https://www.faz.net/-gqz-7jqea

Hexenverfolgung und Klimawandel : Der Winter der Welt

Wer aber die Anklagen von damals liest, der findet, zwischen all dem Blödsinn über Sex mit dem Unaussprechlichen, gemordeten Säuglingen und Fahrten durch die Lüfte, auch die einzige handfestere und realistischere Ursache: Immer wieder heißt es, die Hexen und Hexer hätten den Wein erfrieren lassen und den Weizen auch. Sie hätten den Frost herbeigezaubert, sie hätten den Hagel geschickt, kalten Regen und Stürme, so furchtbar, dass kein Mensch sich an heftigere erinnern konnte.

Auch heute können wir sie nicht ganz austreiben

Heute wissen wir, dass das Jahr 1626 das kälteste in der jüngeren Klimageschichte war. Die mittelalterliche Warmzeit war im späten 15. Jahrhundert zu Ende gegangen, und jetzt, in den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts, hatte die sogenannte Kleine Eiszeit ihren Tiefpunkt erreicht. Woher sollten die Menschen aber wissen, was sie da erlebten - wo sie doch keine Wetterstationen hatten, keine Temperaturaufzeichnungen. Und von schwankender Sonnenaktivität konnte niemand eine Ahnung haben. Jeder warme Sommer nährte die Illusion, dass eigentlich alles beim Alten war. Und wenn im nächsten Herbst der Wein erfror, weil der Frost schon im September kam, spielte offensichtlich der Teufel sein Spiel.

Der Zusammenhang von Klimawandel und Hexenwahn ist evident; es ist in allen Anklagen das schlechte Wetter, das nur durch Zauber zu erklären ist - aber wenn heutige Forscher diesen Zusammenhang erwähnen, dann tun sie das meist schamhaft, diskret, so, als ob ihnen die ganze Sache peinlich wäre. Was wohl daran liegt, dass auch wir, die wir heute den Klimawandel messen und erforschen und, wenn Gott und wir selber das wollen, auch bekämpfen können, uns aber angewöhnt haben, die Heftigkeit der Stürme und des Regens und die Größe der Hagelkörner mit der Erderwärmung zu erklären. Entweder oder, möchte man da sagen, und man wird den Verdacht nicht los, dass wir auch heute, in unserer rationaleren Zeit, die Glaubensfragen und die Irrationalität nicht ganz austreiben können. Als es anfing, wärmer zu werden, wurde die Coolness erfunden. Damals, als es kälter wurde, brannten die Scheiterhaufen. Beides hilft nicht, wie wir wissen könnten.

Dem Wahnsinn unterworfen

Dass der Terror, als er dann herrschte im Hochstift Bamberg, nach denselben Gesetzen funktionierte wie später der terreur unter Robespierre und die Herrschaft Stalins in dessen schrecklichsten Jahren; dass also einer den anderen schon deshalb denunzierte, weil er fürchtete, andernfalls von ihm denunziert zu werden; dass, wer seine Unschuld beteuerte und der Folter eine Weile widerstand, nur als besonders perfider Gegner der herrschenden Verhältnisse wahrgenommen wurde: Das ist, einerseits, vielleicht keine Überraschung. Aber andererseits bleibt es erschreckend, wie die Menschen, wenn der Wahnsinn herrscht, sich ihm lieber unterwerfen, als seine Grundlagen anzuzweifeln.

Den naheliegenden (und von der sogenannten Aktualität angeheizten) Verdacht, dass nämlich die schlimmsten unter den Bischöfen die prächtigsten Bauten in Auftrag gaben, lässt sich mit der Bamberger Geschichte nicht bestätigen. Die herrliche barocke Zeit fing erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts an, als der große Krieg zu Ende war. Es war aber auch das Vermögen der Verbrannten, was die Kassen der Kirche so gut gefüllt hatte.

Weitere Themen

Topmeldungen

Mario Draghi und seine Nachfolgerin Christine Lagarde.

Wechsel an der EZB-Spitze : Draghi und die Deutschen

Nirgendwo ist EZB-Präsident Mario Draghi, der am 31. Oktober abtritt, auf so viel Protest gestoßen wie in Deutschland. Am Ende hat er die Macht der Europäischen Zentralbank überdehnt. Eine Bilanz.

Ukraine-Affäre : Stehen die Republikaner weiter hinter Trump?

Der amerikanische Botschafter in der Ukraine, William Taylor, hat Donald Trump vor dem Kongress schwer belastet. Die Republikaner reagierten mit Solidaritätsbekundungen, aber einige in der Partei setzen sich auch von ihrem Präsidenten ab.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.