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Offene Gesellschaft : Vergesst eure Leitkultur!

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Kulturnation ohne Leitkultur? Goethe- und Schillerdenkmal in Weimar Bild: AP

Propheten rechts, Propheten links: Eine offene Gesellschaft kann gar keine Mitte haben und braucht deswegen auch keine nationale Gesinnungslehre. Es ist höchste Zeit, die Chimäre der Leitkultur zu entsorgen. Ein Gastbeitrag.

          Alle pluralen, offenen Gegenwartsgesellschaften sind geprägt durch das Spannungsverhältnis zwischen Religion und dem Säkularismus der Moderne. Im Hinblick auf die Entstehung dieses Spannungsverhältnisses und seine Folgen ist Europa besonders: Verglichen mit allen anderen Weltregionen, ist es eine säkulare Insel. Es nimmt diese Sonderstellung deutlich erkennbar auch gegenüber den Vereinigten Staaten von Amerika ein, deren Bevölkerung sich, wie alle Umfragen zeigen, eine erheblich höhere religiöse Bindung zuschreibt, als dies die Gesellschaften Mittel- und Nordeuropas tun.

          Hinzu kommt, dass wir uns als Europäer trotz unserer Einsicht noch immer nicht von unserer Eigenperspektive gelöst haben: Für uns stehen das aus der europäischen Aufklärung hervorgehende „Projekt der Moderne“, der mit ihm verbundene säkulare Verfassungsstaat und die Erklärung der allgemeinen Menschenrechte, die Idee rechtlicher Freiheit und Gleichheit, in deren Zentrum wir das Individuum sehen, für eine vernunftbasierte Vorstellungswelt. Diese, so glauben wir, muss letztlich von allen Menschen geteilt werden. Aus dieser Sicht kommt es uns nicht einmal in den Sinn, dass die Ausgestaltung unserer Vorstellungswelt - die westliche Demokratie als Politik-, Rechts- und Wirtschaftssystem - für weltanschaulich (religiös und kulturell) anders grundierte Gesellschaftsentwürfe nicht Gegenstand der Bewunderung sein muss, sondern durchaus ein Ärgernis darstellen könnte.

          Ein modernes Phänomen

          Was wir als Freiraum schätzen, die rechtlich gesicherte Koexistenz unterschiedlicher Weltanschauungen und individuell gewählter Lebensformen, ist aus der Sicht strikter Gemeinschaftsorientierung alles andere als erstrebenswert, da es sowohl den kollektiven Glauben einer Gemeinschaft als auch den Glauben an diese Gemeinschaft bedroht. Allerdings: Was aus der externen Perspektive solcher geschlossenen Gesellschaften als Bedrohung empfunden wird, spiegelt sich auch in Teilen der internen Perspektive plural strukturierter, offener Gesellschaften wider. Denn auch diese sind durchaus nicht vollständig oder überwiegend individualisiert. Meistens setzen sich auch solche Gesellschaften aus unterschiedlichen Gemeinschaften zusammen.

          Daraus folgt: Die Vergrößerung des Wachstums- und Handlungspotentials pluraler Vergesellschaftungsformen wird erkauft mit einem hohen Maß an Fragilität des Zusammenhaltes. Staatsbürgerliche Selbstverpflichtung und Toleranz auf der einen und Fundamentalismus auf der anderen Seite sind die beiden Extreme, die auf die fragile Struktur solcher offenen Gesellschaften antworten. Sowohl nationaler und ideologischer Autoritarismus als auch der weltweit beobachtbare Fundamentalismus und die für ihn charakteristische Suche nach Heimat und fester Bindung stehen also nicht für einen Rückfall in vormoderne Gesellschaftsformen - einen Rückfall, der wegen des ökonomisch, medial und politisch verflochtenen Gefüges unserer Welt ohnehin nicht möglich wäre -, sondern sie stellen gerade wegen der forcierten Sehnsucht nach Rückkehr ein modernes Phänomen dar.

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