https://www.faz.net/-gqz-8c7vd

Offene Gesellschaft : Vergesst eure Leitkultur!

  • -Aktualisiert am

Illusionäre Antwort auf eine historische Entwicklung

In dem pathetischen, heroischen oder fanatischen Glauben an eine umfassende Gemeinschaft artikulieren sich vielmehr Reflex und Ressentiment gegen den mit den wachsenden Wahrnehmungs- und Handlungsoptionen verbundenen Zwang, immer wieder in relativ unüberschaubaren Situationen riskante Entscheidungen treffen zu müssen. Absoluter Glaube und die feste Bindung an eine Gemeinschaftsnorm minimieren diese Unsicherheit und vermitteln gegenüber einer drohenden allgemeinen wechselseitigen Fremdheit von Gruppen und Individuen das Gefühl der Zugehörigkeit zu einem Bund gleich Denkender und synchron Fühlender, die ihrerseits glauben, in radikal homogenisierender Arbeit an der Gemeinschaftsüberzeugung und, damit verbunden, an gemeinschaftlich geteilten Feindbildern ihr Gegengift gegen die Anonymität der modernen Gesellschaft finden zu können.

Dementsprechend sucht der religiös grundierte Fundamentalismus sein Heil in einem die Gemeinschaft überhöhenden, transzendenten Kosmos, während der säkular motivierte Radikalismus es in der Chimäre der kollektiven Identität eines Volkes, einer Nation oder einer Idee zu finden glaubt. Dass in Deutschland sowohl ein Teil der politischen Eliten und der mit ihnen sympathisierenden Intellektuellen als auch, nicht zufällig, die montäglichen „Wir sind ein Volk!“-Rufer immer wieder nach einer deutschen Leitkultur suchen oder diese retten wollen, basiert auf einem ähnlichen Reflex. In ihm tritt an die Stelle der Verteidigung rechtlicher Gleichheit, im Rahmen des durch eine Verfassung gesicherten Gesellschaftsvertrages, der Wunsch nach einer sichtbar gemeinsamen Gesinnung: An die Stelle der Rechtskultur tritt eine Gesinnungsleitkultur. Dieser Reflex repräsentiert die illusionäre Antwort auf eine historische Entwicklung, die nach 1945 einsetzte und Deutschland zu dem in Europa am stärksten „durchmischten“ Land machte.

Ein wesentlicher Teil der Krise

Seit 1945 führten Flüchtlingsbewegungen, Aus- und Rückwanderung, Armuts- und Arbeitsmigration, politische Asylsuche und gezielte Anwerbung von Fachkräften dazu, dass sich, bezogen auf die jüngsten vier Generationen, fast in jeder dritten deutschen Familie Zuwanderer finden. Heute ist jeder achte Einwohner Deutschlands im Ausland geboren und innerhalb der vergangenen sechzig Jahre als Einwanderer nach Deutschland gekommen. Schon 2013 lebten 10,7 Millionen Einwanderer aus 194 Ländern in Deutschland. Insofern ist der Flüchtlingszustrom, den wir gegenwärtig erleben, zwar sehr stark, aber, gemessen an früheren Zuwanderungsbewegungen, nicht so außergewöhnlich, wie er dargestellt wird.

Dass uns suggeriert werden kann, wir lebten gar in einem Ausnahmezustand, liegt an einem gefährlichen Gemisch aus medialer Dramatisierung einerseits und einer verhängnisvollen politischen Entscheidungs- und Organisationsunfähigkeit andererseits, die sich hinter parteipolitischem Gezänk und den damit verbundenen, inhaltlich leeren Überbietungsrhetoriken verbirgt: Das Krisenbewältigungschaos ist ein wesentlicher Teil der Krise.

Weitere Themen

Stars auf dem roten Grammy-Teppich Video-Seite öffnen

Hauptsache auffällig! : Stars auf dem roten Grammy-Teppich

Vor der Preisverleihung der 62. Grammy-Awards in Los Angeles liefen die Stars der Musikbranche vorbei an den Fotografen und Kameraleuten und zeigten ihre extravaganten Outfits, welche von Designern gestellt wurden.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.