https://www.faz.net/-gqz-7tjl6

Handyzwang bei Kindern : Der Daddelpeter

Google würde gerne mehr für junge Nutzer anbieten, sagte Sabine Frank, die bei Google Deutschland für Jugendschutz zuständig ist, dieser Zeitung. Allerdings seien die Auflagen von Coppa derart streng, dass das Unternehmen davor zurückschreckt. Vor wenigen Tagen haben mehrere amerikanische Medien gemeldet, dass Google für den amerikanischen Markt an einem speziellen Nutzungsumfeld für Kinder arbeitet, was der Konzern allerdings bisher nicht bestätigt. Mehr Kinderdatenschutz – das wäre ein heikles Unterfangen für Google. Denn es könnte Auswirkungen auf den Online-Datenschutz insgesamt haben. Google-Konten ohne Profilbildung und Werbung, da könnte sich mancher Nutzer überlegen, ob er sich nicht als Zwölfjähriger ausgibt.

Doch warum gibt es eigentlich keinen wirksamen Kinderdatenschutz in Deutschland? Warum werden Kinder, nur weil ihr Alter aus technischen Gründen im Netz nicht so leicht nachgeprüft werden kann wie beim Alkohol- oder Zigarettenkauf, rechtlichen Grauzonen überlassen? Die eigenen Kinder vor jugendgefährdenden Inhalten zu beschützen, traut man sich ja noch einigermaßen zu, weil es sich im Bereich des Sichtbaren abspielt. Warum aber wird Eltern die Aufgabe übertragen, Kinder vor dem völlig intransparenten Ansammeln personenbezogener Daten zu schützen? Kinder und Jugendliche müssen auch in der digitalen Welt ein Recht auf freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit genießen. Profilierende Festlegungen, das sogenannte Tracking (die Bewegungsverfolgung) oder das Targeting (die Zielgruppenzuordnung), die im Internet überall lauern, behindern sie dabei und machen sie zu Ansprechpartnern für personenbezogene Werbung. Facebook manipuliert, wie sich jüngst zeigte, für hauseigene Experimente sogar ungefragt die Timelines seiner Nutzer.

Das ist zu wenig

Der Datenschutzbeauftragte Schleswig-Holsteins, Thilo Weichert, sagt: „Wir haben in Deutschland keine Regelungen, die Kinder besonders schützen. Die gültige Datenschutzrichtlinie aus dem Jahr 1995 konnte nicht voraussehen, dass Kinder heute in dieser Form personenbezogene Daten von sich weltweit veröffentlichen würden.“ Eine Novellierung der EU-Richtlinie in einer Datenschutz-Grundverordnung würde „erstmals einen speziellen Schutz für die Daten von Kindern regeln“, so der Europa-Abgeordnete Jan Philipp Albrecht. Bislang sei aber offen, „wie eine Identifizierung von Kindern im Netz möglich gemacht werden kann, ohne damit die unverhältnismäßige Identifizierung aller Nutzer in Kauf nehmen zu müssen“.

Vorerst ist der Zustand folgender: Der Smartphone-Wunsch eines Kindes ist schnell erfüllt, von der gängigen Software aber, die es darauf gerne abspielen würde, kann man momentan nur abraten. Die Benutzeroberfläche eines wirklich sicheren Kinder-Smartphones enthielte nur eine einzige App: „Fragfinn“. Der Kinderdatenschutz ist lückenhaft, die Gesetzeslage ist unscharf, und Reformbemühungen liegen auf Halde. In der Digitalen Agenda der Bundesregierung finden sich nur Allgemeinplätze („Digitale Medienkompetenz für alle Generationen stärken“). Das ist zu wenig. An einem Verbot, Profile von Kindern und Jugendlichen anzulegen, darf genauso wenig ein Weg vorbeiführen wie an einer tauglichen Altersverifikation im Netz.

Weitere Themen

„Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

Trailer : „Herbstsonate“

„Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

Topmeldungen

Ralph Brinkhaus, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, steht zu Beginn der Plenarsitzung im Deutschen Bundestag und telefoniert.

Bundestag gegen Bots : Keine Debatte mit Robotern

Deutschland steht 2019 ein Superwahljahr bevor. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Ralph Brinkhaus schlägt Alarm und stellt gesetzliche Regeln gegen „Social Bots“ in Aussicht.

Protest in Frankreich : Der wahre Preis der Dinge

Dass viele Franzosen sich das Recht auf den Aufstand nehmen, ist klar. Aber geht es nur um die Wut der Verlierer aus der Provinz – oder um die erste „liberale Revolution“?

FAZ Plus Artikel: Bodenspekulationen in Berlin : Die verspekulierte Stadt

In Berlin sollte eine Modellstadt entstehen – das Projekt scheitert. Reiche Familien aus China, Geldwäscher aus Italien und Investoren aus Amerika machen Geld mit Berliner Boden. Die Beteiligten sind frustriert – auch über die deutsche Politik.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.