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Hexenverfolgung und Klimawandel : Der Winter der Welt

Seelen in Erwartung des Feuers: Monica Anna Cammerlander (M.) als Mutter Moorhauptin bei Dreharbeiten des Films „Die Seelen im Feuer“ Anfang Oktober in Bamberg Bild: dpa

Im 17. Jahrhundert brannten mitten in Deutschland die Hexen und die Hexer. Die Geschichte vom Bischof, der zur Hetzjagd aufruft, ist von erstaunlicher Aktualität. Eine Erzählung vom Klimawandel.

          6 Min.

          Die Geschichte, von der hier berichtet werden soll, hat mit uns Zeitgenossen sehr viel zu tun - nicht obwohl seither fast vierhundert Jahre vergangen sind, sondern gerade deshalb: Man erkennt das ganze große Bild erst, wenn man es aus einem Abstand betrachtet; und damals, als die fürchterlichen Dinge geschahen, wäre niemand, auch nicht die Klügsten und die Besten, in der Lage gewesen, die Herkunft und die Ursachen des Wahns, der die Menschen ergriffen hatte, zu durchschauen.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es war in den letzten Jahrzehnten des 16. und den ersten des 17. Jahrhunderts, als in Städten, Dörfern und Landschaften, die damals zu den frömmsten gehörten und die wir heute zu den schönsten zählen, als in Franken also und ganz besonders in den katholischen Fürstbistümern Würzburg und Bamberg die Menschen damit anfingen, einander der ungeheuerlichsten Verbrechen und Sauereien zu bezichtigen. Die Frau, die gerade noch eine beliebte Nachbarin gewesen war, wurde angeklagt, sie habe Unzucht mit dem Satan getrieben, aus Kinderleichen Hexensalbe gekocht, und nachts, wenn der Sturm blies, sei sie mit ihrem Besen durch die Lüfte geritten. Der Mann, der gestern noch ein geachteter Bürger gewesen war, wurde denunziert, er habe im Wald mit den Hexen getanzt, den Namen des Herrn verspottet und die Hostie geschändet. Wer angeklagt wurde, hatte kaum eine Chance, dem Todesurteil zu entgehen - und als die Herrschaft des Julius Echter von Mespelbrunn, Fürstbischof von Würzburg und Herzog in Franken, im September des Jahres 1617 mit dem Tod des Bischofs endete, waren mindestens neunhundert Hexen und Hexer auf den Scheiterhaufen seines Bistums verbrannt.

          Überwältigende Schönheit

          Dass hier aber vor allem von der Hexenjagd im Fürstbistum Bamberg die Rede sein soll, das hat, einerseits, damit zu tun, dass die Geschichte dort besser als anderswo dokumentiert ist. Die Schriftstellerin Sabine Weigand berichtet im Nachwort zu ihrem (trivial geschriebenen, aber superseriös recherchierten) Roman „Die Seelen im Feuer“, dass das Landgericht Bamberg im frühen 19. Jahrhundert die Archive entrümpelt und alte Akten als Anschürpapier versteigert habe. Ein Händler habe das Papier gekauft, ein Kunde, der historisch interessiert war, habe seine Nägel in einer Tüte aus Hexenakten verpackt gefunden und daraufhin den ganzen Stapel Papier gekauft. So kam es, dass, wenn schon nicht die Hexen, dann doch wenigstens die Hexenakten dem Feuer entgingen.

          Andererseits hat es aber darin seinen Grund, dass jeder, der diese Stadt besucht, zumal wenn er aus den graueren und hässlicheren Ortschaften des Nordens kommt, erst einmal überwältigt ist von der Schönheit, von der ganzen Pracht. Der Dom, romanisch-gotisch, die Klöster und die Kirchen, die Residenzen und Paläste, die hübschen Wohnhäuser, bürgerlich-barock. Wenn es Gott gibt, dann hat er das genau so gewollt. Wenn nicht, dann sind Glaube und Gottesfurcht wenigstens dazu gut, solche Schönheit hervorzubringen. Man empfindet diesen Anblick, ob es einem passt oder nicht, als Kritik einer Gegenwart, die hässlicher und profaner ist. Und man stellt sich die Bewohner jener Epochen fast zwangsläufig als stimmigere Existenzen vor.

          Kampf für ein paar deutliche Zeichen

          Und das ist der nächste Grund, warum hier von Bamberg berichtet wird. Es ist nicht so, dass die weltliche und die kirchliche Obrigkeit die Massenmorde des frühen siebzehnten Jahrhunderts totschweigen wollten; soeben hat die Stadt Bamberg eine Bilanz der Hexenprozesse herausgegeben und eine kommentierte Fassung des Briefs, den der Bamberger Bürgermeister Johannes Junius aus dem Hexengefängnis schrieb: „So wird die gantze Burgerschafft verbrendt ...“

          Prachtvoll: Blick über die Bamberger Altstadt

          Aber der Fremde kann tagelang durch die schönen Straßen und Gassen der Stadt spazieren, ohne dass der kleinste Hinweis auf die vergangenen Massaker die idyllische Stimmung stören würde. Dagegen streiten und für ein paar deutlich sichtbare Zeichen kämpfen ein paar engagierte Bamberger Bürger, deren engagiertester, der Bohemien und Schriftsteller Ralph Kloos, in seiner Heimatstadt naturgemäß als Nervensäge wahrgenommen wird. Befeuert wird solches Engagement von neueren Publikationen, von Birke Grießhammers Studie „Angeklagt, gemartert, verbrannt“ zum Beispiel, die neulich in einem kleinen Verlag erschienen ist. Und in diesem Herbst hat das ZDF die „Seelen im Feuer“ verfilmt, was womöglich keine ganz schlechte Nachricht ist; der Kitsch steckt ja in der Sprache, der Plot ist ziemlich nah an dem, wie es wohl wirklich gewesen ist.

          Ganze Häuserzeilen leer

          Der Wahnsinn hat allem Anschein nach in Zeil am Main angefangen, einer kleinen Stadt, etwa dreißig Kilometer mainabwärts. Es war im Jahr 1626, und ein paar Jahre später bauten sie dort, weil das Holz für die Scheiterhaufen knapp und zu teuer wurde, für die vielen Hexen und Hexer einen Brennofen - vermutlich den ersten in der Geschichte der deutschen Massenmorde. Im Jahr 1627 brannten auch in Bamberg die Scheiterhaufen. Es war der Fürstbischof Johann Georg II. Fuchs von Dornheim, der zur Hexenjagd aufgerufen hatte; sein Weihbischof Friedrich Förner, ein fanatischer Hetzer, dessen Hasspredigten (die erhalten sind) die riesige Kirche St. Martin füllten und die Stadt und das ganze Hochstift erschreckten, hatte ihn entflammt für die Idee. Am Stadtrand wurde das sogenannte Malefizhaus errichtet, ein Foltergefängnis, aus dem, wer einmal dort gelandet war, nur noch herauskam, um die paar hundert Meter zum Richtplatz zu gehen.

          Ums Jahr 1630 herum hatten sechs- bis siebenhundert Christenmenschen ihr Leben gelassen, darunter der Kanzler und der Bürgermeister, ganze Häuserzeilen standen leer, Handel und Handwerk waren in der Krise. Wie der Terror schließlich endete, ist gut dokumentiert. Kaiser und Reichshofrat in Wien verboten das Treiben, nachdem ein Spruch des Reichskammergerichts in Speyer keine Wirkung gezeigt hatte. Und vom Norden her rückten der Krieg, der lange keine Rolle gespielt hatte, und die Schweden näher. Der Fuchs von Dornheim floh nach Spital in Oberösterreich, wo ihn bald der Schlag traf; Teile des Domschatzes mit dem eingezogenen Vermögen der angeblichen Hexen hatte er vorsorglich mitgenommen.

          Der Frost, der Hagel, der Sturm

          Wie und warum es aber anfing, dazu gibt es nicht viel mehr als ein paar Arbeitshypothesen. Sicher ist, dass dieser Hexenwahn ein Phänomen der Neuzeit war. Im Mittelalter hatte man Hexerei als Restbestand des alten Heidentums wahrgenommen, wovon sich ein gottesfürchtiger Mensch nicht beunruhigen ließ. Jetzt aber fand sich das deutsche Herzland in einer Lage, in der sich heute Ägypten oder der Irak befinden: am Rand einer Welt, in deren Zentren längst andere Zeiten begonnen haben. In England regierte Elisabeth über ein goldenes Zeitalter, in Frankreich modernisierte Richelieu den Staat, in Rom blühte längst der Barock. Nur im Heiligen Römischen Reich knirschten die uralten Strukturen, dass den Menschen davon ganz bange wurde.

          Wer aber die Anklagen von damals liest, der findet, zwischen all dem Blödsinn über Sex mit dem Unaussprechlichen, gemordeten Säuglingen und Fahrten durch die Lüfte, auch die einzige handfestere und realistischere Ursache: Immer wieder heißt es, die Hexen und Hexer hätten den Wein erfrieren lassen und den Weizen auch. Sie hätten den Frost herbeigezaubert, sie hätten den Hagel geschickt, kalten Regen und Stürme, so furchtbar, dass kein Mensch sich an heftigere erinnern konnte.

          Auch heute können wir sie nicht ganz austreiben

          Heute wissen wir, dass das Jahr 1626 das kälteste in der jüngeren Klimageschichte war. Die mittelalterliche Warmzeit war im späten 15. Jahrhundert zu Ende gegangen, und jetzt, in den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts, hatte die sogenannte Kleine Eiszeit ihren Tiefpunkt erreicht. Woher sollten die Menschen aber wissen, was sie da erlebten - wo sie doch keine Wetterstationen hatten, keine Temperaturaufzeichnungen. Und von schwankender Sonnenaktivität konnte niemand eine Ahnung haben. Jeder warme Sommer nährte die Illusion, dass eigentlich alles beim Alten war. Und wenn im nächsten Herbst der Wein erfror, weil der Frost schon im September kam, spielte offensichtlich der Teufel sein Spiel.

          Der Zusammenhang von Klimawandel und Hexenwahn ist evident; es ist in allen Anklagen das schlechte Wetter, das nur durch Zauber zu erklären ist - aber wenn heutige Forscher diesen Zusammenhang erwähnen, dann tun sie das meist schamhaft, diskret, so, als ob ihnen die ganze Sache peinlich wäre. Was wohl daran liegt, dass auch wir, die wir heute den Klimawandel messen und erforschen und, wenn Gott und wir selber das wollen, auch bekämpfen können, uns aber angewöhnt haben, die Heftigkeit der Stürme und des Regens und die Größe der Hagelkörner mit der Erderwärmung zu erklären. Entweder oder, möchte man da sagen, und man wird den Verdacht nicht los, dass wir auch heute, in unserer rationaleren Zeit, die Glaubensfragen und die Irrationalität nicht ganz austreiben können. Als es anfing, wärmer zu werden, wurde die Coolness erfunden. Damals, als es kälter wurde, brannten die Scheiterhaufen. Beides hilft nicht, wie wir wissen könnten.

          Dem Wahnsinn unterworfen

          Dass der Terror, als er dann herrschte im Hochstift Bamberg, nach denselben Gesetzen funktionierte wie später der terreur unter Robespierre und die Herrschaft Stalins in dessen schrecklichsten Jahren; dass also einer den anderen schon deshalb denunzierte, weil er fürchtete, andernfalls von ihm denunziert zu werden; dass, wer seine Unschuld beteuerte und der Folter eine Weile widerstand, nur als besonders perfider Gegner der herrschenden Verhältnisse wahrgenommen wurde: Das ist, einerseits, vielleicht keine Überraschung. Aber andererseits bleibt es erschreckend, wie die Menschen, wenn der Wahnsinn herrscht, sich ihm lieber unterwerfen, als seine Grundlagen anzuzweifeln.

          Den naheliegenden (und von der sogenannten Aktualität angeheizten) Verdacht, dass nämlich die schlimmsten unter den Bischöfen die prächtigsten Bauten in Auftrag gaben, lässt sich mit der Bamberger Geschichte nicht bestätigen. Die herrliche barocke Zeit fing erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts an, als der große Krieg zu Ende war. Es war aber auch das Vermögen der Verbrannten, was die Kassen der Kirche so gut gefüllt hatte.

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