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Leonardos Anatomieskizzen : Herzblut

Eine Herzenssache: Anatomieskizzen Leonardo da Vincis aus dem späten 15. oder frühen 16. Jahrhundert Bild: Picture-Alliance

Fasziniert haben die in der Innenwand der Herzkammern sitzenden rundlichen Muskelbälkchen schon Leonardo da Vinci, klar war ihre Funktion jahrhundertelang nicht. Jetzt wurden 250.000 Kernspinaufnahmen ausgewertet.

          2 Min.

          Gelegentlich hört man Virologen, die sich trauen, das Pandemievirus Sars-CoV-2 immer noch so darzustellen, als sei es ein ungelöstes Geheimnis. Acht Monate nach der Entdeckung des Erregers schwindet allmählich die Diskurstoleranz gegenüber solchen Experten, was immer dann offen zutage tritt, wenn Politiker zu klaren Ansagen gedrängt werden und sich dann wegen anhaltender Unsicherheiten etwa über die Verbreitungspfade des Virus auf die sich widersprechenden Aussagen der Experten berufen.

          Wissenslücken und Unschärfen zu dulden, fällt offenbar schwer. Deshalb gilt für Virologen: Kardiologe müsste man sein. Über das Herz hat die zuständige medizinische Disziplin über die Jahrhunderte hinweg so viel nützliches Wissen angehäuft, dass sich der Kardiologe und der Herzchirurg in medizinisch wenig vermintem Gelände bewegen sollte. Leonardo da Vincis anatomische Zeichnungen etwa haben aus dem Herzinneren schon so eindrückliche Details von den geometrischen Besonderheiten dessen offengelegt, was lange als Sitz der menschlichen Seele interpretiert wurde, dass der Grundstein für eine lückenlose Entschlüsselung quasi schon vor fünfhundert Jahren gelegt worden war.

          Da Vincis Neugierde war damit natürlich nicht gestillt. Ihm fielen vor allem die in der Innenwand der Herzkammern sitzenden rundlichen Muskelbälkchen auf, die durch ihre netzförmige fraktale Struktur so markant hervorstechen, dass er sich an das Adernetz der Lungen erinnert fühlte. Da Vinci spekulierte, die Bälkchen könnten womöglich das Blut beim Durchfluss durch die Kammer wärmen – die Zentralheizung, daran muss erinnert werden, war noch nicht erfunden, was einmal mehr den genialen Geist des Italieners belegt.

          Die Funktion dieser „trabeculae carneae“– Trabekel – war jedenfalls essentiell, das war offenkundig. Schon in den ersten vier Wochen des fötalen Wachstums und noch bevor das Herz zu schlagen beginnt, wird der Herzmuskel immer gleich damit ausgekleidet. Aber großes wissenschaftliches Aufsehen haben die Bälkchen nicht erregt, man begnügte sich fürderhin mit plausiblen Thesen, so etwa mit der Vorstellung, dass die fraktalen Vorwölbungen ähnlich wie die regelmäßigen Vertiefungen eines Golfballs die Verwirbelungen des Blutstroms günstig beeinflussten und damit dem schwer arbeitenden Herzen das Leben erleichtern könnten.

          Die kardiologische Unsicherheit hat dem Ansehen der Branche nicht geschadet. Deshalb darf man, nachdem ein internationales Forscherkonsortium aus Informatikern und Genetikern des Europäischen Molekularbiologischen Labors jetzt in „Nature“ seine Nachforschungen an 250.000 Kernspinaufnahmen präsentierte, auch keine überschäumenden Kommentare erwarten. Natürlich ist die letzte Antwort nicht gefunden, aber immerhin die, wonach die Trabekel keine rudimentären Designelemente sind, sondern geradezu lebenserhaltende Funktionen in der Muskelarbeit übernehmen. Das hätte man dann doch gerne früher gewusst.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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