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Hessischer Kulturpreis : Ich spreche nicht für den Islam

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Bei der Preisverleihung: Peter Steinacker, Karl Kardinal Lehmann, Navid Kermani, Roland Koch und Salomon Korn (v.l.) Bild: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

In diesem Streit verlief die Front nicht entlang der Konfessionsmitgliedschaften. Als Schriftsteller muss ich kollektive Zugehörigkeiten in Zweifel ziehen. Navid Kermanis Dankrede zur Verleihung des Hessischen Kulturpreises.

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          Die Auseinandersetzung um den diesjährigen Hessischen Kulturpreis, so ist wiederholt gesagt worden, habe offenbart, wie tief die Gräben zwischen den Religionen seien, wie mühsam der Dialog. Ich teile diese Einschätzung nicht und sehe ihr eine falsche Erwartung zugrunde liegen. Eine multikulturelle, multireligiöse Gesellschaft wird niemals eine konfliktfreie Gesellschaft sein. Entscheidend ist vielmehr, ob sie ihre Konflikte auf friedliche und konstruktive Weise austrägt. Und das war der Konflikt, der hinter uns liegt: Er war bei aller Schärfe im Ton friedlich, und er war konstruktiv.

          Der Konflikt hat gezeigt, wie Angehörige verschiedener Religionen sich streiten, aber auch, wie sie sich verständigen und Respekt voreinander wieder finden können, ohne die eigenen Grundüberzeugungen aufzuweichen. Er hat vorgeführt, wie eine politische Entscheidung aufgrund einer öffentlichen und parlamentarischen Debatte korrigiert werden kann. Und er hat gelehrt, dass die Frontlinien in unserer Gesellschaft nicht entlang konfessioneller, politischer oder ethnischer Linien verlaufen. Die Unterstützung praktisch der gesamten veröffentlichten Meinung für den Angehörigen einer Minderheit ist in Zeiten, da weltweit Mehrheiten immer häufiger ihren Leitanspruch und ihre kollektive Identität herausstellen, alles andere als selbstverständlich. Sie wäre auch in diesem Land vor zehn oder zwanzig Jahren kaum denkbar gewesen. Auf ganz unerwartete Weise fühlte ich mich in meinem Eindruck bestätigt, dass Deutschland in den letzten Jahren weltoffener und kulturell vielfältiger geworden ist.

          Deshalb möchte ich mich heute auch bei denen bedanken, die dafür verantwortlich sind, dass ich den Hessischen Kulturpreis tatsächlich entgegennehmen darf: Das ist die deutsche Öffentlichkeit, das sind die Journalisten, die Wissenschaftler, Schriftsteller und Intellektuellen, die sich in Artikeln zu Wort gemeldet haben, das sind Politiker gerade auch aus der Partei des Ministerpräsidenten, das ist die Opposition im Hessischen Landtag. Besonders bewegt hat mich, wie solidarisch viele Christen und Vertreter der Kirchen auf die Vorwürfe gegen mich reagierten, in Briefen, in Stellungnahmen und sogar in Predigten. Das war eine sehr schöne, beinah zärtliche Erfahrung.

          Die christliche Toleranz

          Ganz neu war sie für mich nicht. Von der Toleranz, die sich im Christentum herausgebildet hat, haben meine Familie und ich nicht gelesen, sondern wir haben sie konkret erlebt, seit meine Eltern vor über fünfzig Jahren nach Deutschland eingewandert sind, in dem christlichen Krankenhaus, in dem mein Vater arbeitete, im christlichen Behindertenheim, in dem meine Cousine untergebracht war, in den christlichen Kindergärten, die wir Söhne besuchten, in der christlichen Familie, in die ein Bruder heiratete, bis hin zur christlichen Schule, die meine Tochter besuchte, und der christlichen Gemeinde in unserem Viertel in Köln - eine Toleranz, welche die Islamische Republik Iran, der ich als Bürger ebenfalls angehöre, Andersgläubigen und Andersdenkenden zumal in diesen Wochen versagt.

          Zu den Vorgängen um die zwischenzeitliche Aberkennung des Hessischen Kulturpreises und hier vor allem zum Verhalten der Hessischen Staatskanzlei habe ich mich seinerzeit deutlich genug geäußert. Selbstverständlich freue ich mich über die versöhnlichen Worte des Ministerpräsidenten sowie der anderen Preisträger, mehr noch: achte ich den Großmut und die Souveränität hoch, die sich darin ausdrücken. Weil es kaum je einen Streit gibt, bei dem Schuld und Verantwortung nur auf einer Seite liegen, möchte ich heute darüber sprechen, inwiefern ich selbst zu dem Konflikt beigetragen haben mag.

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