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Haiti am Abgrund : Ein Land in Gangsterhand

  • -Aktualisiert am

Keine friedlichen Proteste: Der karibische Inselstaat hat mit Gangkriminalität, Korruption und gewaltsamen Protesten zu kämpfen. Bild: AFP

Haiti steht vor dem Abgrund. Hunderte Häftlinge entkommen aus einem Hochsicherheitsgefängnis, Bandenkriminalität gehört zum Alltag, die Regierung scheint machtlos.

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          Die Bilder wirken vertraut, obwohl sie das Ausmaß des Horrors übertreffen, an den Haiti sich notgedrungen gewöhnen musste: Kinder in Schuluniformen gehen mit abgewandten Gesichtern an auf der Straße liegenden Toten vorbei, von denen es heißt, die Polizei habe sie auf der Flucht erschossen. Ein Beamter mit Helm und kugelsicherer Weste setzt seinen Fuß auf den Rücken eines wie George Floyd mit Handschellen geknebelten, auf dem Bauch liegenden Mannes. Und vermummte Polizisten treiben einen Trupp mit Stricken gefesselter Gefängnisausbrecher vor sich her, als handle es sich um eine Viehherde oder eine Sklavenkarawane. Was ist passiert?

          Croix-des-Bouquets ist kein Vorort von Port-au-Prince, wie die Medien behaupten, sondern eine Kleinstadt auf halbem Weg nach Malpasse an der Grenze zur Dominikanischen Republik. Früher, als Touristen sich hierher verirrten, kauften sie Kunsthandwerk aus Fer Forgé, Öltonnenblech als Rohstoff für schmiedeeiserne Skulpturen. Doch das ist lange her. Heute macht Croix-des-Bouquets nur noch Schlagzeilen durch im Blut erstickte Gefangenenmeutereien, denn anders als die aus der Kolonialzeit stammenden Verliese, in denen Haitis Häftlinge sonst vegetieren, verfügt Croix-des-Bouquets über eine moderne Haftanstalt mit Hochsicherheitstrakt.

          Trotzdem gelang im Juni 2018 vier Schwerverbrechern die Flucht, indem sie angeblich unbemerkt Gitterstäbe durchsägten. Und im August 2014 brachen dreihundert von neunhundert Gefangenen aus dem Hochsicherheitstrakt aus, unter ihnen der deutschstämmige Millionär Clifford Brandt, der die Kinder des Unternehmers Moscoso gekidnappt hatte.

          Wie hier am 28. Februar 2021 protestieren tausende Haitianer in den Straßen von Port-au-Prince gegen die Gangkriminalität im Land.
          Wie hier am 28. Februar 2021 protestieren tausende Haitianer in den Straßen von Port-au-Prince gegen die Gangkriminalität im Land. : Bild: AFP

          So besehen ist die Tragödie vom 25. Februar ein Déjà-vu, und statt kunstliebender Touristen gibt sich die internationale Presse ein makabres Stelldichein angesichts der letzten Drehung in Haitis Abwärtsspirale von der Perle der Antillen zum karibischen Albtraum.

          Recht und Ordnung? Fehlanzeige

          Die Grenze zwischen Polizei und organisiertem Verbrechen ist fließend in einem gescheiterten Staat, wo politische Morde und Entführungen zum Alltag gehören und Korruption keine Ausnahme, sondern die Regel ist. Die Armenviertel von Port-au-Prince werden von Gangsterbanden beherrscht wie Cité de Dieu im Süden der Hauptstadt, eine Hochburg der Drogenkriminalität, aus der Arnel Joseph stammt, Haitis meistgesuchter Verbrecher, dem Folter, Mord und Vergewaltigung zur Last gelegt werden. Am 25.Februar griff ein Rollkommando von außen das Hochsicherheitsgefängnis an, als bewaffnete Häftlinge im Innern den Aufstand probten und den Gefängnisdirektor in ihre Gewalt brachten. Der kam ums Leben, während Arnel Joseph am nächsten Tag über hundert Kilometer entfernt getötet wurde, als er mit dem Motorrad auf einen Checkpoint der Polizei zuraste.

          Die Schießereien in Croix-des-Bouquets forderten angeblich nur sieben Tote, darunter auch unbeteiligte Passanten. Doch die wirkliche Zahl dürfte weit höher liegen, denn wie schon 2014 sollen Hunderte Häftlinge aus dem überbelegten Gefängnis ausgebrochen sein, und der Appell des Regierungssprechers, die Bevölkerung möge Ruhe bewahren, ruft hierzulande nur müdes Kopfschütteln hervor. Haitis Polizei ist notorisch unterbezahlt, Gefängniswärter ebenso, beschlagnahmte Drogen verschwinden auf Nimmerwiedersehen, und Gangster wie Polizisten ziehen häufig am gleichen Strang. Exmilitärs und korrupte Politiker liefern den Drogenbossen Geld und Waffen und bringen ihnen militärisches Know-how bei, und obwohl das zum Weitertransport bestimmte Rauschgift in Haiti nicht konsumiert, sondern nur zwischengelagert wird, hat es die durch Corona vorgeschädigte Wirtschaft des Landes ruiniert. Und wie in Zentralamerika ist ein Ende des Drogenkriegs nicht in Sicht.

          Hans Christoph Buch lebt, wenn er nicht auf Reisen ist, in Berlin. Zuletzt erschien von ihm das Buch „Robinsons Rückkehr – Die sieben Leben des H.C. Buch“ in der Frankfurter Verlagsanstalt.

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