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Hessischer Kulturpreis : Kant hat dasselbe wie Kermani gelehrt

  • -Aktualisiert am

Es geht um den Gekreuzigten, nicht um das Kreuz Bild: Helmut Fricke

Zwei Kirchenmänner haben sich das falsche Feindbild gesucht, als sie gegen Navid Kermani als Preisträger intervenierten. Und sie haben ihn nicht genau gelesen. Der Theologe Friedrich Wilhelm Graf zum Eklat beim hessischen Kulturpreis.

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          Im Streit um „Dominus Jesus“, die Erklärung der Glaubenskongregation, dass allein die römisch-katholische Kirche wahre Kirche Jesu Christi sei, suchte Karl Kardinal Lehmann im Herbst 2000 in blumigen Worten zu beschwichtigen. Der „Welt am Sonntag“ erklärte er, man müsse solche Lehrtexte im „größeren Zusammenhang anderer römischer Verlautbarungen“ würdigen. Es entspreche „guter theologischer Übung, Texte in ihrer ganzen Dimension zu erschließen und auszulegen, sie einzuordnen“. Allerdings „habe ich das Gefühl, dass die Kunst, solche Dokumente angemessen und sinngerecht zu lesen, auch in unseren eigenen Reihen eigentlich immer seltener anzutreffen ist“, fügte der Mainzer Bischof selbstkritisch hinzu.

          Man darf dies nun als prophetische Einsicht preisen. Sein infamer Brief an Ministerpräsident Roland Koch, mit dem er die Vergabe des Hessischen Kulturpreises an Navid Kermani hintertrieben hat, lässt keinerlei Bereitschaft erkennen, einen anspruchsvollen religiösen Text in seiner „ganzen Dimension“ zu erschließen. Auch die theologischen Lesekünste Peter Steinackers, des einstigen Präsidenten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, sind nur schwach entwickelt. Wer Kermanis Glaubensessays kennt, kann die von Lehmann und Steinacker erhobenen Vorwürfe nur für gegenstandslos erklären.

          Ein moderierender Intellektueller

          Navid Kermani ist kein intoleranter Feind des Christentums, der dessen „Zentralsymbol“, das Kreuz, verunglimpft, sondern ein frommer muslimischer Religionsintellektueller, der seinen Gott auf ganz eigene Weise verehrt und sich dabei einfühlsam auch den inneren Sinn christlicher Frömmigkeit zu erschließen sucht. Kein anderer unter den wenigen muslimischen Intellektuellen im Lande hat seit Jahren vergleichbar kundig und verständnisbereit die in sich spannungsreichen christlichen Symbolwelten ernst genommen. Kann dies den Herren Lehmann und Steinacker entgangen sein? Eine Antwort fällt schwer. Denn entweder muss man ihnen einen erschreckenden Mangel an theologischer Bildung oder aber einen durch Alterseitelkeit und Machtinstinkt genährten Willen zur Denunziation eines deutlich jüngeren Gelehrten attestieren, der, im Unterschied zu den hohen geistlichen Herren, ja keine einflussreiche Großorganisation, sondern nur sich selbst repräsentiert.

          Kermanis Texte changieren oft zwischen religionswissenschaftlich informierter Glaubensanalyse und frommem Bekenntnis. Wie viele christliche Gottsucher der Moderne schreibt er als behutsam Tastender, aber auch provokativ Zuspitzender, um den Glauben der Väter in eigene Einsicht zu überführen. Großbürgerlicher Habitus spiegelt sich in demonstrativer Unabhängigkeit und bisweilen stolzem Mut, die Anpassung an die verlogenen Konventionen des „interreligiösen Dialogs“ im Land der korporatistisch verwalteten Religion zu verweigern. Mit ihm zu reden und zu streiten macht großen Spaß. Als Stipendiat der Villa Massimo hat dieser ebenso gebildete wie fromme Autor nun neugierig die barocke Glaubenskunst des päpstlichen Rom erkundet, bisweilen begleitet von katholischen Freunden.

          Ein umstrittenes Symbol

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