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Hauptschuldebatte : Die Dämme brechen

  • -Aktualisiert am

Unkontrollierbar: Schüler auf dem Weg in die Rütli-Schule Bild: dpa/dpaweb

Nachdem die Kollegen von der Rütli-Schule ihren Protestbrief an die Öffentlichkeit gebracht haben, bricht es aus den Lehrern Neuköllns heraus: Wut, Ärger, Verzweiflung. Szenen einer Berliner Lehrerversammlung.

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          Die Berliner Karlsgarten-Grundschule liegt in Neukölln. Im Norden von Neukölln, um genau zu sein. Im pädagogischen Notstandsgebiet, unweit der Rütli-Schule, der „Haß-Schule“, wie sie in den Boulevardzeitungen nur noch heißt, im Epizentrum der jüngsten Debatte um Integration, Gettobildung und eine verlorene Generation.

          So sehr ist Neukölln in den letzten Tagen zum Synonym für Gewalt und Verwahrlosung geworden, daß der Besucher beinahe schon erleichtert ist, nicht in einem rauchenden Slum anzukommen, zwischen ausgebrannten Häusern, zertrümmerten Autowracks und marodierenden Banden, wenn er die U-Bahn-Station Boddinstraße verläßt. Dies mag ein sozialer Brennpunkt sein, eines der schwierigsten Quartiere der Hauptstadt, aber es ist nicht South L.A. oder die Bronx. Es gibt kleine Fahrradläden und Bäckereien hier, ein Tapetenfachgeschäft, Kopfsteinpflaster und Straßenbäume. Die meisten der Mietshäuser aus der Gründerzeit haben frischgestrichene Fassaden, und in der Hasenheide, einem alten Berliner Volkspark, der gleich an den Schulhof der Karlsgartenschule grenzt, zwitschern die Vögel.

          Kollegenlob für Rütli-Lehrer

          Doch man lasse sich von der Idylle nicht täuschen. Nur ein paar Schritte vom Schultor entfernt, vor den Augen der Kleinen, liegt, von einem Blumenmeer markiert, der Ort, an dem vor ein paar Tagen ein Zivilfahnder der Polizei von einem Straßenräuber ermordet wurde, ohne Vorwarnung, mit sieben Schüssen. Ein neununddreißigjähriger türkischstämmiger Mann hat die Tat mittlerweile gestanden.

          Auch aus den Schulen ist keine Entspannung zu melden. Im Gegenteil. Im lichten gelben Neubau der Karlsgartenschule, deren Wände mit schillernden selbstgebastelten Fischen geschmückt sind, haben sich reichlich hundertfünfzig Lehrer aus den umliegenden Grund-, Haupt- und Realschulen Nord-Neuköllns versammelt, um ihre Solidarität mit den Kollegen von der Rütli-Oberschule zu bekunden. Redner auf Redner preist die Rütlianer für den Mut, mit ihrer Verzweiflung und Ratlosigkeit an die Öffentlichkeit gegangen zu sein, endlich das dekretierte Schweigen gebrochen, den „Vorhang zerrissen“ zu haben, wie es ein Lehrer ein wenig pathetisch formuliert. „Dafür gebührt euch Dank und Hochachtung“, ruft einer, „euer Schritt wärmt mein Herz“, eine andere.

          Als sei eine Flasche entkorkt worden

          Als mit einiger Verspätung auch Petra Eggebrecht eintrifft, bis vor wenigen Tagen kommissarische Direktorin der Rütli-Schule, da gleicht ihr Auftritt einem Triumphzug. Beifall brandet auf, der gar nicht enden will, die Kamerateams stürzen sich auf die zierliche grauhaarige Frau: Einzug einer Heldin. Jeanne d'Arc in Neukölln. Oder, wie eine begeisterte Lehrerin vor sich hin flüstert: „Das ist ja wie bei Julia Roberts.“

          Das Kollegium der Rütli-Schule hat ausgesprochen, das ist die erste Botschaft dieses Nachmittags, was viele, viele Lehrer seit Jahren bedrückt, deprimiert, krank macht. Und wie aus einer Flasche, aus der einer den Korken gezogen hat, sprudelt es nun aus allen Mündern, allen Seelen. Seit fünfundzwanzig Jahren, berichtet ein Lehrer, der aussieht, als lasse er sich nicht leicht aus dem Gleichgewicht bringen, unterrichte er an der 2. Grundschule, in einem Hinterhof am Hermannplatz. Neunzig Prozent der Kinder dort stammten aus Familien mit „Migrationshintergrund“. Neunzig Prozent. Sogleich gibt es Zwischenrufe, fast wie bei einer Versteigerung: „Bei uns sind's zweiundneunzig Prozent!“ - „Bei uns vierundneunzig Prozent.“ Als er damals angefangen habe, fährt der Redner unbeirrt fort, habe es alte und junge Lehrer gegeben, erfahrene und viele frisch aus dem Referendariat. Mittlerweile sei der jüngste seiner Kollegen mehr als fünfzig Jahre alt. Man muß nicht viel von Pädagogik verstehen, um das für ein Desaster zu halten.

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