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Darstellung des Landes : Wird Haiti in den Medien nur schlechtgeredet?

  • -Aktualisiert am

Eine Schülerin wartet vor den Toren einer Schule in Port-au-Prince: Wie normal ist der Alltag in Haiti wirklich? Bild: AP

Ist das mediale Bild, das von Haiti gezeichnet wird, lediglich das Produkt einer kolonialen westlichen Perspektive? Hans Christoph Buch, der selbst lange in dem Land gelebt hat, widerspricht.

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          Es gehört ein gerüttelt Maß an Chuzpe, Faktenleugnung oder Realitätsverkennung zu der Behauptung, Haiti wäre ein Land wie jedes andere, das von negativ voreingenommenen Reportern schlecht- geredet würde – so Johanna Nuber am 30. März in der „Zeit“ –, weil nicht sein kann, was nicht sein darf: ein aus einem Spartacus-Aufstand hervorgegangener Staat, die erste schwarze Republik der Welt, in der Kolonialsklaven aus eigener Kraft ihre Freiheit und Unabhängigkeit erkämpften.

          Abgesehen davon, dass das Narrativ so nicht ganz stimmt, denn England und Spanien unterstützten den Sklavenaufstand, um dem revolutionären Frankreich zu schaden, mit Waffen und Geld – abgesehen davon ist der Autorin zuzustimmen, wenn sie betont, dass es in Haiti, dem Armenhaus Amerikas, einen normalen Alltag mit lachenden Kindern in Schuluniformen gibt, die morgens die Straßen bevölkern. Dass die Schüler riskieren, gekidnappt und ermordet zu werden, wenn ihre Eltern, meist alleinerziehende Mütter, das geforderte Lösegeld nicht aufbringen, bleibt in Nubers Text außen vor.

          Jeder Besucher des Landes kennt den würgenden Kontrast zwischen der Schönheit und Würde der Menschen, dem Improvisationstalent der Haitianer und der Kreativität, mit der sie politische Desaster und Naturkatastrophen in einem kaum noch lebbaren Alltag meistern. Ich weiß aus leidgeprüfter Erfahrung – Haiti ist meine zweite Heimat, meine Großeltern lebten und starben dort –, was es heißt, den Hiobsbotschaften neue hinzufügen zu müssen: Erdbeben, Hurrikane, Aids, und zur von Blauhelmsoldaten eingeschleppten Cholera kommt die Pest einer korrupten Regierung, die sich am Elend des Volkes bereichert und weder das Leben noch die Gesundheit der Menschen schützt – ganz zu schweigen von Mindeststandards der Ökologie. Nur Corona hat Haiti bisher verschont, ein kleines Wunder, vielleicht bedingt durch die Altersstruktur, weil die Bevölkerungsmehrheit unter dreißig ist.

          Doch der Bote ist nicht schuld an der Botschaft, und das Schönreden Haitis klingt nachgerade zynisch angesichts der von Tag zu Tag sich beschleunigenden Abwärtstrends. Hierfür zwei Beispiele: Am 12. März wurden fünf Polizisten im Armenviertel Cité Dieu, einer Hochburg der Drogenkriminalität, in einen Hinterhalt gelockt und bestialisch massakriert. Die verstümmelten Leichen wurden gefilmt, aber nicht herausgerückt, nur ein gepanzertes Fahrzeug eroberte die Polizei zurück, aus deren Reihen ein Großteil der Waffen- und Drogenschmuggler sich rekrutiert. Und am 24. März wurde südlich von Port-au-Prince, in Mariani, eine Mutter von fünf Kindern vor den Augen ihres Mannes mehrfach vergewaltigt und zur Beschaffung des Lösegelds auf die Straße gesetzt. Als sie den Kidnappern statt der geforderten 250.000 nur 50.000 Dollar übergab, erschossen diese ihren Mann und ließen die physisch und psychisch gebrochene Frau allein mit den Kindern zurück.

          Materielle Armut und kultureller Reichtum

          Weil zu den Entführungsopfern auch Bürger der Dominikanischen Republik gehören, kündigte deren Präsident Luis Abenader an, nach dem Vorbild Donald Trumps quer durch Hispaniola eine Mauer zu bauen, um Haitianer am Überschreiten der Grenze zu hindern. Haitis von der Zivilgesellschaft und Opposition nicht anerkannter Staatschef Jovenel Moïse, der unter Bruch der Verfassung per Dekret regiert, bat die Organisation amerikanischer Staaten um militärisches Eingreifen, und auf einer Sitzung des Weltsicherheitsrats kündigte Russland an, Haiti helfen zu wollen – was immer das heißen soll.

          Die Kehrseite der materiellen Armut ist der kulturelle Reichtum Haitis in Tanz und Musik, Malerei und Literatur, auf die Johanna Nuber zu Recht verweist. Aber es ist billig, dem französischen Kulturinstitut, einer unter schwierigsten Bedingungen funktionierenden Einrichtung, die nicht bloß die Frankophonie, sondern auch die kreolische Sprache fördert, Eurozentrismus vorzuwerfen. Auch Fokal, eine von der Autorin gelobte Kulturplattform, ist nicht „natif/natal“, wie man in Haiti sagt, sondern wird von der Soros-Stiftung finanziert.

          Wie ernst die Lage ist, zeigt sich daran, dass Exil-Haitianer aus Miami oder Montreal, deren Geldtransfers, mehr als jedwede Entwicklungshilfe, den Familien das Überleben ermöglichen, nicht mehr wie früher in ihre Heimat zurückkehren, weil der Aufenthalt dort zu gefährlich ist. Nicht bloß Boat People aus Haiti, die von der nordamerikanischen Küstenwache aufgegriffen, in Guantánamo interniert und nach Ablehnung der Asylanträge zurückgeschickt werden, alle wollen weg von hier, so schnell wie möglich und egal wohin, auf die Bahamas, nach Brasilien oder nach Chile. Unter diesen Umständen vom „vermeintlichen Elend“ zu sprechen, an dem der „westliche Blick“ schuld sein soll, zeugt von ideologischer Verblendung oder, schlimmer noch, von umgekehrtem Rassismus, der böse weiße Männer für alle Übel der Welt verantwortlich macht.

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