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Henryk M. Broder : Das Ungetüm vom Dienst

Geborener Polemiker: Henryk M. Broder Bild: dpa

Er ist eine Meinungsschleuder, die grundsätzlich nichts vom einerseits, andererseits hält. Dass Henryk M. Broder in diesem Jahr den Ludwig-Börne-Preis erhält, ist eine ebenso souveräne wie normal wirkende Entscheidung.

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          Er hat schreckliche Sachen geschrieben, keine Frage, Lautes, Grobes, Hässliches. Er spinnt Zusammenhänge, wo keine waren. Und zerschneidet sie, wo es sie gibt. Deshalb schmerzen seine Attacken so. Deshalb wird er wahrgenommen. Deshalb ist er das, was man einen geborenen Polemiker nennt, einer, der beim freien Spiel mit den Proportionen der Dinge an ihrem Nerv zu rühren versteht.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

          Er ist eine Meinungsschleuder, die grundsätzlich nichts vom einerseits, andererseits hält. Stattdessen wird bei ihm vereinfacht, vereinseitigt und zugespitzt, dass sich die Balken biegen (nein, nein, richtig lügen tut er nie, das eben ist der feine Unterschied zwischen dem Polemiker, der er ist, und dem Denunzianten, der er nicht ist). Dass der „Spiegel“-Mann Henryk M. Broder auf Vorschlag des „Focus“-Manns und alleinigen Jurors Helmut Markwort in diesem Jahr den Ludwig-Börne-Preis erhält, ist eine ebenso souveräne wie naturereignishaft normal wirkende Entscheidung.

          Das ungezogenste Kind

          Klar, denkt man sich: Broder. Broder ist heute, nach weit zurückliegenden Anfängen bei den „St. Pauli-Nachrichten“ und bei „Pardon“, das ungezogenste von Börnes natürlichen Kindern. Warum ist man nicht schon früher auf ihn gekommen? Wem außer dem sechzigjährigen Broder wäre es denn gelungen, sich in dem immer kompakter werdenden, zunehmend mit einer Stimme sprechenden Medienkomplex als eigene, unverkennbare Stimme zu behaupten, als feuilletonistisches Ungetüm, das jeden Tag aus dem Bart seiner Website (www.henryk-broder.de) ballern kann, gleichermaßen gefürchtet und verspottet als Alarmist und Pamphletist?

          Gezielte Ausfälle gegen den vermeintlichen oder tatsächlichen politischen Mainstream sind bei Broders Ich-AG derart Masche, dass seinen unkonventionellen Meinungen stets auch etwas konventionell Broderhaftes eignet, ob es nun gegen linken Antisemitismus geht oder - wie jüngst in seinem Buch „Hurra, wir kapitulieren“ - gegen das Einknicken vor islamischer Gewalt. In anderen, in Broders zugespitzten Worten: Seine Überraschungen sind gelegentlich etwas erwartbar. Na und? Ist er nicht auch darin ganz der Alte, ganz der Börne?

          Broder ist, wie es sich für eine polemische Institution gehört, stolz auf seine Feinde. Unter der Rubrik „Das meint der Leser“ veröffentlicht er auf seiner Website den jeweils letzten Dreck, der gegen ihn geschleudert wird. „Sie sind der letzte Dreck“, so durfte dort gestern ein Broder-Leser namens Martin Steiner vermelden, „ein Stück genetischer Sondermüll mit PC und Internetanschluss, ein Importdeutscher, den in Polen keiner haben wollte, ein Mensch ohne Manieren, einer, der sich nicht genug auf seine jüdische Identität berufen kann, ein Bush-Adept, ein blinder Israelapologet“. Ein Broder, der die Leute nicht zur Weißglut brächte, sie nicht auch bis aufs Blut ihrer niedrigsten Neigungen reizte, wäre eines Preises im Namen des großen Börne nicht würdig.

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