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Halima Oulami im Gespräch : Die Nachbarn wissen nicht, was wir hier tun

  • Aktualisiert am

Halima Oulami, geboren 1976, setzt sich für die Rechte von Frauen in ihrem Heimatland Marokko ein. Bild: F.A.Z.

Sie leitet das Frauenhaus in Marrakesch, eines der wenigen in Marokko: Halima Oulami über männliche Gewalt, das Recht auf Scheidung, Bildung und, ja, auf Selbstbestimmung.

          5 Min.

          Madame Oulami, Marrakesch ist die zweite marokkanische Stadt, in der eine Bürgermeisterin an die Macht kam. Manche halten das für Tourismuswerbung. Aber verschafft es auch Aufwind bei der Umsetzung der Rechte von Frauen?

          Auf jeden Fall. Seit einigen Monaten haben wir dieses Büro hier, und ohne den Einsatz der Bürgermeisterin wäre es wohl kaum dazu gekommen. Es gab verschiedene Gruppen, die das Gebäude zu einem Zentrum für allgemeine Vereinsarbeit machen wollten. Aber die Bürgermeisterin, Fatima-Zahra Mansouri, unterstützte unser Anliegen, ein Zentrum nur für Frauen zu schaffen. So etwas gab es bislang nicht, und so bekamen wir den Zuschlag.

          Wird Ihre Arbeit darüber hinaus staatlich unterstützt?

          Wir arbeiten seit 2003 ohne jegliche staatliche Unterstützung und sind vorwiegend auf die Projektförderung internationaler Stiftungen angewiesen. Dieses von der Stadt finanzierte Gebäude, das uns an keine inhaltlichen Auflagen bindet, sondern in kompletter Unabhängigkeit arbeiten lässt, ist ein riesiger Fortschritt.

          Es gibt weitere Fortschritte: Seit einigen Jahren können in Marokko zum Beispiel auch Frauen die Scheidung einreichen.

          Ja, das ist eine große Errungenschaft, die aber keineswegs vom Himmel fiel. Schon im Jahr 2000 gab es in Rabat eine wichtige Demonstration dafür, gefolgt von einer islamistischen Gegendemonstration in Casablanca. Der König Mohammed VI. hat daraufhin ein Komitee von Rechts- und Religionsverständigen einberufen, die zusammen an dem neuen Gesetz für die Persönlichkeitsrechte der Frau arbeiteten. Zurzeit engagieren wir uns vor allem für die Gesetzesanpassung an die neue Verfassung von 2012, der zufolge Männer und Frauen gleichgestellt sind. Unser Ziel ist es, ein besser auf die Frauen zugeschnittenes Gesetz gegen Vergewaltigungen zu bewirken.

          Bislang erlaubt das Familienrecht dem Täter bei Einverständnis der Familie des Opfers eine Heirat mit der vergewaltigten Frau, um sie so vor dem Ehrverlust zu „retten“. Im vergangenen Jahr führte diese Regelung zum Selbstmord eines sechzehn Jahre alten Mädchens und im Anschluss zu Massendemonstrationen . . .

          Dieser Fall hat viel bewegt. Wir versuchen auf allen Ebenen, sei es auf parlamentarischer Ebene hier in Marokko oder über den Genfer Menschenrechtsrat, das neue Gesetz gegen Vergewaltigungen durchzubekommen. Viele wollen die Möglichkeit einer Heirat mit dem Vergewaltiger aufrechterhalten, weil die Frau ansonsten keine Chance mehr auf eine Ehe habe. Deswegen wird heftig darüber diskutiert, ob es ein neues Gesetz geben sollte oder nur Modifikationen im Strafrecht. Es muss aber ein neues Gesetz geben, das den Täter in jedem Fall hart bestraft und die Frauen besser beschützt. Die Familienministerin haben wir schon überzeugt. Nun hängt es noch am Justizministerium.

          Auch Abtreibungen sind für Vergewaltigungsopfer nicht erlaubt.

          Nein. Es gibt nur die Möglichkeit einer geheimen Abtreibung.

          In den letzten Jahren sind in Marokko einige wenige Frauenhäuser entstanden. Auch die Frauenorganisation El Amane unterhält eines.

          Wir unterhalten inzwischen ein kleines Auffangzentrum. Auch in Casablanca, Essaouira, Fez oder Taza gibt es Frauenhäuser. Nur sind die Kapazitäten längst nicht ausreichend. Wir haben zurzeit fünfzehn Plätze, die wir jeweils für drei Monate vergeben können. Uns werden zusätzlich zu den Frauen, die hier zu uns ins Krisenzentrum kommen, von der Polizei und von Krankenhäusern Notleidende gebracht. Nach einer Statistik des Familienministeriums sind mindestens 62 Prozent der marokkanischen Frauen Opfer von Gewalt, über die Hälfte davon im häuslichen Zusammenhang. Aber die Frauenhäuser erfahren keinerlei staatliche Unterstützung. Unsere Organisation muss für Unterbringung, Lebensmittel und Medikamente selbst aufkommen. Bis Ende dieses Jahres ist unsere Finanzierung zum Glück gesichert. Wie es dann weitergeht, wissen wir zurzeit noch nicht.

          Wie reagieren die Nachbarn auf Ihre Einrichtung?

          Wir bieten in einem Gebäude offiziell Alphabetisierungs- und Nähkurse an. Wie der Komplex ansonsten ausgestattet ist, wissen die Leute nicht.

          In welcher Situation befand sich die Frau, die Sie zuletzt aufgenommen haben?

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