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100 Jahre Brechts „Trommeln“ : Glotzt nicht so erwartbar

Wilder Haufen: Szenenfoto der Uraufführung von „Trommeln in der Nacht“ mit Max Schreck (Zweiter von rechts) als Glubb Bild: Deutsches Theatermuseum München, Inv. Nr. IV 2645

Heute vor 100 Jahren wurden an den Münchner Kammerspielen Bertolt Brechts „Trommeln in der Nacht“ uraufgeführt. Erinnerung an ein unerhört wildes Stück.

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          Der Erste Weltkrieg hatte neue Menschen hervorgebracht. Menschen, denen die Traditionen verloren gegangen waren, die sich von den Maschinen überwältigt und verbraucht sahen, denen jede denkbare Art von Gemeinheit begegnet war, auch die eigene. Die Zeit fuhr ihnen über die Köpfe, alle Begriffe, mit denen sie sich zuvor die Welt fortschrittsselig zurechtgelegt hatten, die militärischen so gut wie die ökonomischen, politischen oder moralischen, waren nichts mehr wert, ein ungeheurer Schwindel erfasste die meisten. Eine ungeheure Bereitschaft auch, sich einem Schwindel hinzugeben.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Der junge Bertolt Brecht stellte das auf die Bühne. Heute vor einhundert Jahren wurde erstmals ein Stück von ihm gespielt, „Trommeln in der Nacht“ an den Münchner Kammerspielen. Die Komödie hatte er unter dem Arbeitstitel „Spartakus“ drei Jahre zuvor in Augsburg zu schreiben begonnen, er selbst war vierundzwanzig, als sie unter der Regie von Otto Falckenberg in den windschiefen Kulissen von Otto Reigbert uraufgeführt wurde, die den Filmen der Zeit entnommen schienen. Im selben Jahr kam „Nosferatu“ in die Kinos, der Darsteller des Vampirs, Max Schreck, spielte in München den kommunistischen Schnapshändler Glubb. Für die weibliche Hauptrolle hatte sich Brecht Blandine Ebinger gewünscht, auch ein Stummfilmstar.

          Nichts ist gut

          Die Gattungsbezeichnung „Komödie“, die auf dem Theaterplakat stand, war merkwürdig. Denn „Trommeln in der Nacht“ kann ein Lustspiel nur genannt werden, wenn darin die verzweifelte Lust eingeschlossen ist. Am Ende, richtig, wird geheiratet. Aber nichts ist gut. In Berlin kämpfen die Verbände des Spartakus um das Zeitungsviertel. Es ist die Zeit der Morde an Luxemburg, Liebknecht, Eisner und Rathenau. Ein im Weltkrieg in Afrika verloren geglaubter Soldat kehrt heim, findet seine Verlobte schwanger von einem anderen, kurz vor der Ehe. Er kämpft um sie oder besser: reißt sie wieder an sich, als ehemaligen Besitz.

          Ihr Vater, ein Fabrikant, der dabei ist, seine Produktion von Geschosskörben auf Kinderwagen umzustellen, will es anders. Der neue Verlobte ist nur halb entschieden – „Eifersucht, das gibt’s nicht bei mir“ –, meist betrunken und hinter anderen Röcken her. Der Anziehungskraft des ausgehöhlten Leidensmannes von der algerischen Front hat er nichts entgegenzusetzen, das Mädchen dreht um. Am Leidensmann ziehen aber auch die revolutionären Kräfte, die keinen Kämpfer an sein privates Glück verloren geben wollen. Der Heimkehrer entscheidet sich jedoch nach einer verzweifelten Arie – „Das ist alles Volksbetrug“, „Glotzt nicht so romantisch“, „Leckt mich jetzt am Arsch. Ich bin der Liebhaber“ – gegen die Revolte und für das Bett.

          Bertolt Brecht war zeit seiner Tage unzufrieden mit diesem Ausgang. „Das Stück ‚Trommeln in der Nacht‘ war sehr erfolgreich, und es tut mir leid, dass gerade ich es schrieb“, notiert er später. Nach gängiger Theatermanier habe er in einen sachlichen Zusammenhang, die Revolution, einen menschlichen Konflikt hineingeschrieben. Der Soldat lässt vom Barrikadenkampf ab, als er seine alte Position wieder erhält. Die Interessen der Umstürzler waren also nicht homogen genug, um die Revolution von den Verlusten unabhängig zu machen, den Leute wie der Kriegsheimkehrer erlitten hatten.

          Anflüge von Obszönität

          An Brecht nagte überdies das schlechte Gewissen, Erfolg in der falschen Gesellschaft zu haben. Dass die „Trommeln“ auf fünfzig deutschen Bühnen aufgeführt wurden, machte ihn misstrauisch. Er hatte die Bürger schockieren wollen, jetzt liefen sie ihm zu und genossen die volkstümliche und expressionistische Diktion des Dramas, kurze Sätze ohne Verben, Körperbilder, Anflüge von Obszönität.

          Außerdem wurmte ihn, dass er eine Liebesgeschichte geschrieben hatte, um Geld zu verdienen, weil seine eigene Freundin von ihm schwanger war. „Das Verfassen dieses Stücks war ein geschäftliches Unternehmen von wirklichem Ernst, und gerade dadurch wurde ich instand gesetzt, die Bedürfnisse des zahlenden Publikums zu erfassen“, schrieb Brecht und berührte damit die Komplexion des Künstlers mit dem Markt.

          In seinen Notizen zu „Trommeln in der Nacht“ probiert Brecht Thesen zur Sexualität unter revolutionären Umständen aus. Die bürgerliche Erotik sei verbraucht, der „Genuss an zotigen Worten“ und schmutzigen Praktiken sei symptomatisch. Der Beischlaf mit der von einem anderen Schwangeren ist ein Element des Dramas. Es war dabei für Brecht stets wichtig, die eigene Geschlechtsmoral als unbürgerlich, die bürgerliche aber im Zustand der Verwesung darzustellen, also Selbstgerechtigkeit mit analytischem Verstand zu verbinden.

          Schlimmer als die Bourgeois

          Das führte ihn zu nachträglichen Beschimpfungen seines Protagonisten, Kragler. Er sei ein falscher Proletarier, ein Sozialdemokrat, ein „Kleinbürgersoldat“, schlimmer als die Bourgeois, weil er Klassenverrat aus Sehnsucht nach seinem verlorenen sexuellen und familiären Eigentum beging. Die Revolution sei für Kragler ohne romantischen Mond nicht denkbar. Brechts schlechtes Gewissen wurde zusätzlich durch das Gefühl geweckt, einen Kochtopf auf den Vulkan von 1919 gestellt zu haben, um das eigene dramatische Süppchen zu erhitzen.

          Bertolt Brecht, aufgenommen im Jahr 1948.
          Bertolt Brecht, aufgenommen im Jahr 1948. : Bild: Allstar

          Man kann diese Einreden des Schriftstellers gegen das eigene Werk, so zwanghaft sie sind, nur bewundern. Brechts Theater blieb eines des Argumentierens, und wie oft er sich auch in Fehlschlüssen verloren oder verrannt haben mag, war es doch stets eine Diskussion, die er führte. Hier die über den Einsatz, den das politische Leben dem unpolitischen abverlangen kann. Im Stück wird sie nicht nur mit Argumenten bestritten, sondern auch mit körperlichen Erfahrungen. Der Kriegsheimkehrer bringt einen misshandelten Leib zurück. Ein Meer voll Leichen hat er gesehen, Menschen erschossen, Gras gefressen. Er habe, sagt er, eine Haut wie ein schwarzer Hai, zugleich zerknittert wie Pergament, Hände mit Schwimmhäuten zwischen den Fingern und „eine Negersprache im Hals“.

          Chaos der Zeit

          Es war vor allem der Berliner Theaterkritiker Herbert Jhering, der Brecht mit den Worten durchsetzte, er habe über Nacht das dichterische Antlitz Deutschlands verändert, weil er das Chaos der Zeit körperlich empfinde. Brecht sei das seit Wedekind aufwühlendste Erlebnis: „Die Gestalten phosphoreszieren.“ Alfred Kerr hingegen, womöglich verschnupft, dass nicht er Brecht entdeckt hatte, ließ das Stück in den denkbar eitelsten Formulierungen abtropfen. Brecht, ein „begabter Ragoutkoch“, unselbständig, dies an das leimend, „aber frisch; aber frisch“.

          1969 hat Botho Strauß in „Theater heute“ geschrieben, die Neuinszenierung des Stückes könne geeignet sein, das eingeschliffene Brecht-Verständnis zu erschüttern. Hier, beim frühen Brecht, seien die Figuren noch volumenreicher, keine Karikaturen, nicht emotional verarmt, das Stück nicht zum Dialektikunterricht verpflichtet. Die Aufforderung, nicht so romantisch zu glotzen, die Brecht bei der Uraufführung dem Publikum auf einem Plakat entgegenhielt, meint Strauß, habe vielleicht nur dazu gedient, den später immer größer werdenden Ärger über Schwächen des Stücks abzureagieren.

          Hierin liegt eine Frage an das gegenwärtige Theater. Glotzt nicht so moralisch, schreibt heute niemand auf ein Plakat. Vielleicht deshalb nicht, weil man das Plakat oftmals einfach umdrehen und einem Bühnengeschehen entgegenhalten könnte, das als Predigt vor den Gläubigen das Unheil der Welt, die Boshaftigkeit der Bösen (Kapitalisten, Rechte und so weiter) und den Mangel an Gerechtigkeit inszeniert. Das Theater der Beschwerde tötet die Verblüffung. Alles schon einmal gehört. Brechts „Trommeln“ waren, Ragout hin oder her, etwas in Ton und Farbe Unerhörtes, Wildes.

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