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Halloween auf Instagram : Geisterstunde

  • -Aktualisiert am

Schauriger Freizeitpark: Das Riesenrad von Prypjat drehte sich kein einziges Mal Bild: Sebastian Backhaus

Die Netzwelt liebt Rankinglisten, und sie liebt ausgefallene Motive. Kein Wunder also, dass es jetzt rechtzeitig zu Halloween eine Liste der instatauglichsten Geisterorte gibt.

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          Listen erfreuen sich im Internet großer Beliebtheit, da sie der Klick-und-weg-Mentalität des stets nach Neuem suchenden Konsumenten entgegenkommen. „Die zehn hässlichsten Hunde der Welt“ beispielsweise werden zuverlässig bestens angeklickt, wobei einige dieser Tiere so herzzerreißend bedürftig gucken, dass man sie gern durch die eigene Wohnung trotten ließe oder seine Nachbarn an Halloween mit ihrem Äußeren erschrecken würde.

          Die Website OnlineMortgageAdvisor.co.uk, ein Vermittlungsdienst für Hypothekenmakler, setzt, was Halloween betrifft, indes nicht auf Hunde, sondern hat recherchiert, welche Städte weltweit die fünfzehn instatauglichsten Geisterorte sind. Wer nun sofort die Hand hebt, weil er im äußersten Winkel von Nordhessen lebt, wo nicht gerade der Bär tanzt, muss enttäuscht werden: Kein einziger deutscher Ort hat es auf die Liste geschafft, nicht einmal Bielefeld.

          Gut vertreten sind dafür die Vereinigten Staaten. Den dritten Platz belegt Terlingua, ein staubiger, gottverlassener Ort in Texas, der seine Blütezeit Anfang der Zwanzigerjahre erlebte und dem Abbau von Quecksilber verdankte. Heute dient er Fotojägern als Kulisse, genauso wie das kalifornische Bodie, wo es 1880, zu Zeiten des Goldrauschs, mehr als sechzig Saloons gab. Inzwischen wurde der Ort zur Touristenattraktion ausstaffiert, inklusive Öffnungszeiten, was dem Flair der Geisterstadt nicht sonderlich gut bekommen dürfte. Wie soll man sich gruseln oder gedanklich ferne Zeiten bereisen, wenn man einander ständig auf die Füße tritt? Obwohl einem dies inmitten der Atacama-Wüste, genauer gesagt in Humberstone, wo einst Salpeter abgebaut wurde, nicht passieren kann, rangiert der Ort nur auf Platz sechs.

          Unangefochten auf Platz eins liegt – und das hat freilich etwas Makabres – die durch die atomare Katastrophe von Tschernobyl radioaktiv verseuchte Stadt Pripyat. Der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch sagt, Pripyat, das erst 1970 gegründet und nur sechzehn Jahre lang bewohnt wurde, sei einmal eine „der glücklichsten Städte der UdSSR“ gewesen. Dass das an Bedeutungsebenen reiche Pripyat ein fixiertes Enddatum habe, den 27. April 1986, den Tag der Evakuierung, hebe es auf eine Stufe mit Pompeji, dessen Untergang sich ebenfalls exakt datieren lässt. Verstörende Motive gibt es in Pripyat zuhauf. Am bekanntesten ist wohl das Riesenrad im kurz vor dem Unglück fertiggestellten Vergnügungspark, das sich kein einziges Mal gedreht hat. Doch davon erzählt das auf die Vermarktbarkeit der Motive fokussierte Insta-Grusel-Ranking nichts. Hat nicht das Internet längst viel mehr Geisterorte hervorgebracht als die reale Welt? Aber dorthin will wohl wirklich niemand reisen. Nicht einmal an Halloween.

          Melanie Mühl
          Redakteurin im Feuilleton.

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