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Hexenverfolgung und Klimawandel : Der Winter der Welt

Prachtvoll: Blick über die Bamberger Altstadt

Aber der Fremde kann tagelang durch die schönen Straßen und Gassen der Stadt spazieren, ohne dass der kleinste Hinweis auf die vergangenen Massaker die idyllische Stimmung stören würde. Dagegen streiten und für ein paar deutlich sichtbare Zeichen kämpfen ein paar engagierte Bamberger Bürger, deren engagiertester, der Bohemien und Schriftsteller Ralph Kloos, in seiner Heimatstadt naturgemäß als Nervensäge wahrgenommen wird. Befeuert wird solches Engagement von neueren Publikationen, von Birke Grießhammers Studie „Angeklagt, gemartert, verbrannt“ zum Beispiel, die neulich in einem kleinen Verlag erschienen ist. Und in diesem Herbst hat das ZDF die „Seelen im Feuer“ verfilmt, was womöglich keine ganz schlechte Nachricht ist; der Kitsch steckt ja in der Sprache, der Plot ist ziemlich nah an dem, wie es wohl wirklich gewesen ist.

Ganze Häuserzeilen leer

Der Wahnsinn hat allem Anschein nach in Zeil am Main angefangen, einer kleinen Stadt, etwa dreißig Kilometer mainabwärts. Es war im Jahr 1626, und ein paar Jahre später bauten sie dort, weil das Holz für die Scheiterhaufen knapp und zu teuer wurde, für die vielen Hexen und Hexer einen Brennofen - vermutlich den ersten in der Geschichte der deutschen Massenmorde. Im Jahr 1627 brannten auch in Bamberg die Scheiterhaufen. Es war der Fürstbischof Johann Georg II. Fuchs von Dornheim, der zur Hexenjagd aufgerufen hatte; sein Weihbischof Friedrich Förner, ein fanatischer Hetzer, dessen Hasspredigten (die erhalten sind) die riesige Kirche St. Martin füllten und die Stadt und das ganze Hochstift erschreckten, hatte ihn entflammt für die Idee. Am Stadtrand wurde das sogenannte Malefizhaus errichtet, ein Foltergefängnis, aus dem, wer einmal dort gelandet war, nur noch herauskam, um die paar hundert Meter zum Richtplatz zu gehen.

Ums Jahr 1630 herum hatten sechs- bis siebenhundert Christenmenschen ihr Leben gelassen, darunter der Kanzler und der Bürgermeister, ganze Häuserzeilen standen leer, Handel und Handwerk waren in der Krise. Wie der Terror schließlich endete, ist gut dokumentiert. Kaiser und Reichshofrat in Wien verboten das Treiben, nachdem ein Spruch des Reichskammergerichts in Speyer keine Wirkung gezeigt hatte. Und vom Norden her rückten der Krieg, der lange keine Rolle gespielt hatte, und die Schweden näher. Der Fuchs von Dornheim floh nach Spital in Oberösterreich, wo ihn bald der Schlag traf; Teile des Domschatzes mit dem eingezogenen Vermögen der angeblichen Hexen hatte er vorsorglich mitgenommen.

Der Frost, der Hagel, der Sturm

Wie und warum es aber anfing, dazu gibt es nicht viel mehr als ein paar Arbeitshypothesen. Sicher ist, dass dieser Hexenwahn ein Phänomen der Neuzeit war. Im Mittelalter hatte man Hexerei als Restbestand des alten Heidentums wahrgenommen, wovon sich ein gottesfürchtiger Mensch nicht beunruhigen ließ. Jetzt aber fand sich das deutsche Herzland in einer Lage, in der sich heute Ägypten oder der Irak befinden: am Rand einer Welt, in deren Zentren längst andere Zeiten begonnen haben. In England regierte Elisabeth über ein goldenes Zeitalter, in Frankreich modernisierte Richelieu den Staat, in Rom blühte längst der Barock. Nur im Heiligen Römischen Reich knirschten die uralten Strukturen, dass den Menschen davon ganz bange wurde.

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