https://www.faz.net/-gqz-7xyid

Fünf Jahre nach dem Beben : Was der Goudougoudou in Haiti angerichtet hat

  • -Aktualisiert am

Ein Stadtteil erlebt ein kleines Wirtschaftswunder: Bauarbeiter in Pétion-Ville Bild: AFP

Vor fünf Jahren wurde Haiti von einem schweren Erdbeben erschüttert. Politisch steckt das Land in einer Dauerkrise. Und doch muss es auf sich selbst setzen.

          3 Min.

          Die Außenwelt nimmt Haiti immer erst zur Kenntnis, wenn dort Katastrophen passieren: Morde und Massaker, Militärputsche und Revolutionen, Sturmfluten und Hurrikane, die Dörfer und Städte verwüsten oder die Ernte vernichten. Und es gehört zur Ironie der Geschichte, dass der einstige Hoffnungsträger Jean-Bertrand Aristide seine Massenbewegung „Lavalas“ nannte, kreolisch für Erdrutsch oder Lawine, bevor er selbst den Bach runterging. Heute lebt Aristide in einer Luxusvilla nicht weit vom Flughafen und hält sich aus der Politik heraus - ähnlich wie sein Vorgänger Jean-Claude Duvalier, der, aus dem Exil heimgekehrt, friedlich im Bett starb, nachdem er das Land ausgeplündert und fluchtartig verlassen hatte.

          Das war am 7. Februar 1986, ein symbolisches Datum wie der 1. Januar 1804, an dem die Anführer einer siegreichen Sklavenrevolte die Republik Haiti gründeten, oder der 12. Januar 2010, an dem ein Jahrhunderterdbeben die Hauptstadt Port-au-Prince zerstörte. 230.000 Menschen kamen unter den Trümmern ums Leben, die Opfer der von UN-Soldaten eingeschleppten Cholera nicht mitgerechnet, und ganz zu schweigen von Arm- und Beinamputierten, unter ihnen viele Kinder, die nach dem Beben an Wundbrand und Knochenfraß starben.

          Nach Stunden gerettet

          Port-au-Prince liegt in einer geologischen Bruchzone, die periodisch von Erdstößen erschüttert wird, und der Seismologe Claude Prépetit hatte Zeit und Ort des Bebens ziemlich genau vorausgesagt. Doch die Regierung schlug alle Warnungen in den Wind, obwohl eine vergleichbare Erschütterung in Kalifornien nur wenig Tote gefordert hatte, weil man dort Bauauflagen befolgt und Zivilschutzübungen abgehalten hatte. Der haitianische Volksmund nennt das Erdbeben von 2010 „le Goudougoudou“, eine kreolische Lautmalerei, die das Knacken der Eisenträger in Wänden und Decken bezeichnet, mit dem kurz vor sechs Uhr abends alles begann. Die Bewohner rannten in Panik auf die Straße und dann, um Wertsachen und Pässe zu bergen, zurück in die Häuser, die auf sie niederkrachten.

          Der aus kanadischem Exil zurückgekehrte Schriftsteller Georges Anglade starb damals an der Seite seiner Frau, und der Oppositionssprecher Micha Gaillard wurde beim Verlassen des Justizpalasts unter Betonteilen begraben, aus Angst vor einem Tsunami ließen die Sanitäter ihn im Stich. Nadine Cardoso, die Chefin des Hotels „Montana“, lag tagelang unter einem Eisengitter, das ihr das Leben rettete, bevor sie über ihr Handy geortet werden konnte. Evelyn Margor war fünf Stunden lang eingeklemmt unter einer Betondecke, bis Nachbarn sie mit Hilfe eines Wagenhebers befreiten und in einen nach Santo Domingo startenden Helikopter luden, wo sie mehrfach operiert worden ist. Solche und ähnliche Geschichten hat hier fast jeder zu erzählen.

          Ein kleines Wirtschaftswunder

          Der Wiederaufbau kommt nur schleppend voran, weil es in Port-au-Prince kein Kataster gibt. Die Besitzverhältnisse der Grundstücke und Häuser sind nicht klar, und auf den mit Schutthalden überhäuften Straßen finden selbst Ortskundige sich nicht mehr zurecht.

          Hier braucht die internationale Bürokratie eine funktionierende Infrastruktur: In Pétion-Ville wird gebaut
          Hier braucht die internationale Bürokratie eine funktionierende Infrastruktur: In Pétion-Ville wird gebaut : Bild: AFP

          Der Nobelvorort Pétion-Ville galt schon vor dem Erdbeben als heimliche Hauptstadt mit Botschaften, Büros von Hilfsorganisationen, Supermärkten, Restaurants und Hotels. Nach Auflösung der Zeltlager für Erdbebenopfer und Obdachlose wurde der Stadtteil in Rekordzeit wiederaufgebaut: nicht aus Altruismus - der Gemeinsinn ist in Haiti notorisch unterentwickelt -, sondern aus Profitinteresse. Regierungsbehörden, UN-Mitarbeiter, Entwicklungshelfer und Diplomaten brauchten Arbeits- und Wohnraum mit funktionierender Infrastruktur. Neue Büro- und Geschäftshäuser schossen wie Pilze aus dem Boden, und Pétion-Ville erlebte ein kleines Wirtschaftswunder, weil jeder nach Haiti entsandte Journalist einen Fremdenführer oder Chauffeur benötigt; dazu kommen Leibwächter, Sekretärinnen, Köche, Gärtner und andere Zuarbeiter der internationalen Bürokratie.

          Mit nachhaltigem Aufschwung hat das wenig zu tun und ähnelt eher dem kurzlebigen Boom unter „Baby Doc“-Duvalier, als die Touristen wiederkehrten und amerikanische Firmen T-Shirts und Transistorradios in Haiti fertigen ließen. Letztere wurden Baby Doc zum Verhängnis, denn nach dem Papstbesuch von 1983 prangerten christliche Radiosender Menschenrechtsverletzungen an und beschleunigten so den Sturz der Diktatur.

          Tropfen auf heiße Steine

          Zur sozialen Misere - die Arbeitslosigkeit ist so hoch wie die Analphabetenrate: rund sechzig Prozent - tritt die politische Dauerkrise. Exekutive und Legislative blockieren sich gegenseitig, Konsens und Kompromiss haben keine Tradition, und die längst überfällige Parlamentswahl findet nicht statt, weil Regierung und Opposition sich weder auf den Wahltermin noch auf die Zusammensetzung des Wahlrats einigen können, so dass der Präsident vom 12. Januar an per Dekret regiert. Michel Martelly, alias Sweet Mickey oder Tèt kalé (Glatzkopf), war Popsänger von Beruf, bevor er in den zerstörten Nationalpalast einzog; diktatorische Ambitionen werden ihm nicht nachgesagt. Martelly ist kein großer Redner, weshalb Haitis Intellektuelle ihn nicht mögen. Er gilt als Pragmatiker, und es grenzt an ein Wunder, dass das Land trotz oder wegen der großflächigen Misere Fortschritte macht, etwa bei Straßenbau und Sicherheitslage. Die Regierung macht ernst mit der angekündigten Dezentralisierung, indem sie in entlegenen Provinzstädten tagt. Hinzu kommen Investitionen in Bildung, Schule und Universität, die erste Früchte tragen, statt in dunklen Kanälen zu versickern.

          Das sind Tropfen auf heiße Steine, aber hier wird sichtbar, dass ein heruntergewirtschaftetes Land wie Haiti sich selbst helfen kann, statt seine Misere von UN-Beamten, Blauhelmsoldaten und Entwicklungshelfern mehr schlecht als recht verwalten zu lassen. Dass Nichtregierungsorganisationen wie die Deutsche Welthungerhilfe gute Arbeit leisten und für Haiti unentbehrlich sind, steht auf einem anderen Blatt.

          Weitere Themen

          Da zittert das Bild

          Kunst der Renaissance : Da zittert das Bild

          Mehr als bloße Metaphorik: Frank Fehrenbach erkundet, wie sich die Künstler der italienischen Renaissance um den Eindruck der Lebendigkeit ihrer Werke bemühten.

          Topmeldungen

          Hat wesentlich zur Bekanntheit von Pennystocks beigetragen: Der Film „The Wolf of Wall Street“.

          Die Vermögensfrage : Spielwiese Pennystocks

          Pennystocks bezeichnen Titel unter einem Wert von einem Euro. Der flotte Handel mit solchen Aktien verspricht das schnelle Geld. Leider gibt es einen Haken: das Risiko.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.