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Hessischer Kulturpreis : Die Sprache des Gegenübers

  • -Aktualisiert am

Seite an Seite: Koch und Kermani Bild: dpa

Die vier Preisträger haben uns vor Augen geführt, wo die Probleme im religionsübergreifenden Dialog liegen. Aber sie haben auch gezeigt, wie man diese Probleme aus dem Weg räumen kann. Roland Kochs Rede zum Hessischen Kulturpreis.

          5 Min.

          Den Hessischen Kulturpreis gibt es seit 1982. Bis heute wurden mehr als siebzig Persönlichkeiten ausgezeichnet. Und wir verfügen in unserem Land über eine beachtliche Zahl großartiger Künstler, die alle auf ihre Weise einen außergewöhnlichen Beitrag zum kulturellen Leben in diesem Land leisten und trotzdem noch keinen solchen Preis erhalten haben. Insofern wäre es für das Kuratorium ein Leichtes gewesen, auf vertrautem Terrain zu bleiben. Das Resultat wäre gewesen: ein unbeschwerter Abend in diesem feierlichen Ambiente. Keine Kontroversen. Kein Gefühl des Verletztseins. Keine Notwendigkeit für klärende Gespräche, Bedauern oder Entschuldigungen. Wie Sie aber wissen, ist das in diesem Jahr alles etwas anders.

          Im Zusammenhang mit der Preisverleihung haben wir uns die Frage gestellt: Inwiefern tragen Religionen zur Pluralität bei - und damit auch zu den Unterschieden? Inwiefern werden Trennlinien, womöglich sogar kulturelle Gräben, durch die verschiedenen Religionen zementiert? Oder geben der Glaube an einen Gott und das Leben nach religiösen Regeln sogar eine Hilfe im Umgang mit anderen Religionen und Menschen aus anderen Kulturkreisen?

          Allzu leicht fällt es, zunächst nur das Fremde, das Trennende zu sehen. Man versteht die Sprache des Gegenübers nicht. Man tut sich schwer mit dessen Riten, Symbolen und Traditionen. Man findet es als Mitteleuropäer auch irgendwie ungewohnt, den Ruf eines Muezzins zu hören. Auf der anderen Seite sollten jedoch gerade die drei abrahamitischen Religionen - das Judentum, das Christentum und der Islam - dazu imstande sein, hinreichend große Schnittmengen für ein friedvolles Zusammenleben zu finden.

          Nach religiösen Grundsätzen

          Wer nach Gottes Regeln lebt, stellt sich in eine größere Wirklichkeit, als er es selbst ist; er stellt sich in eine Beziehung zu seinem Schöpfer und seinen Mitmenschen. Das veranlasst ihn, sich und seine eigenen Interessen zu relativieren und auf seine Mitmenschen zuzugehen. Ich will gar nicht in Abrede stellen, dass es auch gute Menschen gibt, die nicht an Gott glauben. Aber wer seinen Nachbarn nicht bestiehlt, Vater und Mutter ehrt, keinen Ehebruch begeht und auch niemanden tötet, der handelt letztlich schon nach religiösen Grundsätzen - egal, aus welcher der drei monotheistischen Religionen wir das beurteilen mögen. Es betrifft aber auch sehr moderne, sehr grundsätzliche Fragen. Womit begründen wir unsere Haltung zu embryonaler Stammzellenforschung, wenn uns religiöse Argumente und die damit verbundenen Wertvorstellungen abhandenkommen? Was passiert, wenn Begriffe wie Barmherzigkeit oder Nächstenliebe aus dem kollektiven Wortschatz verschwinden? Werden Begriffe wie Hartz IV oder „Sozialtransfer“ diese Lücke füllen können? Wohl kaum.

          Vor einem Jahr haben wir die einstimmige Entscheidung des Kuratoriums bekanntgegeben, den Preis an Salomon Korn, Karl Kardinal Lehmann, den Kirchenpräsidenten Peter Steinacker und Professor Fuat Sezgin zu verleihen. Dass Professor Sezgin heute dennoch nicht hier ist, um den Preis entgegenzunehmen, hat er selbst damit begründet, dass sein Mitpreisträger Salomon Korn Aussagen zu den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und den Palästinensern gemacht habe, die für ihn - Fuat Sezgin - nicht hinnehmbar seien. Das Kuratorium hat dies mit einiger Überraschung und Bedauern zur Kenntnis genommen. Die Entscheidung, die dann getroffen wurde, geschah nicht nur im Einvernehmen aller Kuratoriumsmitglieder, sondern auch nach Rücksprache mit allen anderen Preisträgern. Es war die Entscheidung, den Wissenschaftler und Schriftsteller Navid Kermani auszuzeichnen. Nichts deutete damals darauf hin, dass es erneut Komplikationen geben könnte. Bis dann der Artikel aus der „Neuen Zürcher Zeitung“ vom 14. März 2009 eine neue Diskussion aufbrechen ließ.

          Ein Dilemma

          Die Begründung und die Härte der Worte, mit denen sich Dr. Kermani von wesentlichen Elementen der christlichen Glaubenslehre, nämlich der Kreuzestheologie, distanzierte, wurde von den Vertretern der beiden christlichen Konfessionen als Angriff auf ihren Glauben und die Gemeinschaft, für die sie wirken, empfunden. Sie haben bald darauf deutlich gemacht, dass für sie unter diesen Umständen eine gemeinsame Auszeichnung nicht mehr in Frage käme. Umgekehrt sah Navid Kermani keinen Anlass zur Interpretation seines schriftstellerischen Werkes, da es für sich selbst spreche. Für das Kuratorium ein Dilemma.

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