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Henryk M. Broder : Hildegard von Bingen, Gott und ich

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Selbst in Hildegard von Bingen findet er sich wieder: Henryk M. Broder, der in diesem Jahr den nach der Klosterfrau benannten Preis erhielt. Wir dokumentieren seine Dankesrede, die er Hildegards Sinn fürs Irdische, dem zynischen Sadisten Gott und dem unbeachteten Schicksal der Baha´i widmete.

          Als mein Freund und Kollege Malte Lehming, Redakteur beim Berliner „Tagesspiegel“, die Nachricht auf den Tisch bekam, ich sei der diesjährige Träger des Hildegard-von-Bingen-Preises, schaute er sofort bei Wikipedia nach und schickte mir den Eintrag per E-Mail. Der, fand Malte Lehming, komme ihm bekannt vor. Er fasste ihn mit den Worten zusammen: „Wegweiser, Heiliger, Visionen, aus eigener Kraft zu Kenntnissen in der Lage sein, ungebildet, faszinierend, starkes Selbstbewusstsein, Interessendurchsetzung: Das bist genau Du, mein Guter, herzlichen Glückwunsch!“

          Ich selbst wäre nie auf die Idee gekommen, mich mit Hildegard von Bingen zu vergleichen, von der ich bis vor kurzem nur wusste, dass sie sich mit etwas beschäftigt hat, was man heute „alternative Medizin“ nennen würde. Meine angeborene Bescheidenheit verbietet es mir, mich in der Nähe einer Heiligen zu positionieren. Außerdem habe ich es der Schulmedizin zu verdanken, dass ich heute vor Ihnen stehe, nachdem mich der alternative medizinische Hokuspokus beinahe das Leben gekostet hätte. Das Einzige, was mich mit Hildegard von Bingen verbindet, sind Visionen. Wobei ihre von ganz anderer Art waren, als meine es heute sind. Da ich auf Diät bin, muss ich immerzu an Cremeschnitten, Sachertorten, Kaiserschmarrn, Millirahmstrudel, Topfenknödel und Palatschinken denken.

          Mehr Zeit für profane Verrichtungen

          Freilich: Auch Hildegard von Bingen war dem Irdischen zugetan. Anders als die Mönche im Kloster Disibodenberg, wo sie seit ihrer Kindheit lebte, lehnte sie die Askese ab, lockerte für ihre Gefolgschaft die Speisebestimmungen und kürzte die Gebets- und Gottesdienstzeiten, um mehr Zeit für profane Verrichtungen zu haben. Sehr sympathisch finde ich auch, dass sie sich selbständig machen und ein eigenes Frauenkloster gründen wollte, was am Widerstand der Mönche scheiterte, die nicht allein in Disibodenberg bleiben wollten, was wiederum für die Mönche und deren Auffassung von einem erfüllten Leben spricht.

          Eine indische Anhängerin der Baha´i in ihrer traditionellen Kleidung

          Noch schicker, als mir den Hildegard-von-Bingen-Preis zu verleihen, wäre es nur noch, Hildegard von Bingen mit einem Henryk-Broder-Preis zu ehren und dies damit zu begründen, sie habe, ebenso wie ich, immer nur das getan, was sie tun wollte, und sich wenig um die Meinung ihrer Umwelt gekümmert. Ich bin mir übrigens ziemlich sicher, dass Hildegard von Bingen mit der Vergabe eines nach ihr benannten Preises an Peter Sloterdijk nicht einverstanden gewesen wäre. Sie hätte sich maßlos darüber aufgeregt, dass ein Zeitgeist-Philosoph geehrt wird, der die Terroranschläge vom 11. September einen „Kleinzwischenfall der Geschichte“ genannt hat, über den nur auf den hinteren Seiten der Zeitungen berichtet werden sollte. Wer angesichts von fast dreitausend Toten so etwas denkt, sagt und schreibt, dem ist ein Platz in der Hall of Shame der Geschichte sicher.

          Womit wir die Pflicht erledigt hätten und bei der Kür angekommen wären. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um Ihnen etwas über Gott und mich zu erzählen.

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