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Jürgen Kocka wird 80 : Bürger und Arbeiter, dies ist eure Geschichte

  • -Aktualisiert am

Der deutsche Sozialhistoriker Jürgen Kocka im September 2013 in Berlin. Bild: Jens Gyarmaty

In Fachkreisen nennt man ihn den Historiker seiner Generation, die Geschichte der Arbeiter war sein Spezialgebiet: Zum achtzigsten Geburtstag des Sozialhistorikers Jürgen Kocka.

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          Er hört sehr konzentriert zu und beobachtet genau. Die Fragen, im Ton zugewandt und abwägend, doch die mitunter scharf aufblitzende Kritik nicht verdeckend, kommen ganz zum Schluss: Wie verknüpft man Struktur und Prozess, Ereignis und Handlungsmacht des Einzelnen miteinander? Welche der vielen „turns“, der Paradigmenwechsel der historischen Disziplinen der letzten Jahrzehnte, von Stand und Klasse über Sprache und Begriff bis zu Kultur, Raum und Emotion, enthalten etwas wirklich Neues? Und wie geht man mit den eigenen, historisch bedingten Wahrnehmungshorizonten als Historiker um? Schließlich: Wie verschafft man der eigenen Disziplin Gehör, ohne sich gemeinzumachen und zum Beratungsorgan von Politik und Öffentlichkeit zu werden?

          Jürgen Kocka hat wie wenige andere auf viele dieser Fragen wegweisende Antworten gefunden. 1941 in Böhmen geboren, in Linz und Essen aufgewachsen, fand er nach einem Studium in Marburg, Wien und Chapel Hill über Gerhard A. Ritter früh den Weg in die Sozialgeschichte. Seine Dissertation von 1969 zur Unternehmensverwaltung und den Angestellten bei Siemens enthielt bereits viele Leitmotive, die seine Forschung weiter prägen sollten: das Interesse an der Geschichte von Kapitalismus und Klassenbildung, industrieller Organisation und Arbeitspraxis.

          Diese Komplexe entwickelte er, beeinflusst von Jürgen Habermas und Hans Rosenberg, immer weiter: durch die Fokussierung auf überindividuelle Strukturen und Prozesse, die Öffnung der Sozialgeschichte gegenüber anderen Sozialwissenschaften, schließlich die konsequente Überwindung der nationalen Perspektive. Seine Habilitationsschrift zu den Angestellten in den Vereinigten Staaten unterstrich die Bedeutung des internationalen Vergleichs für eine innovative Gesellschaftsgeschichte. In Bielefeld gehörte er seit 1973 zusammen mit Hans-Ulrich Wehler zur „goldenen Generation“, welche der jungen Reformuniversität jene Ausstrahlung verlieh, die Bielefeld zur Chiffre für eine Neuausrichtung der Geschichtswissenschaft als historischer Sozialwissenschaft werden ließ. Den professionellen Blick auf die Organisation und Institutionalität von Wissenschaft beherrschte Kocka früh wie kaum ein anderer: im Arbeitskreis für moderne Sozialgeschichte genauso wie als Mitherausgeber der bis heute maßgeblichen Zeitschrift „Geschichte und Gesellschaft“ und der Buchreihe „Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft“.

          Wo andere sich von der Wissenschaftsorganisation von eigenen Arbeiten abhalten ließen, verfolgte Kocka seine frühen Themen weiter, zumal in seiner mehrbändigen „Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhunderts“. Mit dem Bielefelder Sonderforschungsbereich zur Sozialgeschichte des neuzeitlichen Bürgertums setzte er Maßstäbe für eine internationale und disziplinübergreifende Öffnung des Themas. Die Sozialformation des deutschen Bürgertums diachron und synchron vergleichend zu untersuchen hieß für ihn zugleich, seinen Ort in der Ambivalenz der Modernisierung neu zu erfassen – und damit auch Antworten auf die Frage nach den Ursachen der deutschen Katastrophengeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts zu finden.

          Während für Hans-Ulrich Wehler die „stabilitas loci“ Ostwestfalens zur Bedingung für seine monumentale „Deutsche Gesellschaftsgeschichte“ wurde, markierte Kockas Wechsel an die Freie Universität Berlin eine mehrfache Zäsur. Hier überlagerten sich nach 1989 inhaltliche Aufbrüche und institutionelle Neuanfänge: An der FU prägte Kocka mit dem Zentrum für Vergleichende Geschichte Europas eine ganze Generation von Doktorierenden und Postdocs. Vor allem bot Berlin dem „public historian“ und „public intellectual“ ein weites Feld: ob als Moderator im schwierigen Übergang der ostdeutschen Wissenschaftslandschaft nach 1989/90, in der Leitung des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung, als Mitbegründer des Zentrums für Zeithistorische Forschungen in Potsdam, im Wissenschaftskolleg oder an der Leopoldina. Im Geisteswissenschaftlichen Kolleg „Arbeit und Lebenslauf in globalgeschichtlicher Perspektive“ bleibt er seinem Thema Kapitalismus und Arbeit weiter auf der Spur.

          „Political animal“

          Wenn ihn ein Thema interessiert, ist Jürgen Kocka der aufmerksame und kritisch zugewandte Zuhörer par excellence. Dass er nie Wissenschaftsfunktionär wurde, muss mit tieferen Motivationsschichten zu tun haben: mit seinem Verständnis von Geschichte als Teil der notwendigen Selbstaufklärung der Bundesrepublik. Wie man den „deutschen Sonderweg“ sozialhistorisch öffnend und global vergleichend produktiv macht, wirft ein eigenes Licht auf den Historiker als „political animal“. Denn eminent politisch ist er durch Zeitgenossenschaft, die er früher und kritischer als viele andere reflektiert hat. Am heutigen Montag wird Jürgen Kocka, der Historiker seiner Generation, achtzig Jahre alt.

          Jörn Leonhard lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Freiburg.

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