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Hirnforscher Wolf Singer : Was passiert, wenn wir das richtige Lesen verlernen?

Diese selbstgemachte Welt im Kopf, die behalten wir: Wolf Singer in der „Kluger Kopf“-Kampagne der Frankfurter Allgemeinen. Bild: F.A.Z., Scholz & Friends / Kai-Uwe Gundlach

Ein Buch auf Papier oder digital zu lesen, macht zunächst wenig Unterschied. Doch unsere Konzentration ist angesichts der digitalen Umwälzungen in Gefahr. Im Gespräch gibt der Hirnforscher Wolf Singer ein paar Antworten auf drängende Fragen.

          Herr Singer, Sie sind kulturell interessiert, gut informiert und müssen als Wissenschaftler technisch immer auf der Höhe der Zeit sein. Lesen Sie digital?

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Ich höre Hörbücher, aber ich lese grundsätzlich keine E-Bücher. Auch schon, weil mir der Kontrast in der Sonne, wo ich gern lese, zu schlecht ist. Und wenn ich dann noch die Sonnenbrille aufsetzen muss, habe ich fast gar nichts mehr vom Lesen.

          Was passiert beim Lesen im Gehirn?

          Zuallererst aktivieren Sie Ihr visuelles System, weil Sie die Symbole erkennen müssen. Es gibt ein besonderes Areal in der Hirnrinde, das bei uns Menschen besonders stark ausgeprägt ist. Das können wir nutzen, um Grafeme zu erkennen. Aus Buchstabenfolgen Worte zu machen ist ein besonderes Problem. Wenn in dieser „word form area“ eine Lösung gefunden worden ist, wird diese Erregung weitergeleitet in die sprachverarbeitenden Systeme. Die sind primär angelegt im akustischen Bereich, weil die erste Verständigung auditiv war. Das Sprachnetzwerk geht von der Hörrinde aus. Von dort breitet sich die Information in weiter vorne gelagerte Hirnstrukturen aus, wo die motorischen Programme erarbeitet werden, um die Sprache auch aktiv zu nutzen und sich zu verständigen. Es handelt sich um ein weit verteiltes Netzwerk, das anders, als man früher dachte, nicht nur die sogenannte sprechende Hirnhälfte betrifft, sondern beide Hirnhälften. Es gibt spiegelsymmetrische Strukturen in den beiden Hemisphären, die sich alle an der Verarbeitung und Interpretation von Sprache beteiligen.

          Wenn Sie die Wortformen erkannt haben, muss aus diesen semantische Bedeutung extrahiert werden. Oft ergibt sich die Bedeutungszuweisung erst dann, wenn die Worte im Kontext von Sätzen interpretiert werden können. Es werden also Sequenzen von Symbolen und deren Relationen analysiert und mit gespeichertem Wissen abgeglichen. Es ist dies ein konstruktivistischer Prozess, der allen Wahrnehmungsprozessen zugrunde liegt. Wenn ich Sie anschaue und einen Kopf erkenne, dann werden in höheren Hirnarealen des visuellen Systems die elementaren Merkmale Ihres Kopfs zu einem Erregungsmuster führen, das für Köpfe charakteristisch ist. Ich kann dieses Muster aber nur interpretieren, wenn ich bereits die für Köpfe spezifische Merkmalskombination gelernt und abgespeichert habe. Lesenlernen ist eine zusätzliche Herausforderung, weil die Umsetzung der Buchstabenfolgen in Silben, Worte und Sätze und die dann folgende Zuweisung von Bedeutungen zusätzlichen Aufwand erfordert. Wenn man liest, spricht man eigentlich stumm. Man formt die Worte, die man geschrieben sieht, in ein Lautbild und verarbeitet dieses dann, als wenn man etwas gehört beziehungsweise gesprochen hätte.

          Was weiß die Hirnforschung darüber, wie sich der Prozess des Lesens durch digitale Kulturtechniken verändert?

          Ich glaube, sie kann noch nicht sehr viel dazu sagen. Der kognitive Prozess ist relativ unabhängig davon, ob ich das Geschriebene auf einer papiernen Seite oder auf dem Notebook sehe. Es ist wohl eher eine Gewohnheitsfrage. Ich selbst muss eine Papierseite sehen, vor allem, wenn ich Korrektur lesen muss, dazu drucke ich meine digitalen Texte aus. Ob es daran liegt, dass ich Papier umblättern kann und Stellen leichter wiederfinde, die ich gerade gesehen habe, oder ob das frühe Prägung ist, weiß ich nicht.

          „Natürlich ist jeder Fortschritt janusgesichtig“: Wolf Singer

          Digital oder Papier macht also keinen Unterschied für unser Gehirn aus?

          Doch, allgemeiner gefasst, glaube ich schon, dass der Umgang mit den neuen Medien etwas mit uns macht. Das betrifft zum Beispiel die Modulation der Aufmerksamkeitsspanne. Es wird durch die elektronischen Medien oft vorgegeben, wann ich was zu verarbeiten habe. Vor allem dann, wenn die Inhalte so programmiert sind, dass das, was ich sehe, sich ständig bewegt oder fließt. Das ist in hohem Maße unnatürlich. Normalerweise bin ich es, der sich aussucht, was und in welchem Rhythmus ich etwas anschaue oder lese. Die neuen Medien wollen aber Attraktivität erzeugen, es werden Bewegungsreize eingebaut, in den Videosequenzen gibt es viele schnelle Schnitte. Das führt nachweislich zur Verringerung der Aufmerksamkeitsspanne. Menschen, die stark auf diese Weise sozialisiert worden sind, bekommen durchaus Schwierigkeiten, einen Satz von Thomas Mann zu lesen. Sie sind verloren, wenn sie warten müssen, dass irgendwann am Ende eines langen Satzes die Auflösung kommt. Komplexe, verschachtelte Zusammenhänge sind für sie dann schwer aufzulösen.

          Wie muss man sich das im Gehirn vorstellen: Werden mit digitalen Medien bestimmte Strukturen weniger trainiert?

          Es wird vorwiegend und ganz allgemein mit den Mechanismen gespielt, die man braucht, um selektiv die Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes zu lenken. Was den Leseprozess selbst angeht, gibt es durchaus auch Unterschiede. Wir nehmen die Schrift auf dem Bildschirm heute nicht mehr flimmernd wahr, weil die Abtastraten hochfrequent sind. Bewusst nehmen wir das nicht wahr, aber die Netzhaut des Auges löst dieses Flimmern noch auf und sendet diese diskontinuierlichen Reize zur Hirnrinde. Dieser nicht wahrnehmbare Flickerreiz kann durchaus auch neuronale Prozesse beeinflussen. Wir wissen, dass manche Tiere über ein besseres zeitliches Auflösevermögen verfügen, das Flickern wahrnehmen und deshalb ungern auf Bildschirme schauen.

          Reicht das aus, um die anschließende Verarbeitung der Inhalte zu stören, die kognitive, aber auch vielleicht die emotionale Verarbeitung von Ereignissen?

          Wir wissen es nicht, vielleicht über den Umweg von Stress. Flickerreize belasten. Ich kann das aber nicht beurteilen, es gibt noch zu wenig Forschung dazu. Ich kann für mich nur sagen, ich habe gern etwas in der Hand, in dem ich zurückblättern kann, das ich aufgeschlagen weglegen kann, um das eben Angedachte sofort wiederzufinden, sobald ich das Buch abermals zur Hand nehme. Und das geht für mich eben nur auf Papier. Wenn ich aber einen Wunsch äußern darf: Mit der F.A.Z. habe ich ein Problem, wenn ich im Flieger auf dem Mittelplatz sitze und die Zeitung entfalte. Da wäre mir ein kleineres Format lieber.

          Kann es sein, dass Kinder das Lesen auf Bildschirmen anders verarbeiten?

          Der Leseprozess ändert sich nicht. Kinder lesen wie wir, aber die Rahmenbedingungen ändern sich. Für Kinder sind große Textstrecken, Sie nennen so etwas Bleiwüsten, nicht besonders attraktiv. Weil es in den elektronischen Medien so leicht ist, diese aufzulösen durch Grafiken, Karikaturen und Filmsequenzen, ist man in den digitalen Medien für Kinder zunehmend versucht, solche Tricks zur Steigerung der Aufmerksamkeit anzuwenden und die Kinder so zu fesseln. Das ist nicht gut. Es kann vielleicht das Hinführen zu Texten erleichtern, aber irgendwann muss in der Entwicklung die Phase kommen, in der man lernt, sich eine halbe Stunde lang mit reinem Text zu befassen und der eigenen Phantasie und Vorstellungskraft Raum zu geben. Lesen ist ein kreativer Akt, der trainiert werden muss. Es muss Gelegenheit gegeben werden, Leerräume mit Phantasie auszufüllen.

          Wenn sich die Lesetechnik auf digitalen Plattformen nicht groß ändert, gilt das auch für die Lesefähigkeit?

          Ich sehe da keinen großen Unterschied zwischen einer Kolumne, die ich in der Zeitung lese, oder einer, die mir auf dem Bildschirm gezeigt wird. Ich mache dieselben Augenbewegungen, scanne die Buchstaben und die Zeilen, und wenn ich umblättern will, dann mache ich das hier mit den Händen und dort mit der Space-Taste. Das Problem ist ein anderes: unsere Verführbarkeit. Es wird einfach zu viel anderes draufgepfropft, weil das technisch möglich ist. Das lenkt ab, regt auf und wird als Kick empfunden, vor allem von Kindern. Man kann das leicht beobachten. Mich fasziniert es immer wieder, wie leicht man quengelnde oder schreiende Kinder ruhigstellen kann, indem man ihnen ein Smartphone in die Hand gibt. Schon mit vier Jahren wissen die ganz genau, wie sie das Gerät in Betrieb setzen und benutzen können. Das hat dann mit Lesen natürlich gar nichts mehr zu tun.

          Motivation ist also alles. Können das die neuen Medien mit ihren Möglichkeiten nicht einfach viel besser?

          Ja natürlich, das kann segensreich sein, schon aufgrund der vielen grafischen Optionen, die für die elektronischen Medien vielfältiger sind als für die Printmedien. Aber der entscheidende Punkt ist: Zwischenmenschliche Diskurse lassen sich nicht einfach abbilden. Vielschichtige Zusammenhänge müssen beschrieben werden. Das gelingt aber nur, wenn man gelernt hat, mit dem symbolischen System der Sprache komplexe Sachverhalte in einen linearen Fluss zu übersetzen, und zwar so, dass er verstanden werden kann. Das ist eine Kunst. Wenn diese Kunst nicht mehr gefordert wird, weil man glaubt, alles mit digitalen Möglichkeiten einfach abbilden zu können, im Extremfall mit Virtual Reality, dann geht diese Fähigkeit verloren.

          Das Schreiben selbst betrifft das ja auch. Inzwischen schreiben wir fast alle nur noch auf der Tastatur, nicht mit der Hand. Warum hadern mit dem Wandel?

          Ich glaube nicht, dass der Verlust der Handschrift unmittelbar bevorsteht. Klar, wir haben immer, wenn etwas Neues eingeführt worden ist, geunkt, und es gab unmittelbar danach eine Phase der Krise. Aber irgendwann, nach zwanzig oder dreißig Jahren, gewöhnt sich der Mensch daran, lernt mit den Nachteilen umzugehen und sie zu vermeiden und konzentriert sich auf die positiven Aspekte. Natürlich ist jeder Fortschritt janusgesichtig. Ohne den Buchdruck hätten sich die Thesen Luthers nicht so schnell und weit verbreiten können, und der Dreißigjährige Krieg wäre vielleicht nicht ausgebrochen. Dasselbe gilt für die neuen sozialen Medien. Meinungen können zum Guten und zum Schlechten beeinflusst werden. Aus Studien wissen wir: Wenn zwanzig Prozent einer Gruppe sich zusammentun und hinreichend kohärent agieren, kann das am Ende dazu führen, dass sie die ursprüngliche Mehrheit zum Kippen bringen.

          Zum Guten, wenn es etwa darum geht, den extremen Klimawandel zu verhindern, oder zum Schlechten, wenn sie rechten Populismus fördern. Momentan gehen wir mit den digitalen Medien durch diese Krisenphase. Die Latenz bis zu diesen Fortschrittskrisen hat sich im Laufe der Geschichte immer weiter verkürzt, weil sich die Entwicklung hin zu Neuem beschleunigt hat. Noch halten sich Unkenrufe und Zukunftsverheißungen die Waage, und in zwanzig Jahren werden wir sehen, was die Welt daraus gemacht hat. Ich glaube nicht, dass die Bücher oder die Zeitungen verschwinden werden.

          Wenn es ums Gehirn geht, werden häufig gesundheitliche Befürchtungen laut. Schwerwiegende schädliche Einflüsse auf das wachsende Gehirn hat die Hirnforschung bisher zwar nicht dokumentiert, eine jüngst publizierte ADHS-Studie hat dahin gehend zumindest keine klaren Hinweise geliefert. Aber wie sieht es aus, wenn wir nur das Gedächtnis betrachten: Kann die geringe Aufmerksamkeit und die Oberflächlichkeit des Betrachtens von Texten auf digitalen Medien dazu führen, dass Inhalte nicht so nachhaltig abgespeichert werden?

          Meine Intuition legt mir das auch nahe. Aber ich glaube nicht, dass wir das schon so klar sagen können. Sicher können mit den neuen Medien sehr viele Zusatzinformationen nebenbei aufgenommen werden, mit denen unser Gehirn nur passiv beschäftigt ist. Das mag hilfreich sein aber es birgt die Gefahr der Ablenkung. Für Kinder wird das Lesen einfach schnell langweilig, wenn nichts passiert. Für uns ist das anders: Alles, was im Text nicht passiert, müssen wir selbst ergänzen. Das ist ja auch das Schöne am Lesen: dass man frei ist mit dem, was man da in einer symbolischen Form kodiert zu sich nimmt, es einbettet in seinen eigenen Erfahrungsschatz und seine eigene Phantasiewelt. Das muss gepflegt werden, am besten ein Leben lang, denn letztlich ist das die Grundlage von Kreativität.

          Generell gilt: Weniger ist manchmal mehr. Lassen Sie dem Gehirn seine kreativen Eigenschaften, indem Sie ihm Zeit für Assoziationen gewähren. So gesehen, ist das Beste oft die Karikatur. Sie liefert ein paar Andeutungen, und das Gehirn macht eine ganze Welt daraus. Und diese selbstgemachte Welt, die behalten wir. Nicht die uns von außen aufgedrängte. Gegen die wehren wir uns, wenn zu viel von ihr auf uns einstürzt – und dann verliert das überfrachtete Medium seine Macht.

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