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Offene Gesellschaft : Vergesst eure Leitkultur!

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Aufgelöst in eine Vielzahl von Mitten

Dennoch: Deutschland ist wie nie zuvor geprägt durch ethnischen, religiösen und kulturellen Pluralismus. Stehen einerseits die Suche nach der Leitkultur und der Ruf nach einer nationalen Gesinnungslehre für eine populistisch und feuilletonistisch verbrämte, leicht abgemildert national-fundamentalistische Heimatsuche, so lässt sich andererseits beobachten, wie Deutschland, als konstitutiv offene Gesellschaft, strukturell auf seine pluralistische Verfasstheit reagiert: Außenpolitisch steigert es seine Pluralität durch die Integration in die europäische Gemeinschaft, ökonomisch und medial durch zunehmende internationale Verflechtung, innenpolitisch durch die Schaffung von öffentlichen Räumen oder medialen Plattformen, in denen die Differenzen und Interessengegensätze sich artikulieren können und ausgetragen werden.

Sowohl im Hinblick auf die Einbindung Deutschlands in die Europäische Union als auch auf seine interne politische und soziale Ordnung kann mit dem Begriff „Integration“ kein Richtungsbegriff gemeint sein, der sich auf eine Mitte als Orientierungsgröße bezieht. Denn es besteht zwar einerseits unverkennbar der Glaube daran, dass es eine solche Mitte gebe; aber andererseits sehen sich allzu viele unterschiedliche Gruppierungen als Repräsentanten dieses imaginären gesellschaftlichen Zentrums. So löst sich die eine einende Mitte in eine Vielzahl von Mitten (linke, rechte, nationale) auf: Das Volk und sein „Volkskörper“ zerfallen, wenn zu viele unterschiedliche Völkerstämme mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ gegeneinander antreten.

Nur ein Vertrag kann die offene Gesellschaft leiten

Plural strukturierte Gesellschaften basieren auf offener Integration, auf der durch demokratische Wahlen legitimierten, rechtlich gesicherten und ordnungspolitisch durchgesetzten Balance von Differenzen und Interessen. Die Erhaltung dieser Balance fordert von den Gesellschaftsmitgliedern mehr als nur die ideelle Selbstverpflichtung zum „Verfassungspatriotismus“. Sie verlangt darüber hinaus die aktive Unterstützung der Staatsbürger dafür, dass der ideelle Überbau material, durch alle drei Gewalten des Rechtsstaates, aufrechterhalten und abgesichert werden kann.

Als Mitglied offener Gesellschaften und ihrer Rechtssysteme ist dementsprechend derjenige als Staatsbürger integriert, der erstens imstande ist, Differenzen zu erkennen, zu artikulieren und auszuhalten; dies betrifft sowohl die Differenzen zwischen einem Individuum und anderen Individuen als auch zwischen Gruppen, Überzeugungen, Lebensstilen und Weltanschauungen. Zweitens muss er dazu fähig sein, Differenzen übergreifende Strukturen und Kooperationszusammenhänge wahrzunehmen und zu nutzen. Dazu gehört drittens, dass er die Repertoires der Sprach- und Rollenspiele seiner sozialen Welt kennt, beherrscht und variieren kann.

Kurz: Es gilt, die Chimäre völkisch, religiös oder ideologisch eingefärbter Leitkulturen gründlich zu entsorgen: Offene Gesellschaften können nur durch den Gesellschaftsvertrag geleitet werden, den sie sich selbst gegeben haben. Schutzherrin dieses Gesellschaftsvertrages ist eine gesicherte und entschlossen durchgesetzte Rechtskultur.

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