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Geschichtsbild der Deutschen : Preußen, ein Zombie

Reinigung des Hamburger Bismarck-Denkmals im April 2020 Bild: dpa

Liegen die Gründe für das, was Deutsche an Gegenwart und Staat so stört, vielleicht viel weiter zurück, als man denkt? Zum Beispiel genau 150 Jahre, als Deutschland seine erste Wiedervereinigung feierte?

          7 Min.

          Kann es sein, dass die vielen Neu- und Gesinnungspreußen, die Stadtschlosswiederaufbauer und Potsdamverschönerer, die Verehrer Friedrichs des Zweiten und Ottos von Bismarck das womöglich wichtigste Jubiläum der Saison übersehen haben? Dass nämlich, vor genau 150 Jahren, mit der sogenannten Emser Depesche, all das begann, was schließlich Preußens größter Triumph wurde: der Sieg über Frankreich. Die Gründung eines Deutschen Reichs unter preußischer Vorherrschaft. Und die Krönung des preußischen Königs zum Deutschen Kaiser?

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Kann es außerdem sein, dass der Rest der Deutschen, die sich in diesem Sommer langsam einstimmen auf den dreißigsten Jahrestag der Wiedervereinigung im Herbst, lieber nicht daran erinnert werden möchte, dass das, was vor 150 Jahren geschah, auch schon als deutsche Wiedervereinigung gefeiert wurde – von denen jedenfalls, die es betrieben: Nicht nur die Teilung und Zersplitterung des 19. Jahrhunderts seien durch die Reichsgründung endlich überwunden worden, sondern recht eigentlich die deutschen Verhältnisse in der gesamten frühen Neuzeit, als das Heilige Römische Reich zwar einen Kaiser und einen Reichstag hatte, aber doch zu groß, zu unübersichtlich, zu multiethnisch war und zu undeutsch, als dass daraus ein deutscher Nationalstaat hätte werden können. Das Reich – so ging jedenfalls die preußische Interpretation –, das von Preußen wiedervereinigt wurde, war zuletzt unter den Kaisern des hohen Mittelalters so einig und so stark gewesen.

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