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Hirnforscher Wolf Singer : Was passiert, wenn wir das richtige Lesen verlernen?

Diese selbstgemachte Welt im Kopf, die behalten wir: Wolf Singer in der „Kluger Kopf“-Kampagne der Frankfurter Allgemeinen. Bild: F.A.Z., Scholz & Friends / Kai-Uwe Gundlach

Ein Buch auf Papier oder digital zu lesen, macht zunächst wenig Unterschied. Doch unsere Konzentration ist angesichts der digitalen Umwälzungen in Gefahr. Im Gespräch gibt der Hirnforscher Wolf Singer ein paar Antworten auf drängende Fragen.

          7 Min.

          Herr Singer, Sie sind kulturell interessiert, gut informiert und müssen als Wissenschaftler technisch immer auf der Höhe der Zeit sein. Lesen Sie digital?

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Ich höre Hörbücher, aber ich lese grundsätzlich keine E-Bücher. Auch schon, weil mir der Kontrast in der Sonne, wo ich gern lese, zu schlecht ist. Und wenn ich dann noch die Sonnenbrille aufsetzen muss, habe ich fast gar nichts mehr vom Lesen.

          Was passiert beim Lesen im Gehirn?

          Zuallererst aktivieren Sie Ihr visuelles System, weil Sie die Symbole erkennen müssen. Es gibt ein besonderes Areal in der Hirnrinde, das bei uns Menschen besonders stark ausgeprägt ist. Das können wir nutzen, um Grafeme zu erkennen. Aus Buchstabenfolgen Worte zu machen ist ein besonderes Problem. Wenn in dieser „word form area“ eine Lösung gefunden worden ist, wird diese Erregung weitergeleitet in die sprachverarbeitenden Systeme. Die sind primär angelegt im akustischen Bereich, weil die erste Verständigung auditiv war. Das Sprachnetzwerk geht von der Hörrinde aus. Von dort breitet sich die Information in weiter vorne gelagerte Hirnstrukturen aus, wo die motorischen Programme erarbeitet werden, um die Sprache auch aktiv zu nutzen und sich zu verständigen. Es handelt sich um ein weit verteiltes Netzwerk, das anders, als man früher dachte, nicht nur die sogenannte sprechende Hirnhälfte betrifft, sondern beide Hirnhälften. Es gibt spiegelsymmetrische Strukturen in den beiden Hemisphären, die sich alle an der Verarbeitung und Interpretation von Sprache beteiligen.

          Wenn Sie die Wortformen erkannt haben, muss aus diesen semantische Bedeutung extrahiert werden. Oft ergibt sich die Bedeutungszuweisung erst dann, wenn die Worte im Kontext von Sätzen interpretiert werden können. Es werden also Sequenzen von Symbolen und deren Relationen analysiert und mit gespeichertem Wissen abgeglichen. Es ist dies ein konstruktivistischer Prozess, der allen Wahrnehmungsprozessen zugrunde liegt. Wenn ich Sie anschaue und einen Kopf erkenne, dann werden in höheren Hirnarealen des visuellen Systems die elementaren Merkmale Ihres Kopfs zu einem Erregungsmuster führen, das für Köpfe charakteristisch ist. Ich kann dieses Muster aber nur interpretieren, wenn ich bereits die für Köpfe spezifische Merkmalskombination gelernt und abgespeichert habe. Lesenlernen ist eine zusätzliche Herausforderung, weil die Umsetzung der Buchstabenfolgen in Silben, Worte und Sätze und die dann folgende Zuweisung von Bedeutungen zusätzlichen Aufwand erfordert. Wenn man liest, spricht man eigentlich stumm. Man formt die Worte, die man geschrieben sieht, in ein Lautbild und verarbeitet dieses dann, als wenn man etwas gehört beziehungsweise gesprochen hätte.

          Was weiß die Hirnforschung darüber, wie sich der Prozess des Lesens durch digitale Kulturtechniken verändert?

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