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Herbert Achternbusch wird 80 : Schlauheit und Verrat

„Dieses Land hat mich kaputt gemacht, und ich bleibe so lange, bis man ihm das anmerkt“, hieß es in „Servus Bayern“. Bild: mauritius images

Ist er der Letzte seiner Art? An seiner Einzigartigkeit besteht kein Zweifel. Dem Haupt- und Selbstdarsteller Herbert Achternbusch zum achtzigsten Geburtstag.

          Dass Herbert Achternbusch, nachweislich geboren in München 1938, heute achtzig Jahre alt wird, scheint eine gesicherte Tatsache zu sein. Und sagt doch erstaunlich wenig darüber aus, was heute von dem Menschen und Künstler Achternbusch zu halten sei. Und ob es, für ihn und sein Publikum, wirklich etwas zu feiern gibt. Denn dieser Achternbusch kam einem einerseits, kaum dass er bekannt geworden war, uralt und so weise vor wie der Mönch eines vergessenen Ordens, der Heilige einer unentdeckten Religion, der Meister einer Kunst, welcher das Nichts als Ausdrucksform gerade gut genug ist. Und wenn nicht nichts, dann müssen es zumindest menschenleere Gletscher sein, steinige Hochebenen oder die Tiefen des Ammersees, wo es so still ist, dass dort nicht einmal Achternbuschs Selbstgespräche zu hören sind.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Und andererseits war er auch im hohen Alter noch der schlimmste Kindskopf der deutschen Kultur, ein böser Junge, von profunder Unvernunft getrieben und zu den peinlichsten Scherzen aufgelegt. Ein Mann, der, beim Schreiben, beim Malen und vor allem beim Filmen, solch radikalen Blödsinn veranstaltete, dass Peter Handke ihn schon vor 41 Jahren streng zur Ordnung rufen musste: „Der Autor zu oft als sein eigener Kumpan (bei Schnaps, Bier und Bayern): das ist natürlich wieder schlau, aber auch ein Verrat.“ Was Handke ganz richtig sah: Groucho Marx, der im Auftreten Achternbuschs als Vorbild und Lehrer deutlich sichtbar wird, hatte immerhin einen Regisseur, der das Spiel zu steuern wenigstens versuchte. Der Haupt- und Selbstdarsteller Achternbusch wurde nur gebremst vom Regisseur Achternbusch, der sich gegenüber dem Produzenten Achternbusch verantworten musste.

          Was man auch so herum betrachten kann: Kaum ein anderer Filmkünstler in Deutschland hat so unabweisbar vorgeführt, dass ein armes Kino so unendlich viel reicher ist, als es die mittelteuren Produktionen mit ihren mittelguten Drehbüchern und ihren mittleren Ambitionen sind. „Bierkampf“, der Film mit dem Achternbusch berühmt wurde, zeigte, wie Achternbusch, als halbverrückter Polizist, in ein Oktoberfestzelt eindringt, dort die Menschen beim Saufen stört oder unterbricht, grausame Scherze macht und sehr aufpassen muss, dass er dafür nicht verdroschen wird. Drehgenehmigung gab es keine, Statisten auch nicht; er ist da halt hineingegangen mit seinem Kameramann. Heute würde man das als immersiv und Performancekunst preisen. Damals war das, mit tausend Trinkern im Zelt, eine Masseninszenierung, die sich das normale Kino gar nicht hätte leisten können.

          Man kann Bayern nicht einfach so hinter sich lassen: Herbert Achternbusch

          Ach, wenn man sich zu erinnern versucht, verschmelzen die Bilder zu einem einzigen, schönen und rätselhaften Achternbuschfilm, über den man mit einiger Sicherheit nur zwei Dinge sagen kann: dass diese Szenen das genaue Gegenteil und schärfste Dementi der quasiamtlichen München- und Bayern-Propaganda sind; und dass es zugleich keinen münchnerischeren, bayerischeren Filmemacher gibt, keinen, der Tradition und Herkunft so ernst nähme. Dass das Volk der Bayern vom Tross der römischen Legionen abstamme, von syrischen Köchen, libyischen Marketenderinnen, fußkranken Legionären und den Versprengten der Völkerwanderung, das hat Achternbusch schon gesagt, als sich die Historiker nicht so sicher waren (inzwischen sind sie es); und diese grundsätzliche Fremdheit, diese riesige Distanz zu allem, was sich als deutsch von selbst zu verstehen scheint, war ihm immer Auftrag und Herausforderung.

          Alle wollen immer von allen verstanden werden, ihm dagegen reiche es schon, wenn niemand ihn verstehe: So hat Achternbusch, den Frieda Grafe einmal den „Borroughs der weißblauen Droge“ nannte, den Anspruch seiner Kunst gern beschrieben – was man gerne so verstehen darf, dass man, als Leser oder Zuschauer, seine eigenen Schneisen durch das Gestrüpp der Bilder und Sätze schlagen darf. Und durch die unsichtbaren Phänomene, ohne die es keinen Achternbusch gibt: Er sieht, wo andere nur das bayerische Idyll entdecken, den Charme der Münchner Plätze, immer die Geister der deutschen Vergangenheit. Und wenn man die Augen zukneift im Kino, sieht man sie auch.

          „Das Gespenst“ hieß der Film mit Achternbusch als Heiland, der die Fördergelder nicht ausbezahlt bekam, weil er religiöse Gefühle verletzt habe, wie damals die Obrigkeit befand. Man könnte fast nostalgisch werden: Wenn das heute einer sagt, ist er ein Muslim und soll sich, sagt dieselbe Obrigkeit, gefälligst nicht so haben.

          Dass Herbert Achternbusch es geschafft hat, achtzig zu werden, ist ein Sieg für ihn. Als Bewunderer fürchtet man, dass er womöglich der Letzte seiner Art sein könnte.

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