https://www.faz.net/-gqz-14e55

Hessischer Kulturpreis : Die Gnade des Zweifels

  • -Aktualisiert am

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn, nach der Verleihung des Hessischen Kulturpreises Bild: dpa

Wirkliche Toleranz beginnt dort, wo das Einverständnis endet: Es kommt weniger darauf an, Widersprüche aufzulösen, als sie auszuhalten. Die Rede von Salomon Korn zum Hessischen Kulturpreis.

          5 Min.

          Als Ministerpräsident Roland Koch seine Laudatio hielt, fragte ich mich, wie weit diese der Eigengesetzlichkeit von Lobreden folgende Würdigung mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Beim Versuch, mir Klarheit darüber zu verschaffen, nahten sich zwei schwankende Gestalten: Goethe und Heine. Während Goethe mir zuraunte: „Nur die Lumpe sind bescheiden“, höhnte Heine: „Er lobt dich so stark, dass die Räucherkerzen im Preise steigen.“ Wer von beiden hat recht?

          Diese Frage erinnert mich an jenen bekannten jüdischen Witz, in dem sich ein Kaufmann beim Rabbiner über seinen betrügerischen Teilhaber beklagt. Der Rabbiner hört aufmerksam zu und sagt schließlich: „Du hast recht.“ Eine halbe Stunde später erscheint der Teilhaber und schildert ihm denselben Sachverhalt aus seiner Sicht. Der Rabbiner wägt das Gehörte und entscheidet zuletzt: „Du hast recht.“ Die Frau des Rabbiners, die vom Nebenzimmer aus alles mitangehört hat, stellt ihren Mann zur Rede: „So geht das nicht: Entweder hat der eine recht oder der andere hat; beide können nicht gleichzeitig recht haben.“ Daraufhin schaut der Rabbiner seine Frau an und sagt: „Du hast auch recht.“

          Haben Juden, Christen und Muslime denselben Gott?

          Im Bereich der Naturwissenschaften ist die Frage danach, wer recht habe, sicherlich bedeutsam. Im täglichen Leben, so scheint mir, kommt es nicht so sehr darauf an, recht zu behalten, als vielmehr, klug zu handeln. Was aber gilt im Bereich der Religionen?

          Im April 2009 traf ich mich mit Sari Nusseibeh, dem Präsidenten der Al-Quds-Universität in Ostjerusalem. Während unseres Gespräches im American Colony Hotel stellte ich ihm die Frage: Ist der Gott der Juden, Christen und Muslime jeweils derselbe Gott, oder sind es drei verschiedene Gottheiten? Daraufhin Sari Nusseibeh: Wenn es Gott gibt, dann ist es derselbe Gott, wenn es ihn nicht gibt, dann sind es drei verschiedene Götter.

          Alles ist von Staub gemacht

          Auf der Rückfahrt von Jerusalem nach Tel Aviv beschäftigte mich diese Antwort und die sich daraus ergebenden Schlüsse: Falls nur ein wahrer Gott existiert, warum sollte er mündigen Menschen unter Einschränkung ihrer Willensfreiheit vorschreiben, wie sie an ihn glauben müssen? Wer weiß denn, ob der Anspruch jedweder Religion, im Besitz des einzig wahren Glaubens zu sein, am Ende lediglich eine menschlichen Bedürfnissen nach Sicherheit und Beständigkeit dienende Konstruktion ist? Wer weiß, ob Gott es nicht jeder Religion, ja, jedem einzelnen Menschen überlässt, den Weg zu ihm auf je eigene Weise zu finden? Klingen solche und ähnliche Fragen nicht schon im Prediger Salomo an, wenn es dort beispielsweise im dritten Kapitel heißt: „Es fährt alles an einen Ort; es ist alles von Staub gemacht und wird wieder zu Staub. Wer weiß, ob der Odem des Menschen aufwärts fahre und der Odem des Viehs unterwärts unter die Erde fahre?“

          Ist aus diesen Worten nicht eher Zweifel als Gewissheit herauszuhören? Und ist nicht die Gnade des Zweifels weit eher Voraussetzung freier Willensbildung als dogmatische Gewissheit, die unweigerlich in fremdbestimmten Entscheidungen münden muss? Schließt diese Gnade des Zweifels nicht zuletzt auch die Frage nach der Existenz Gottes mit ein?

          Paradoxe Kommunikation

          Fragen über Fragen. Am Ende aller Überlegungen bin ich zu dem Schluss gelangt: Sowenig Menschen die Existenz Gottes „logisch“ beweisen können, so wenig können sie sie „logisch“ widerlegen - weder Richard Dawkins noch Michel Onfray, noch alle übrigen Skeptiker und Wissenschaftler, die sich aufgemacht haben, die Welt vom Glauben zu befreien. Entweder wir „glauben“ an die Existenz Gottes, oder wir „glauben“ an seine Nichtexistenz - beides aber bleibt „Glauben“ und damit linear ausgerichteter Beweisführung menschlichen Denkens, das stets auf Annahmen und Voraussetzungen gründet, unzugänglich. Zu welchen Missverständnissen eine Vermischung beider Ebenen führen kann, hat die Kontroverse um die Verleihung des Hessischen Kulturpreises 2009 anschaulich gezeigt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Karrierefrage : Wie meistere ich die Krise?

          Resilienz ist das neue Karriere-Zauberwort, gerade jetzt in Pandemie-Zeiten. Die gute Nachricht: Seelische Widerstandskraft lässt sich lernen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.