https://www.faz.net/-gqz-8ads5

Anonymous kämpft gegen IS : Der Krieg hat begonnen

„Der Krieg hat begonnen“: Ein Anonymous-Aktivist verliest eine Erklärung zum Kampf gegen den IS. Bild: Reuters

Das Hackernetzwerk Anonymous ist unberechenbar: Mal richten sich die Angriffe der digitalen Bürgerwehr gegen kleinere, mal gegen größere Gegner. Nun sagt sie dem IS den Kampf an. Was bedeutet das?

          3 Min.

          Die Hacker von Anonymous sind ganz schön fleißig. Alle fünf Minuten meldet die „Ghost Security Group“ unter der Adresse @CtrlSec, welche Twitter-Accounts der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ zuzurechnen sind und angegriffen beziehungsweise gelöscht werden sollen. Es sind Tausende und Abertausende. Sieben Tage die Woche, vierundzwanzig Stunden am Tag. Der Betreiber des Kurznachrichtendienstes kommt mit dem Aufräumen gar nicht hinterher. Und zu löschen gibt und gäbe es vieles: Aufrufe zu Gewalt, Beiträge, in denen Anschläge bejubelt werden, Horrorvideos, die zeigen, wie IS-Leute Menschen abschlachten. Der IS hat der freien Welt den Krieg erklärt, und er führt diesen selbstverständlich auch digital. Jetzt schlägt die freie Welt zurück: Die Attentate von Paris könnten „nicht ungestraft bleiben“, verkündet ein Anonymous-Aktivist in einem Video. Man werde die Terroristen finden. „Der Krieg hat begonnen.“ Hat diese Erklärung etwas zu bedeuten?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Eingetreten in diesen „Krieg“ gegen den IS ist Anonymous schon vor einiger Zeit, die Kampfansage wurde nach dem Massaker in Paris nur noch einmal bekräftigt. Online-Adressen, die dem IS zuzuordnen sind, werden seit Monaten gemeldet, mit einer Anfrageflut lahmgelegt oder gelöscht, Kommunikationswege offenbart. Mitmachen kann jeder, der sich berufen fühlt, denn Anonymous ist kein exklusiver Club, sondern eine über die ganze Welt verstreute Bewegung einzelner und kleiner Gruppen, die sich eigenständig ihre Ziele suchen. Die finden sie, wo sie Ungerechtigkeit und Machtmissbrauch lokalisieren. Angefangen hat das 2008 mit Attacken auf die Sekte Scientology, der Betreiber einer bekannten Rache-Porno-Seite wurde vorgeführt, es ging aber auch gegen Kreditkartenunternehmen, die ihre Dienste für Julian Assanges Wikileaks sperrten, dann wurde die israelische Armee zum Ziel bestimmt. Zwischenzeitlich sprengte das FBI eine Anonymous-Gruppe in den Vereinigten Staaten, doch das nahm den Guy-Fawkes-Maskenträgern nicht den Wind aus den Segeln. Einzelne Aktivisten lassen sich vielleicht aufspüren, den Schwarm aber stoppt niemand, denn der nächstbeste Aktivist kann eine Filiale eröffnen. Handlungsanleitungen für Anonymous-Aspiranten, die Hinweise auf IS-Seiten geben wollen, finden sich im Netz. So rekrutiert sich die digitale Bürgerwehr jeden Tag aufs neue.

          Ob sie gegen den IS – der das Internet professionell bearbeitet und für seine Propaganda zwingend braucht, um Drohungen auszustoßen, die Kommunikation zwischen Terror-Zellen aufrechtzuerhalten und Kämpfer an- und Geld einzuwerben – wirklich etwas ausrichten kann, ist die Frage. Inzwischen seien etwa hunderttausend Twitter-Konten von IS-Unterstützern abgeschaltet und 149 Propagandaseiten vom Netz genommen worden, heißt es in einem Bericht des Magazins „Foreign Policy“. Es müsse darum gehen, den IS mit all seinen Verbindungen auffliegen zu lassen und zu vernichten, so formulieren Anonymous-Aktivisten ihr großes Ziel. Dass sie von IS-Anhängern als Nichtskönner und „Idioten“ verspottet werden, braucht sie nicht zu kümmern.

          Der Online-Aufstand der Anständigen

          Schlagkräftig scheint vor allem die „Ghost Security Group“ zu sein, hinter der IT-Profis stecken sollen, die inzwischen unabhängig von dem Label Anonymous wirken. Sie legen nicht bloß Websites lahm, sondern sammeln Informationen über den IS, identifizieren dessen Anhänger und geben ihre Erkenntnisse an die Sicherheitsbehörden weiter. In Tunesien sei dank solcher Hinweise ein Terroranschlag verhindert worden.

          Im Zeichen der Maske agieren viele: Ein palästinensischer Demonstrant verbirgt sein Gesicht bei Auseinandersetzungen mit israelischen Sicherheitskräften in der Nähe von Ramallah.

          Verifizieren lässt sich dies schwerlich. Gleichwohl ist die Erwartung, dass Anonymous in der digitalen Welt etwas gegen den islamistischen Terror ausrichten kann, groß. Und erheblich ist auch der Wechsel der Perspektive: Der eben noch mit Misstrauen betrachte Maskenzug im Netz, dessen Aktionen sich mal hierhin, mal dorthin richten können – gegen den Staat, die Wirtschaft, das System, den Wall-Street-Kapitalismus, die Geheimdienste und die Überwachung im Netz –, wird zum patriotischen Widerstand, zur levée en masse, zum Online-Aufstand der Anständigen.

          Dahinter stecken der Wille, selbst etwas zu tun, und – das Prinzip Hoffnung. Es ist ein Zeichen der Machtlosigkeit und des Misstrauens. Es ist die Hoffnung auf eine Bürgerbewegung, die den Staat unterstützt, dessen Sicherheitsvorkehrungen versagen und der – wie in der Flüchtlingskrise – an die Grenzen seiner Möglichkeiten gelangt ist. Und dem bei der Terrorbekämpfung der umgekehrte Vorwurf gemacht wird wie üblich. Sonst heißt es: Die Geheimdienste wissen zu viel. Nun wird gefragt: Warum wusstest ihr nichts und habt einen Massenmord wie den in Paris nicht verhindert? Anonymous nimmt das Gesetz selbst in die Hand und muss sich nicht an irgendwelche Regeln halten.

          Im Kampf gegen den IS erscheint Anonymous als last frontier, als letzte Bastion, welche die Zivilisation gegen die Barbarei verteidigt. Dass sich dagegen der Netzpolitiker Konstantin von Notz von den als Bewegung gestarteten Grünen wendet und auf das Vorrecht staatlicher Behörden pocht, ist eine besondere Pointe. Er hat wohl ein Problem damit, dass es nach „Je suis Charlie“ nun heißen könnte: „I am Anonymous“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bahn-Chef Richard Lutz (rechts) und der bisherige Finanzvorstand Alexander Doll

          Führungschaos bei der Bahn : Höchste Eisenbahn

          Zuletzt hatte es noch Hoffnung geben, die Bahn könnte ihre Probleme hinter sich lassen. Doch nun tobt ein Führungschaos in der Chefetage. Das erste Opfer: Finanzvorstand Alexander Doll. Aber der eigentliche Skandal liegt woanders.

          Parteitag der Grünen : Alles scheint möglich

          Die Grünen profitieren enorm von der Debatte über den Klimaschutz. Auf ihrem Parteitag in Bielefeld wollen sie sich inhaltlich trotzdem weiter öffnen. Und eine Frage schwebt über allem: Wird es einen grünen Kanzlerkandidaten geben?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.