https://www.faz.net/-gqz-wxqc

Harald Schmidts Laudatio auf Alice Schwarzer : Warum ich in den Feminismus eingetreten bin

  • -Aktualisiert am

Frau im Licht: Alice Schwarzer und Harald Schmidt Bild: F.A.Z.-Wonge Bergmann

Männertrauma und Mannesglück: Nerven mit Niveau, das ist eine der Qualitäten von Alice Schwarzer. Warum Alice Schwarzer größer als der Feminismus in Deutschland ist und sich den Börne-Preis verdient hat. Eine Lobrede.

          An diesem Sonntag im deutschen Mai 2008 haben wir zwei Anlässe zur Freude: Alice Schwarzer erhält den Börne-Preis, und ich kann endlich einmal in der Paulskirche sprechen. Sie sehen: Hybris, Anmaßung und Größenwahn sollen heute ebenso zu ihrem Recht kommen wie Emanzipation, Libertinage und Atheismus. Schließlich geht es um Ludwig Börne und Alice Schwarzer, um Heine, Goethe und Sartre, Simone de Beauvoir und den Weg des Feminismus vom Turban bis zum Kopftuch.

          Wer ist Alice Schwarzer? Jeder kennt die Preisträgerin, die Ikone des Feminismus in Deutschland, Gründerin, Verlegerin und Chefredakteurin von „Emma“, der weltweit einzigen und unabhängigen feministischen Publikumszeitschrift, als Herausgeberin, Talkshow-Gastgeberin, Autorin, seit Jahrzehnten unermüdliche Streiterin für die Sache der Frau, wie Alice sie sieht.

          Der mit Heine

          Wer aber war Ludwig Börne? Nach den Maßstäben der Massenmedien - und vermutlich nicht nur nach diesen - ist Börne heute vergessen. In den gebildeten Ständen raunt man vielleicht noch: „War das nicht der mit Heine?“ Und wer sich das historisch nebulöse Gedächtnis von Zeitzeugen bewahrt hat, ist sich sicher: „Börne, der hat doch damals den Joschka in Turnschuhen vereidigt.“

          Wer diese Beispiele für zu flapsig hält, war bei der letztjährigen Preisverleihung an Henryk M. Broder nicht anwesend. Denn im letzten Jahr wurde deutlich, dass in Sachen große Namen der Vergangenheit nicht nur Klarheit herrscht. Vor einem Jahr fiel an dieser Stelle auch durch den Laudator Helmut Markwort mehrfach der Name Ludwig Marcuse, Verfasser der gewissermaßen amtlichen Börne-Biographie. Ich aber, der damals unten im Volke saß, hörte es raunen: „Marcuse, Ludwig Marcuse ... heißt der nicht Herbert?“

          Hübsche Hörbuchidee

          Auch wieder richtig. Denn ein Marcuse kommt selten allein. Herbert Marcuse allerdings war bestenfalls ein entfernter Verwandter von Ludwig Marcuse, der bekannte Sexologe Max Marcuse dagegen (1877 bis 1963) könnte ein Cousin von Herbert gewesen sein. Nachzulesen auf www.marcuse.org. Empfohlene Werke von Max Marcuse sind „Die Gefahren der sexuellen Abstinenz für die Gesundheit“ (Leipzig, 1910) sowie „Über die Fruchtbarkeit der christlich-jüdischen Mischehe“ (1920). Letzteres vielleicht eine hübsche Hörbuchidee für Seriendarstellerinnen, die einmal raus wollen aus irgendeiner Schublade, in die man in Deutschland so schnell gesteckt wird.

          Wer also war Ludwig Börne, geboren als Juda Löw Baruch am 6. Mai 1786 in Frankfurt am Main? Ein glänzender „Zeitschriftsteller“ (Börne), die „Niederkunft des Journalismus“ (Marcuse)? Oder haben die Experten recht, wenn sie sagen: „Ludwig Börne schuf die Voraussetzungen dafür, dass Marcel Reich-Ranicki endgültig das Feuilleton erfinden konnte“?

          Warum Kelly und Bastian?

          Als ich Alice Schwarzer vor wenigen Monaten anrief, um ihr mitzuteilen, dass sie die diesjährige Börne-Preisträgerin sein würde - ich glaube, ich war der Fünfte, der ihr das unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit mitteilte -, da musste ich ihr in die Hand versprechen, dasjenige ihrer Bücher zu lesen, welches ihr mit am meisten am Herzen liegt: „Eine tödliche Liebe“, die Geschichte von Petra Kelly und Gerd Bastian. Ich habe mich gefragt: Warum ausgerechnet dieses Buch?

          Weitere Themen

          Bad Moon Rising

          Der Mond in der Literatur : Bad Moon Rising

          Um den Mond drehen sich viele Geschichten. Vor allem Aberglaube und Schauriges wird durch seine Präsenz noch verstärkt. Denn wenn er scheint, bleibt nichts, wie es war.

          Reitende Revival-Band

          CHIO in Aachen : Reitende Revival-Band

          Die Kumpane des deutschen Springreitens haben einander wieder: Der zweite Platz beim Nationenpreis von Aachen bedeutet in zweierlei Hinsicht ein Happy End. Darauf folgt eine wilde Nacht.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.