https://www.faz.net/-gqz-109yq

Hecht-Galinski antwortet auf Lustiger : Antisemitismus ist nicht gleich Antizionismus

  • -Aktualisiert am

Gläubige an der Klagemauer: Darf man Israel kritisieren? Bild: AP

In einem Artikel in der F.A.Z. äußerte sich Arno Lustiger zu dem Antisemitismus-Streit zwischen Evelyn Hecht-Galinski und Henryk M. Broder mit einer These über den jüdischen Selbsthass. Jetzt richtet Evelyn Hecht-Galinski das Wort an all ihre Kritiker.

          4 Min.

          Im Judentum gibt es viele politische und soziologische Strömungen. Das Judentum war schon immer vielseitig und zersplittert. Im Gegensatz zu Arno Lustiger (siehe: Arno Lustiger über das Problem des jüdischen Selbsthasses) und anderen habe ich keine chronischen Identitätsprobleme und daher auch keinen jüdischen Selbsthass, den ich auf andere Juden projizieren müsste. Die deutsch-jüdische Erziehung, die ich in meinem Elternhaus genoss, kannte solche beleidigenden Anschuldigungen nicht. Ich wuchs schon seit meiner Geburt 1949 in der Mitte der Gesellschaft auf, wurde in einen Pestalozzi-Fröbel-Kindergarten und danach von meinen Eltern auf eine Waldorfschule geschickt. Mein Vater gab an mich seine humanistische Erziehung weiter, die er in Marienburg in Westpreußen genossen hatte. Das Lebensmotto meines Vaters nach seiner Befreiung aus diversen KZs war: „Ich habe Auschwitz nicht überlebt, um zu neuem Unrecht zu schweigen.“ Auch deshalb sehe ich es als meine Verpflichtung an, nicht zu schweigen, wenn die israelische Regierung Menschenrechtsverletzungen an den Palästinensern in Form von Vertreibung, Enteignung und Besatzung begeht.

          Mein Vater hatte es sich zur Aufgabe gemacht, gerade in Deutschland, dem Land, in dem er Erniedrigung, Qualen und die Ausrottung seiner Familie erlebt hatte, wieder neues jüdisches Leben zu etablieren. Darum hat er sich von 1947 bis zu seinem Tod 1992 konsequent bemüht. Meine Eltern und ich lebten nie auf gepackten Koffern und betrachteten Deutschland nicht als „Feindesland“. Für meinen Vater war es auch eine Selbstverständlichkeit, in „seinem“ Berlin beerdigt zu werden, der Stadt, die eine Straße nach ihm benannt hat und deren Ehrenbürger er war. Daher war es für mich ein Bedürfnis, nach dem Tod meines Vaters den Namen Galinski meinem Ehenamen beizufügen. Das war auch ganz im Sinne meines Mannes, Benjamin Hecht, „auch Jude“.

          Im Frühstücksfernsehen oder live vom Kölner Gemüsemarkt

          Arno Lustiger hat recht, es gibt keinen ehrbaren Antisemitismus, aber es gibt einen inflationären und daher gefährlichen Umgang mit diesem Begriff, der sich als stumpfe Waffe herausstellen könnte, wenn er wirklich angebracht ist. Schon mein Vater wurde von seinem Nachfolger, Ignatz Bubis, als Berufsjude verunglimpft: Bubis bezeichnete sich selbst „als Juden mit Beruf nach einem Juden von Beruf“. Diese Sätze sprachen für sich und wurden von mir schon damals heftig kritisiert.

          Heinz Galinski war als Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland Ehrenbürger in Berlin
          Heinz Galinski war als Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland Ehrenbürger in Berlin : Bild: picture-alliance / dpa

          Am 12. März 2007 schickte Arno Lustiger nach meinem Interview im Deutschlandfunk einen Brief an den Intendanten Ernst Elitz. Darin beschrieb er mich als „notorische Hasserin der Vertreter der deutschen Juden und des Staates Israel und jüdische Selbsthasserin, mit völlig unqualifizierten Behauptungen, eine Person, die Minderheit einer Minderheit ist“. Lustiger gab gegenüber Elitz der Hoffnung Ausdruck, „dass diese Sendung ohne Ihr Wissen oder gar Ihre Zustimmung ausgestrahlt wurde“. Eine Kopie dieses Briefes ging an sämtliche Mitglieder des Direktoriums des Zentralrats der Juden in Deutschland. Am 5. Mai dieses Jahres, zwei Tage nach meiner Teilnahme an der Sendung „Hallo Ü-Wagen“ im Radiosender WDR 5, schrieb der Anwalt von Henryk M. Broder, Nathan Gelbart, eine E-Mail an die Intendantin des WDR, Monika Piel, um gegen die Einladung von mir zu protestieren, weil ich keine Qualifikation hätte außer von Beruf Tochter zu sein. „Zum 60. Geburtstag des Staates Israel sollten in der Presse oder Journalistiklandschaft unserer Republik unbedeutende Personen nicht wirklich ein Forum erhalten. Natürlich sollte das ,Volk‘ zu Worte kommen, aber in einem hierfür geeigneten Rahmen, wie im Frühstücksfernsehen oder live vom Kölner Gemüsemarkt.“ Gelbart ist Nachfolger von Michel Friedmann als Vorsitzender des Keren Hayesod, des eingetragenen Vereins „Vereinigte Israel Aktion“, der nach seiner Selbstdarstellung „seit über 85 Jahren im Dienst des modernen Staates Israel und des jüdischen Volkes in aller Welt“ steht.

          Am 30. Mai setzte Broder in einer E-Mail an die Intendantin Monika Piel nach und fragte, was die WDR-Redaktion veranlasst habe, mich „hysterische, geltungssüchtige Hausfrau“ einzuladen und als Publizistin anzukündigen. Ich war nicht bereit, die Aussage hinzunehmen, meine Spezialität seien „antisemitische Statements“, und reichte Klage ein. Natürlich habe ich nur etwas gegen das Wort „antisemitisch“, nicht aber „antizionistisch“, da ich mich gerade gegen diese Gleichsetzung der Begriffe „Antizionismus“ und „Antisemitismus“ wenden möchte. Die israelische Politik zu kritisieren betrachte ich keinesfalls als antisemitisch. Unterstützung findet meine These bei renommierten israelischen Historikern wie Tom Segev, beim ehemaligen Botschafter Israels in Deutschland, Avi Primor, sowie bei Wissenschaftlern wie Alfred Grosser (siehe: Antisemitismusstreit: Alfred Grosser antwortet auf Broder) und Michal Bodemann.

          Den ums Überleben kämpfenden Staat Israel zerstören

          Besonders erschreckend für mich ist die Aussage von Charlotte Knobloch, der Vorsitzenden des Zentralrats, in einem Interview mit dem Deutschlandfunk, sie unterstütze Broder, egal, was er sage. Ebenso unterstützt der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan Kramer, Broder in seinem Prozess gegen mich. Immerhin ist der Zentralrat die offizielle Vertretung der Juden in Deutschland und somit eine Institution des öffentlichen Rechts.

          Meine Erlebnisse, die sich mit den Erfahrungen anderer Kritiker der israelischen Politik decken, veranlassten mich, von der jüdisch-israelischen Lobby in Deutschland zu sprechen. Das „American Israel Public Affairs Committee“ ist geradezu stolz darauf, dass es seit Jahren zu den mächtigsten Lobbys in den Vereinigten Staaten zählt. Man muss blind sein, wenn man den Einfluss solcher Interessenvertretungen auf Medien und Politik negiert. Die Kritik am Machtmissbrauch solcher Lobbyisten ist nicht nur legitim, sondern notwendig und darf nicht mit der sogenannten Antisemitismuskeule unterdrückt werden.

          Arno Lustiger irrt: Israel ist heute keinesfalls das arme kleine, von Feinden umzingelte Land, sondern gehört zu den hoch gerüsteten Militärmächten, die sich nicht scheuen, anderen Staaten mit einem Präventivschlag – auch atomar – zu drohen. Im Libanonkrieg hat man noch zum Schluss circa eine Million Streubomben abgeworfen. Arno Lustiger und andere verbreiten seit Jahren die Legende, dass Kritiker Israels wie Grosser, Chomsky, Finkelstein, Felicia Langer, Judt, Melzer, Meyer, Fried, Neudeck und Blüm nichts anderes wollten, als den ums Überleben kämpfenden Staat zu zerstören. Damit steht jede Debatte um Israels Politik unter dem Schatten des Antisemitismusvorwurfs. Dann hört man zwar, man dürfe Israel kritisieren. Aber wer es dann wirklich wagt, Israel zu kritisieren, der ist automatisch ein Judenhasser. Deswegen kann ich auch die neue Broder-Phrase nicht hinnehmen: Nachdem ihm „in diesem speziellen Fall“ der Antisemitismusvorwurf gerichtlich untersagt ist, redet er jetzt von antisemitischen Belanglosigkeiten. Diesen Satz kann ich gar nicht mehr nachvollziehen: Wie kann Antisemitismus belanglos sein?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ausmaß der Zerstörung: eine Straßenkreuzung in Cholon, Israel

          Gewalt in Nahost : Hamas feuert 130 Raketen auf Tel Aviv

          Militante aus dem Gazastreifen feuern am Abend mehr als hundert Raketen auf Zentralisrael. Im Großraum Tel Aviv kommt es immer wieder zu schweren Explosionen. Mindestens ein Mensch stirbt.
          Die Intensivstation der Universitätsklinik Frankfurt mit Coronapatienten im April 2020

          Anhaltend hohe Todeszahlen : Wer jetzt noch an Corona stirbt

          Noch verzeichnet Deutschland jede Woche mehr als tausend Covid-Todesfälle. Viele sterben weder im Altenheim noch auf der Intensivstation. Doch wo dann? Die Suche nach der Antwort ist kompliziert.
          Die EZB erwartet eine steigende Inflation. Allerdings meint sie, der Anstieg sei nur vorübergehend.

          Steigende Preise : Was Sparer zur Inflation wissen müssen

          Alles rund ums Bauen wird teurer, aber auch viele Lebensmittel und vor allem Heizöl und Benzin. Steigt mit dem Abklingen der Pandemie die Inflation? Und wie können sich Sparer rüsten?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.