzunft unter Schirmherrschaft genommen oder zumindest jenen beträchtlichen Teil, der sich als „Historians for Britain in Europe“ dem für den Brexit agitierenden Bündnis, „Historians for Britain“, entschieden widersetzt. Fast dreihundert Historiker haben in knappen Worten formuliert, dass Britannien vor der Wahl stehe, sich durch die Loslösung vom Kontinent zur Irrelevanz und Europa zu Zwist und Schwäche zu verdammen oder „unser Engagement für die EU zu bekräftigen und den Zusammenhalt unseres Kontinents in einer gefährlichen Welt zu stärken“.

          Um diesem Aufruf Nachdruck zu verleihen, versammelten sich zahlreiche Unterzeichner in der Amtsresidenz des Schatzkanzlers. Dort führten vier Koryphäen, Niall Ferguson, Keith Thomas, Linda Colley und Christopher Clark, aus, weshalb die Geschichte lehre, dass Britanniens Zukunft in Europa liege. Mit einem Wink an die Brexit-Historiker, die auf einem britischen Sonderweg beharren, sprach Osborne von der reichen und vielfältigen Geschichte Britanniens, „die, wohl mehr als die irgendeiner anderen Nation, jeden Winkel des Globus beeinflusst hat“. Die vier anwesenden Historiker argumentierten alle, „dass wir als Nation stärker sind, wenn wir nach außen blicken und uns in der Welt engagieren“.

          Isolation als Frage der Blickrichtung

          Dem verliehen die Redner Nachdruck. Linda Colley, Autorin der vielbeachteten Studie „Britons: Forging the Nation 1707-1837“, wies darauf hin, dass die Verwendung der Begriffe Britannien und Europa im Sinne von monolithischen Blöcken erst nach dem Zweiten Weltkrieg, der den nationalen Mythos der Eigenständigkeit geschürt habe, gängig geworden sei. Sie widersprach der von Brexit-Anhängern mit ihrer pathetischen Rhetorik über die Inselnation beschworenen Vorstellung von der „Silbersee“ als „einem Graben, der das Haus verteidigt“. Vielmehr habe das Meer die Verbindungen nach Übersee erleichtert.

          Keith Thomas zitierte Edmund Burkes Plädoyer für ein England, das sich nicht vom Rest der Welt absetze, sondern sich als Teil Europas betrachte und „im Mitgefühl für das Unglück und das Glück der Menschheit“ agiere. In einem Loblied auf die Bereicherung der britischen Kultur durch Migranten berief sich Thomas auf David Hume, der meinte, dass die Briten Barbaren geblieben wären, wenn sie sich gegen ausländische Einflüsse gesperrt hätten. Und Christopher Clark, der unter anderem vor der Bedrohung des nordirischen Friedensprozesses durch den Brexit warnte, konstatierte, dass an der aus einem Brexit resultierenden Isolation nichts „splendid“ sei. Ferguson, Kissinger-Biograph und Historiker des Empire, griff die mythische Schlagzeile „Nebel im Ärmelkanal - Kontinent abgeschnitten“ auf, um zu veranschaulichen, dass im Falle des Brexits nicht das Festland, sondern Britannien isoliert wäre.

          Mehr als nur Brot

          Die Nebel-Metapher, die, wie Ferguson in Erinnerung rief, Hitlers Propaganda bereits als Ausdruck britischen Hochmuts verspottet hat, ist in dem schon seit längerem geführten Disput zwischen Historikern für und gegen den Brexit immer wieder ins Spiel gebracht worden. Eine öffentliche Auseinandersetzung nach der Art der Historikerstreite der alten Bundesrepublik hat jedoch in Politikerreden nicht stattgefunden, wie denn überhaupt der britische Argwohn gegen Intellektuelle verhindert, dass derartige Debatten zum breiteren öffentlichen Diskurs gehören. Der Durchschnittsmensch assoziiere den Begriff „intellektuell“ sofort mit einem Mann, der seine Frau betrüge, spottete der Dichter W. H. Auden. Dem pflichtete Leonard Woolf mit der Feststellung bei, dass kein Volk Intellekt und Intellektuelle mehr verachte als die Briten.

          Die Initiative der Historiker in Downing Street hat auch in den Medien kein größeres Echo gefunden. Würden die Politiker in der Brexit-Debatte auf dem Niveau des Treffens in Downing Street argumentieren, statt sich in kindischen Übertreibungen und Klischees zu überbieten, hätte Linda Colley nicht warnen müssen, dass auch im Falle eines Sieges der „Remain“-Kampagne stärkere Argumente für ein konstruktives Engagement Britanniens für Europa vonnöten seien: Die Menschen könnten nicht von Brot allein leben, sie brauchten tragende Ideen.

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