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Henry Louis Gates zum 70. : Kämpfer gegen Ungleichheit

Harvard Professor Henry Louis Gates Bild: AP

Henry Louis Gates hat eine Menge zu sagen: Zu den Wurzeln des Schwarzen Amerikas und über die Präsidentschaft Donald Trumps. Dem Erforscher schwarzer Kultur, zum siebzigsten Geburtstag.

          2 Min.

          Er ist Historiker, Literaturwissenschaftler, Geschichtensammler, Filmemacher, Kritiker, Erzähler. Eine der einflussreichsten Figuren in den African-American Studies, die er am entsprechenden Institut in Harvard, das er 1991 übernahm, zu einer weithin anerkannten Forschungsrichtung machte, und er hat einige Schlüsselwerke schwarzamerikanischer Literatur entdeckt, etwa Harriet Wilsons „Our Nig: or, Sketches from the Life of a Free Black“ von 1859, ein Buch, von dessen Existenz niemand etwas ahnte. Henry Louis Gates bestand darauf, dass es eine Tradition im Schreiben schwarzer Amerikaner gibt, und er machte sich daran, dafür einen „Kanon zu erfinden“. So nannte er es selbst.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Gleichzeitig ist er Autor von zahlreichen Büchern, Chefredakteur eines Online-Magazins, Herkunftsforscher und Moderator verschiedener dokumentarischer Fernsehformate. Ein Mann, den die „International Herald Tribune“ einmal eine „Ein-Mann-Multimedia-Industrie“ nannte und das Magazin „Time“ einen der einflussreichsten Männer der Vereinigten Staaten. Das ist eine Weile her. Mit Präsident Obama trank er nach einem weithin berichteten Zwischenfall ein Bier. Beim Betreten seines eigenen Hauses war er von einem Polizisten verhaftet worden, der dachte, in dieser guten Gegend müsse der schwarze Mann ein Einbrecher sein.

          Gates möchte erziehen, lehren, aufklären

          All dies beschreibt ziemlich genau, worauf seine Bekanntheit, sein Celebrity-Status, auch sein Einfluss gründen. Medientalent zu nutzen heißt ja nicht, nichts zu sagen zu haben. Jedenfalls nicht unbedingt. Henry Louis Gates hat eine Menge zu sagen. Zu Afrika. Zu den Wurzeln des Schwarzen Amerikas. Und gerade in den vergangenen Jahren besonders zu einer Ära, die den Namen „Reconstruction“ trägt und die zwölf Jahre umfasst, die dem amerikanischen Bürgerkrieg folgten.

          Für Gates ist diese kurze Periode nach der Abschaffung der Sklaverei eine Ära der schwarzen Hoffnung und Freiheit, des Aufbruchs hin zu einer Gesellschaft tatsächlicher Gleichheit. Damals wurde sozialer und politischer Fortschritt in einem enormen Tempo erreicht – und dann gestoppt vom Aufkommen rechter Gruppen, die den Wahn weißer Überlegenheit zum Inhalt ihrer Propaganda machten, des Ku-Klux-Klans, des Terrors. Wem dieser Mechanismus von Aufbruch und Rückschlag, von Freiheit und ihren Gegenkräften bekannt vorkommt – herzlich willkommen, würde Gates rufen, die Geschichte wiederholt sich, und nicht immer als Farce.

          „Stony the Road. Reconstruction, White Supremacy, and the Rise of Jim Crow“ heißt sein Buch zum Thema, das im vergangenen Jahr erschienen ist. Etwa gleichzeitig gab es dazu eine Miniserie über dieselbe Zeit: Gates möchte erziehen, lehren, aufklären, Verbindungen herstellen und zeigen, dass die Präsidentschaft von Donald Trump kein Unfall der Geschichte ist. Er sieht in dessen Wahl nach der Präsidentschaft von Barack Obama die gleichen Kräfte am Werk, die nach dem Bürgerkrieg dafür sorgten, dass die Gleichheit aller Männer – von Frauen war damals nicht die Rede – eine unerfüllte Möglichkeit blieb, selbst wenn es in jenen zwölf Jahren der Reconstruction so aussah, als würden Schwarze den Platz in Gesellschaft und Politik einnehmen, der ihnen zustand.

          Ein rigoroser Verfechter der Affirmative Action

          Gates gehört in die kleine Gruppe von Denkern, die in Ruhm und Rummel geachtete Wissenschaftler geblieben sind. Dass er sein Publikum in allen Medien findet, hat damit zu tun, dass er es nicht langweilt, nicht in seinen Live-Auftritten wie im vergangenen Jahr in der New York Public Library noch in seinen Büchern, Essays oder Meinungsbeiträgen etwa im „New Yorker“ oder in der „New York Times“.

          Als Lehrer und Professor ist er übrigens ein rigoroser Verfechter der Affirmative Action, von der er, der sich als solides Mitglied der oberen Mittelklasse bezeichnet, einst profitiert hat. Um die Ungleichheit sowohl zwischen Schwarzen und Weißen wie auch innerhalb der schwarzen Communities auszugleichen, sollte für jedes Kind in jeder öffentlichen Schule dieselbe Geldsumme ausgegeben werden. Das ist sein Vorschlag, und das wäre ein riesiger Schritt. Unwahrscheinlich, dass ihn in absehbarer Zeit irgendjemand geht. Henry Louis Gates wird heute siebzig Jahre alt.

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