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Hans-Jochen Vogel : Das Alter ist kein Massaker

  • -Aktualisiert am

Neue Heimat: Vogel vor dem Augustinum Bild: F.A.Z.-Jan Roeder

Viele Menschen schieben das Altwerden auf, bis sie ein Pflegefall sind. Der SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel dagegen, fit und aktiv, ist vor einem Jahr ins Altenheim gezogen. Ein Besuch im Münchner Seniorenstift Augustinum.

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          Wer an ein Altenheim denkt, hat Linoleumflure mit Blümchen-drucken vor Augen, abgehende Ein- und Zweibettzimmer und in der Nase eine penetrante Duftmischung aus Reinigungs- und Desinfektionsmitteln. Altenheim suggeriert Abstieg, Vorhof des Todes, Verwahranstalt für Alte, Kranke und Pflegebedürftige, all jene eben, die man in einer auf Jugend fixierten Gesellschaft ungern sieht.

          Mit diesem Klischee hat das Münchner Seniorenstift Augustinum wenig zu tun, in das Hans-Jochen Vogel vor knapp einem Jahr mit seiner Frau gezogen ist. Durchaus aber damit, dass solche Heime, ob schlichteren oder gehobeneren Anspruchs wie hier, eine Art Getto sind. Das ist nicht nur unangenehm: kein Kindergeschrei, keine Hektik, keine laute Musik. Aber die kleine Seniorenstadt in Neufriedenheim, nur wenige U-Bahn-Stationen vom Stadtzentrum entfernt, kennt nur ein Alter: das fortgeschrittene. Die funktionalen Bauten mit dem architektonischen Charme der sechziger Jahre, ihren blassroten Balkonen und den grellen Markisen sind mit breiten, rollstuhlgerechten Wegen verbunden; ein ebenerdiges Café bewirbt seinen Kuchen, und ein Krankenhaus ist gleich angeschlossen. Es ist eine Frage des Gemüts, ob man all das als eher deprimierend oder beruhigend empfindet.

          81 Quadratmeter, drei Zimmer

          Im Innern des Seniorenstifts herrscht eine Empfangsdame über das Foyer, weiche, rotgemusterte Teppiche ziehen sich durch die Flure, in denen alle paar Meter eine Sitzgelegenheit, altersgerecht erhöht, zum Pausieren einlädt. Liselotte und Hans-Jochen Vogel wohnen im zwölften Stock. Der ehemalige Oberbürgermeister von München, später Berlin, Bundesminister, SPD-Fraktionsvorsitzender, Parteichef und Kanzlerkandidat, bittet, im Anzug, wie man ihn kennt, herein in die Wohnung, 81 Quadratmeter, drei Zimmer, eigene Möbel, Ausblick auf München (und die Alpen, „wenn es etwas klarer ist“). „Das ist nur die Hälfte unserer alten Wohnung, aber es ist groß genug“, sagt Vogel, der, früher als Klarsichthüllenregent bezeichnet, der Friedrich-Ebert-Stiftung all sein Akten- und Briefmaterial übergeben konnte, das hier unmöglich Platz gefunden hätte.

          Wir nehmen an einem Teetischchen Platz, über dem eine tiefhängende Lampe plaziert ist, um die man herumlinsen muss, um seinen Gegenüber zu sehen. Ja, eingelebt hätten er und seine Frau sich gut. Man habe ja gewusst, worauf man sich einließ: Schon Vogels Eltern und seine Schwiegereltern haben im Augustinum ihre letzten Lebensjahre verbracht. Und, wie schon im Jahr 1960, als Vogel in München mit gerade vierunddreißig Jahren der jüngste Oberbürgermeister einer europäischen Metropole wurde: Wieder ist er, mit inzwischen achtzig Jahren, einer der Jüngsten. Nun eben im Münchner Altenheim, Durchschnittsalter 86 Jahre.

          Nur eine Form des Auszugs

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