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Halima Oulami im Gespräch : Die Nachbarn wissen nicht, was wir hier tun

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Halima Oulami, geboren 1976, setzt sich für die Rechte von Frauen in ihrem Heimatland Marokko ein. Bild: F.A.Z.

Sie leitet das Frauenhaus in Marrakesch, eines der wenigen in Marokko: Halima Oulami über männliche Gewalt, das Recht auf Scheidung, Bildung und, ja, auf Selbstbestimmung.

          Madame Oulami, Marrakesch ist die zweite marokkanische Stadt, in der eine Bürgermeisterin an die Macht kam. Manche halten das für Tourismuswerbung. Aber verschafft es auch Aufwind bei der Umsetzung der Rechte von Frauen?

          Auf jeden Fall. Seit einigen Monaten haben wir dieses Büro hier, und ohne den Einsatz der Bürgermeisterin wäre es wohl kaum dazu gekommen. Es gab verschiedene Gruppen, die das Gebäude zu einem Zentrum für allgemeine Vereinsarbeit machen wollten. Aber die Bürgermeisterin, Fatima-Zahra Mansouri, unterstützte unser Anliegen, ein Zentrum nur für Frauen zu schaffen. So etwas gab es bislang nicht, und so bekamen wir den Zuschlag.

          Wird Ihre Arbeit darüber hinaus staatlich unterstützt?

          Wir arbeiten seit 2003 ohne jegliche staatliche Unterstützung und sind vorwiegend auf die Projektförderung internationaler Stiftungen angewiesen. Dieses von der Stadt finanzierte Gebäude, das uns an keine inhaltlichen Auflagen bindet, sondern in kompletter Unabhängigkeit arbeiten lässt, ist ein riesiger Fortschritt.

          Es gibt weitere Fortschritte: Seit einigen Jahren können in Marokko zum Beispiel auch Frauen die Scheidung einreichen.

          Ja, das ist eine große Errungenschaft, die aber keineswegs vom Himmel fiel. Schon im Jahr 2000 gab es in Rabat eine wichtige Demonstration dafür, gefolgt von einer islamistischen Gegendemonstration in Casablanca. Der König Mohammed VI. hat daraufhin ein Komitee von Rechts- und Religionsverständigen einberufen, die zusammen an dem neuen Gesetz für die Persönlichkeitsrechte der Frau arbeiteten. Zurzeit engagieren wir uns vor allem für die Gesetzesanpassung an die neue Verfassung von 2012, der zufolge Männer und Frauen gleichgestellt sind. Unser Ziel ist es, ein besser auf die Frauen zugeschnittenes Gesetz gegen Vergewaltigungen zu bewirken.

          Bislang erlaubt das Familienrecht dem Täter bei Einverständnis der Familie des Opfers eine Heirat mit der vergewaltigten Frau, um sie so vor dem Ehrverlust zu „retten“. Im vergangenen Jahr führte diese Regelung zum Selbstmord eines sechzehn Jahre alten Mädchens und im Anschluss zu Massendemonstrationen . . .

          Dieser Fall hat viel bewegt. Wir versuchen auf allen Ebenen, sei es auf parlamentarischer Ebene hier in Marokko oder über den Genfer Menschenrechtsrat, das neue Gesetz gegen Vergewaltigungen durchzubekommen. Viele wollen die Möglichkeit einer Heirat mit dem Vergewaltiger aufrechterhalten, weil die Frau ansonsten keine Chance mehr auf eine Ehe habe. Deswegen wird heftig darüber diskutiert, ob es ein neues Gesetz geben sollte oder nur Modifikationen im Strafrecht. Es muss aber ein neues Gesetz geben, das den Täter in jedem Fall hart bestraft und die Frauen besser beschützt. Die Familienministerin haben wir schon überzeugt. Nun hängt es noch am Justizministerium.

          Auch Abtreibungen sind für Vergewaltigungsopfer nicht erlaubt.

          Nein. Es gibt nur die Möglichkeit einer geheimen Abtreibung.

          In den letzten Jahren sind in Marokko einige wenige Frauenhäuser entstanden. Auch die Frauenorganisation El Amane unterhält eines.

          Wir unterhalten inzwischen ein kleines Auffangzentrum. Auch in Casablanca, Essaouira, Fez oder Taza gibt es Frauenhäuser. Nur sind die Kapazitäten längst nicht ausreichend. Wir haben zurzeit fünfzehn Plätze, die wir jeweils für drei Monate vergeben können. Uns werden zusätzlich zu den Frauen, die hier zu uns ins Krisenzentrum kommen, von der Polizei und von Krankenhäusern Notleidende gebracht. Nach einer Statistik des Familienministeriums sind mindestens 62 Prozent der marokkanischen Frauen Opfer von Gewalt, über die Hälfte davon im häuslichen Zusammenhang. Aber die Frauenhäuser erfahren keinerlei staatliche Unterstützung. Unsere Organisation muss für Unterbringung, Lebensmittel und Medikamente selbst aufkommen. Bis Ende dieses Jahres ist unsere Finanzierung zum Glück gesichert. Wie es dann weitergeht, wissen wir zurzeit noch nicht.

          Wie reagieren die Nachbarn auf Ihre Einrichtung?

          Wir bieten in einem Gebäude offiziell Alphabetisierungs- und Nähkurse an. Wie der Komplex ansonsten ausgestattet ist, wissen die Leute nicht.

          In welcher Situation befand sich die Frau, die Sie zuletzt aufgenommen haben?

          Es war eine Frau, deren Mann Alkohol und Drogen konsumiert hat und der gerade gegen Monatsende zu extremen Gewaltattacken neigte. Die Betroffene, die eine kleine Tochter hat, litt auch psychisch unter dieser Situation und hat zuletzt ihre gesamten Kleider und Besitzstücke, einschließlich des Ehevertrags, verbrannt. Da sie einst adoptiert wurde, hat sie keine eigene Familie, die ihr beisteht und zu der sie sich flüchten könnte. Sie ging auf die Straße - die Mutter ihres Mannes hat uns alarmiert. In der Therapie hat sich nun herausgestellt, dass sie eine wunderbare Gesangsstimme hat und davon träumt, einen Beruf daraus zu machen. Wir versuchen, ihr dabei zu helfen. Gleichzeitig macht sie eine Ausbildung in der Patisserie.

          Wie geht es weiter, wenn die Frauen entlassen werden. Besteht die Chance, dass sie eine Wohnung finden?

          Das ist sehr schwierig für alleinstehende Frauen. Wir unterstützen sie dabei, indem wir mit Wohnungseigentümern sprechen und mit den Papieren helfen. Die Mindestvoraussetzung dafür aber ist ein regelmäßiges Einkommen. Darum legen wir so viel Wert auf unsere Berufsausbildungsangebote. Wir bieten Ausbildungen als Friseuse, Masseuse, Informatikerin, Näherin und in marokkanischer oder internationaler Patisserie an. Auf jeden Fall wollen wir verhindern, dass die Frauen betteln müssen oder sich prostituieren.

          In Saphia Azzedines gerade ins Deutsche übersetzten Roman „Zorngebete“ gerät die Protagonistin über mehr oder weniger erzwungene Sexdienste in die Prostitution und wird dafür mit drei Jahren Gefängnis bestraft. Danach wird sie sozusagen rehabilitiert und zur dritten Frau eines Imams. Wie realistisch ist dieser Fall, das heißt, wie sind aktuell die Gesetze zu Prostitution und Mehrfachheirat?

          Mit Zustimmung der Frau und eines Richters ist die Polygamie für Männer in Marokko generell zulässig, Prostitution dagegen illegal und für beide Seiten strafbar. Dabei verläuft das Prozedere für Frauen und Männer gewöhnlich sehr unterschiedlich. Bei verheirateten Paaren muss der Partner dem jeweils anderen vergeben, dann entgeht er einer Strafe. Die Erfahrung zeigt, dass Frauen normalerweise ihren Männern vergeben, während es andersherum nicht der Fall ist und bei unverheirateten Frauen natürlich auch nicht der Fall sein kann. Das heißt, die Frau wird in den meisten Fällen bestraft.

          Sie waren gerade mit einer Bücherkarawane in Ait Bougemaz unterwegs und haben in einem abgelegenen Gebiet im Atlasgebirge mit Jungen und Mädchen einen Workshop zur Situation der Frau gestaltet. Dafür setzten sie, was ungewöhnlich schien, abwechselnd Jungen und Mädchen zusammen an einen Tisch. Was kann man innerhalb der Schulbildung erreichen, um einen besseren Kontakt zwischen Frauen und Männern herzustellen?

          In urbanen Gegenden sorgen etwa gemeinschaftliche Projekte bis hin zum Theaterspielen dafür, dass sich die Gruppen durchmischen. In ländlicher Gegend sind sich die Pädagogen ihrer Aufgabe in dieser Hinsicht oft weniger bewusst. Ich habe zum Beispiel mit dem Schulleiter eines Collèges in Ait Bougemaz gesprochen, damit er zumindest die Sitzordnung in diesem Sinne gestaltet. Sein Gegenargument: Die Jungs würden das ablehnen. Gerade bei der Landbevölkerung versuche ich erst einmal ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Frauen die gleichen Rechte wie Männer haben, auch das Recht auf Bildung. Für beide Geschlechter ist es dort bis heute völlig normal, dass die Mädchen die Schule früh beenden, um Kinder zu bekommen und den Haushalt zu führen. Ich versuche dann anhand von berühmten Frauen andere Perspektiven aufzuzeigen. Ein Mädchen hat sich beispielsweise in einem Workshop dazu bekannt, dass sie gerne Lehrerin werden möchte. Die anderen haben sie ausgelacht. Aber ich konnte sie an die Adresse einer staatlich anerkannten, freien Schule verweisen. Dieses Pilotprojekt findet sich nur wenige Kilometer weiter, sogar die Direktorin dort ist weiblich. Die Bildungsmöglichkeiten sind ja von staatlicher Seite her vorhanden, und es liegt vielfach auch in der Hand der Gesellschaft, sich die Wege dahin zu ebnen.

          Halima Oulami hat in Marokko Humangeographie studiert und für verschiedene Frauen- und Menschenrechtsorganisationen gearbeitet. Im Jahr 2003 gründete sie in ihrem Wohnviertel in Marrakesch, Sidi Youssef Ben Ali, die „Association El Amane“, die sich für die Rechte von Frauen einsetzt. Sie hat zwei Kinder.

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