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Hexenausstellung in Speyer : Mutter aller Verfolgungen

  • -Aktualisiert am

Zum Schutz vor dem bösen Blick: Augenamulett mit Filigranfassung, undatiert Bild: Haus zum Dolder, Beromünster

Ein Ausstellung beleuchtet in Speyer Entstehungsgeschichte und Ausbruch des europäischen Hexenglaubens. In ihr wird das Bild einer Epoche der Verunsicherung lebendig - und der Kämpfe um den wahren und den falschen Glauben.

          „Keinem ist zweifelhaft, dass die Hexen wunderbare Taten an den männlichen Gliedern vollbringen.“ Die Obertöne schrillen nur so in diesem Satz aus Jakob Sprengers und Heinrich Institoris' „Hexenhammer“ von 1486, der auch sonst mit allen Insignien des Begehrens versehen ist. Gemeint aber ist ein negatives Wunder: der weggehexte Penis, „nicht zwar, dass sie wirklich die Leiber der Menschen derselben berauben, sondern sie nur durch Zauberkunst verhüllen“. In Regensburg, so wird nun zum Beweise erzählt, „hing sich ein Jüngling an ein Mädchen; und als er es im Stiche lassen wollte, verlor er sein Männliches, natürlich durch Gaukelkunst“. Natürlich! Eine Alte gibt dem vermeintlich Impotenten den Tip, die Verlassene zur Wiedergutmachung zu zwingen.

          Das ließ sich der Knabe gesagt sein, suchte sein Mädchen auf, „würgte sie mit einem Handtuche“, bis ihr „Gesicht schon anschwoll und blau wurde“, da endlich „berührte die Hexe ihn mit der Hand zwischen den Schenkeln“ - und voilà, es regte sich etwas. Was mit solchen Mädchen zu passieren hat, die man nicht ohne Kastrationsangst im Stich lassen kann, ist für die beiden Theologen sonnenklar: Sie müssen aufgespürt, bei Unschuldsbeteuerungen gefoltert und schließlich lebendig verbrannt werden. Eine Verteidigung wird nicht geduldet. Das Speyerer Exemplar des „Hexenhammers“ stammt von 1490 und lässt sich nun im Historischen Museum der Pfalz anstaunen, gehört es doch zu den über sechshundert Exponaten der höchst eindrucksvollen kulturgeschichtlichen Ausstellung „Hexen - Mythos und Wirklichkeit“.

          Bad Bank für toxische Gedanken und irrationale Ängste

          Es scheint etwas dran zu sein am Gedanken einer Dialektik der Aufklärung, wonach gerade in Epochen der Entzauberung, des wissenschaftlichen Durchbruchs, das ausgeschlossene magische Denken die größtmögliche Verdichtung erfährt. Auch die so prometheisch Gotteswerk auf Naturgesetze zurückführende Frühe Neuzeit hat mit der Hexe eine Bad Bank für alle toxischen Gedanken und irrationalen Ängste gegründet, ein so teuflisch verführerisches Konstrukt, dass es sich über die zwei großen Wellen (1570 bis 1630 und 1650 bis 1680) hinaus zu behaupten vermochte.

          Damit die Beschuldigte keine Zaubermittel im Gewand verstecken konnte: geweihtes Folterhemd, vermutlich 1680 für Anna Kramerin

          Lange kam man ohne Hexen aus. Erst nach dem Ende des zivilisierten Mittelalters verschmolzen unter dem Einfluss des Basler Konzils zu Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts im Gebiet der Westalpen die teils weit zurückreichenden Phantasmen eines Teufelspakts durch Beischlaf, des Ketzersabbats voller sexueller Ausschweifungen, des Schadenszaubers, des Kannibalismus und der zuvor - etwa bei Thomas von Aquin - immer wieder als Gaukeltraum verlachten Vorstellung, Frauen flögen splitternackt durch die Nacht. Hexen konnten auch männlich sein, doch Frauen galten im Heiligen Römischen Reich als besonders anfällig für höllische Affären, wobei der männliche Dämon („incubus“) stets oben zu liegen hatte. Nur so nämlich pflanze er den Frauen den zuvor als unten liegender weiblicher Dämon (“succuba“) arglosen Männern entzogenen, inzwischen dämonisch angereicherten Samen ein.

          Die Epoche der Verunsicherung wird lebendig

          Kein Wunder jedenfalls, dass bildende Künstler die Hexenvorlage gerne aufnahmen: Seit der Marienfrömmigkeit war ihnen kein derart erotisches Thema mehr zugespielt worden. Exemplarisch sind Gemälde von David Teniers dem Jüngeren aus dem siebzehnten Jahrhundert ausgestellt, auf denen junge nackte Hexen auf phallischen Besen vor dem Abflug durch den Kamin mit Flugsalbe eingerieben werden.

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