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Haftvollzug in Chile : Der größte Betrüger war ein talentierter Dichter

Worte, die Männer in den Mund nehmen: Welche Gedichte schreiben Inhaftierte im Hochsicherheitsgefängnis? Bild: dpa

Seit Monaten verstrickt sich Chile in Debatten über Schuld und Sühne. Die Gefängnisse sind überfüllt mit Tätern und Opfern der jüngeren Geschichte. Ein Gespräch mit Andrea Brandes, die mit Inhaftierten Gedichte schrieb.

          6 Min.

          Frau Brandes, gerade herrscht Ruhe, weil die Corona-Krise die Menschen von den Straßen holt, aber das wird sich nach Einschätzung der chilenischen Regierung ändern, sobald das Virus unter Kontrolle ist. Was halten Sie von den Protesten der vergangenen Monate?

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Als die Demonstrationen im Oktober 2019 begannen, hat mich das gar nicht überrascht. Das war doch die logische Konsequenz einer jahrelangen Entwicklung. Das liberale Wirtschaftskonzept der Diktatur war auf Fortschritt, Leistung, Individualismus ausgelegt, als Paradigma der Erfolg. Wer da nicht mithielt, wurde schnell zum Abschaum der Gesellschaft. Ein Teil der Gesellschaft hat auf Kosten der anderen gelebt. Das hat die Kriminalität befeuert.

          Aber das auf der Straße sind doch nicht nur Kriminelle.

          Das stimmt. Aber der Weg von der Straße ins Gefängnis ist ein direkter. Die soziale Bewegung, die in den neunziger Jahren auf die Diktatur folgte, versprach den Jungen: Studiert, dann werdet ihr was. Das war eine große Lüge. Viele von denen, die in den letzten Monaten Steine geworfen haben und eine neue Wirtschaftsordnung fordern, sind verschuldete Hochschulabgänger ohne Job. Was können wir diesen jungen Leuten denn auf die Schnelle anbieten?

          Was muss man getan haben, um ins Hochsicherheitsgefängnis von Santiago zu kommen?

          Eine schwere Straftat begehen oder als Gefährdung für andere Häftlinge gelten. Früher waren dort auch politische Gefangene untergebracht, ein paar sitzen sogar noch. Für mich wiederum war es einfach, ich musste nur durch zwei Kontrollen: vorbei an den bewaffneten Polizisten am Eingangstor, wo die Frauen warten, die zur Visite kommen. Dann zur Ausweiskontrolle. Durchsucht wurde ich nie.

          Andrea Brandes vor ihrem Haus in Vitacura, einem Stadtviertel von Santiago
          Andrea Brandes vor ihrem Haus in Vitacura, einem Stadtviertel von Santiago : Bild: Elena Witzeck

          Sie haben dort acht Jahre lang Gedichte mit Inhaftierten geschrieben. Warum?

          Das war so eine fixe Idee. Ich wusste ja, wie schlimm es in chilenischen Gefängnissen zugeht. Die Häftlinge hatten bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt keinen Unterricht. Ich bin einfach hingegangen und habe gefragt, ob ich das machen darf. Und eine Woche später ging es los.

          Kamen die Männer freiwillig?

          Die Alternativen waren zugegebenermaßen nicht sehr reizvoll. Alltag in einem chilenischen Gefängnis bedeutet: sechs Stunden auf dem Hof, wenn es gut geht, der Rest in der Zelle. Der Platz ist sehr beengt. Die Höfe sind karg und klein, die Männer laufen dort im Kreis, manchmal Arm in Arm, trainieren oder nähen. Ich habe also angefangen, ihnen die Gedichte vorzulesen, die ich selbst liebe: die Künstlerin und Musikerin Violetta Parra und den spanischen Lyriker und Freiheitskämpfer Miguel Hernández. In seiner „Elegía“ geht es um eine Männerfreundschaft, Ungerechtigkeit, den Tod. Das passte.

          Und was haben sie daraus gemacht?

          Die Inhaftierten haben sich vor allem für die abstrakten Themen interessiert. Viele wollten sich mit Gott beschäftigen, mit Einsamkeit, Bindung. Hoffnung. Den Sternen. Nach ein paar Einheiten verstand ich ihr Problem: Ihnen fehlten die Worte. Eine kranke Tochter etwa machte sie „sauer“. Wieso sauer, habe ich gefragt, sind Sie nicht eher besorgt? Mir wurde klar, dass sie ihre Konflikte so lange mit Gewalt lösen, wie sie nur in diesen Begriffen denken. Und die Liebe war natürlich ein großes Thema. Diese Männer haben wahnsinnige Angst, dass die Frauen für immer verschwinden.

          Die Frauen, die draußen auf sie warten?

          Ja. Die meisten wollen ihre Beziehung weiterführen. Manche versuchen es mit Gewalt und Drohungen. Wenn sie mächtig genug sind und draußen einen Clan haben, gelingt das auch. Aber oft haben die Frauen irgendwann keine Kraft mehr. Sie müssen die gesamte Verantwortung über die Familie übernehmen, bekommen keine staatliche Unterstützung und sollen dann noch ihre Männer versorgen. In der Gefängniskultur isst ja niemand, der etwas auf sich hält, was aus der Knastkantine kommt.

          Welchen Rat haben Sie den Männern in der Liebe gegeben?

          Ich habe gesagt: Wenn Ihre Frau Ihnen gegenübersteht und sagt, sie sei so müde vom Warten, reicht es nicht, ihr einen Stuhl hinzustellen. Dann haben sie angefangen, Liebesgedichte zu schreiben.

          Welche Gedichte entstanden noch?

          Es gab Männer, die konnten weder schreiben noch lesen, die saßen einfach da oder erzählten. Andere waren überdurchschnittlich gebildet. Alle kamen wieder. Zu Beginn war die vorherrschende Meinung, es gebe Worte, die Männer wie sie nicht in den Mund nehmen dürfen. Es stellte sich dann aber heraus, dass einige vertretbar sind, wenn sie Dichter wie Neruda schon benutzt hatten. Wir haben dann am Anfang der Stunde immer die Hausaufgaben vorgelesen . . .

          Vor allen?

          Nach einer Weile wollten das alle. Ich habe mir das angehört und immer drei, vier Sätze dazu gesagt. Manchmal ergab sich dann ein Gespräch zwischen den Häftlingen. Die Teilnehmer saßen meist in kleinen Gruppen zusammen. Im Gefängnis gibt es etliche Seilschaften. Mit der Zeit haben sie angefangen, sich beim gemeinsamen Mittagessen alle an einen Tisch zu setzen. Sie haben ihren Kreis geöffnet. Das fand ich faszinierend. Es gab diesen einen Typen, der wirklich unausstehlich war: der schlimmste von allen. Kein Mörder – die Mörder waren nicht die unangenehmsten –, sondern ein Betrüger. Der hätte seine eigene Großmutter reingelegt und sich damit gebrüstet. Aber: ein talentierter Dichter. Er schrieb über einen Mapuche-Indianer, als sehne er sich nach Vergebung. Das Gedicht war sehr schlicht und von großer Schönheit. Es machte uns sprachlos.

          Sind Sie ihm danach anders begegnet?

          Mit mehr Bewunderung, jedenfalls für diese Seite an ihm. Ich durfte es aber nicht zeigen, sonst hätte er es ausgenutzt. Hat er dann ja auch, als er freikam: Er bat mich, ihm Geld zu leihen. Ich habe ihm nur die Hälfte gegeben, weil ich schon wusste, dass es nie zurückkommt. Und so war es dann auch.

          Haben Sie sich für die Verbrechen Ihrer Schüler interessiert?

          Ich habe nie nachgefragt. Von manchen Fällen las ich zufällig in der Zeitung. Da war ein promovierter Wirtschaftswissenschaftler, der wegen eines Sexualverbrechens in Einzelhaft saß. Da war ein Senator, der immer seine Reden hielt und die anderen damit gegen sich aufbrachte. In dieser Zeit hat sich mein Verständnis von Moral verschoben. Ich glaube nicht mehr an gute oder böse Menschen. Jemand, der ein übles Leben geführt hat, kann sich bessern. Genauso gibt es Menschen, die trotz eines musterhaften Lebens auf einmal durchdrehen. Da war dieser Mann, der nach einem Streit mit seiner Frau sein sieben Jahre altes Kind aus dem Fenster geworfen hat. Eine furchtbare Tat, für die er lebenslänglich einsitzt. Aber das war kein schlechter Mensch.

          Woran machen Sie das fest?

          Ich habe ihm acht Jahre lang zugesehen, wie er mit anderen sprach und Mitleidenden half. Im Moment der Tat muss etwas in seinem Kopf passiert sein. Die Lebensgeschichten der meisten Gefangenen sind erschütternd. Ein Mann, der aus einer Bergbauernstadt im Süden Chiles stammte, hatte seinen Vater, einen Kommunisten, direkt nach dem Militärputsch verloren. Nach seiner Erschießung wurde der Sohn, damals ein kleiner Junge, mit anderen Kindern losgeschickt, um in den schmalen Tunneln nach den Leichen der verschwundenen Väter zu suchen.

          Wie viele dieser Erfahrungen waren mit dem Erbe der Diktatur verknüpft, die vor dreißig Jahren endete?

          Die meisten. Da gab es diesen kleinen, stämmigen, schweigenden Mann mit dem freundlichen Gesicht. Einmal meldete er sich und sagte: Ich habe ein Problem. Ich weiß nicht genau, wer ich bin. Er hatte sein gesamtes Leben im Untergrund verbracht. Er war am 10. September 1973 in ein Flugzeug gestiegen, um eine Schülerreise in die sozialistischen Länder anzutreten, eine Belohnung dafür, dass sein Vater viele Jahre im Dienst des Präsidenten Salvador Allende gearbeitet hatte. Als das Flugzeug in der Luft war, putschte das Militär. Die chilenische Regierung nahm die Kinder nicht mehr zurück. Sie kamen nach Kuba zur Privatwache von Fidel Castro und bekamen mit elf Jahren eine Waffe ausgehändigt. Mit siebzehn war er Guerrillakämpfer in Nicaragua. In Chile nahm man ihn schließlich fest. Er saß schon 28 Jahre ein, als ich kam, und wusste nicht, wer er war.

          Haben Sie mit den Männern je über Schuld gesprochen?

          ANTWORT: Das hat Jahre gedauert. Jeder hat ja eine eigene Version seines Lebens. Sie zu überdenken gelingt nur aus eigenem Antrieb. Das ist dann auch passiert.

          Und dann?

          ANTWORT: Viele hatten schwer damit zu schaffen und wollten noch einmal ganz neu anfangen. Bei den Jüngeren ging es gerade darum, dass sich jemand für sie Zeit nahm. Die chilenischen Gefängnisse sind voller jugendlicher Straftäter. Zu einigen habe ich heute noch Kontakt.

          Was wurde aus Ihrem Job im Knast?

          Die Direktoren solcher Anstalten wechseln ständig. Irgendwann stand ich morgens an der Tür, und man sagte mir, ich brauche nicht mehr zu kommen. Ich habe dann noch ein Kunstprojekt im Gefängnis von Valparaíso begleitet, einer der größten Haftanstalten des Landes. Wir haben Szenen aus dem Alltagsleben der Sträflinge gefilmt und im MAC, dem Museum für Moderne Kunst in Santiago, gezeigt. Das hat die Besucher betroffen gemacht. Die Regierung fing in dieser Zeit an, ihren Strafvollzug zu überdenken, Präventionsprogramme aufzubauen und die psychologische Betreuung zu verstärken. Und wir haben einen Verein gegründet, der Sträflingen vor der Entlassung Schulungen und später Jobs in der Privatindustrie vermittelt. Die ersten dreihundert haben wir schon untergebracht.

          Wissen Sie, was Ihre Schüler jetzt machen?

          ANTWORT: Ich weiß jedenfalls, dass einige noch Lyrik lesen. Ein Bolivianer hat jetzt ein Sushi-Restaurant in einem Vorort von Santiago. Ein anderer arbeitet als Taekwondo-Lehrer in Puente Alto, ein anderer, der wegen Drogenschmuggels einsaß, im Büro meines Mannes. Ein Anwalt der Drogenmafia arbeitet wieder als Anwalt. Das Einzige, was mich schmerzt, ist, dass mir einer meiner Schüler erzählt hat, man habe die Bibliothek, die wir gemeinsam aufgebaut hatten, wieder geschlossen: Die Anstaltsleitung selbst habe die Bücherregale als Drogenumschlagsort benutzt. Aber das stammt aus dem Mund eines ehemaligen Inhaftierten und lässt sich natürlich nicht beweisen.

          Haft in Chile

          Die Verbrechensrate in Chile ist ungewöhnlich hoch. Die Infrastruktur ist alt und marode, in den Haftanstalten sitzen ungezählte junge Straftäter, Programme zur Prävention und Resozialisierung sind Ausnahmen. Gleichzeitig herrscht bei den Chilenen der Eindruck, die Richter gingen zu lax gegen Straftäter vor. Diese paradoxe Haltung stammt noch aus der Diktaturzeit, von der Mano Dura, der harten Hand des Militärstaates. Auf jede kriminelle Handlung folgten Rufe nach Sühne: So erinnert sich Andrea Brandes, Juristin und Lyrikerin, die 1957 in Santiago geboren wurde und auf eine deutsche Schule ging. Sie arbeitete lange in der Privatwirtschaft und hat anschließend acht Jahre lang im Hochsicherheitsgefängnis von Santiago Lyrikunterricht gegeben.

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