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Gutachten zur Kunstfreiheit : Der letzte Skandal

Das Bild, das von der Documenta fifteen bleibt: Eine Installation des Kollektivs Taring Padi aus Indonesien wird wegen antisemitischer Darstellungen erst mit schwarzem Tuch verhüllt und kurze Zeit später abgebaut. Bild: dpa

Was will man aus der Documenta lernen? Der Berliner Verfassungsrechtler Christoph Möllers hat für Claudia Roth ein Gutachten über die Kunstfreiheit verfasst.

          8 Min.

          Der Documenta-Skandal war ein Desaster mit Ansage. Früh und laut war die deutsche Kulturnation vor dem gewarnt worden, was in ihrem Kasseler Kunstschaufenster voraussichtlich zu sehen sein werde, nachdem man die indonesischen Kuratoren der Gruppe Ruangrupa als Dekorateure für die Saison 2022 verpflichtet hatte. Warum trat das Desaster trotzdem ein? Aufklärung ist versprochen. In Kassel wird unter dem Namen der Documenta ein Forschungsbetrieb unterhalten, der im Interesse städtischer Markenpflege eine institutionelle Verstetigung der Documenta anstrebt. Diese offizielle Gedächtnispflege verträgt sich eigentlich schlecht mit der Aufgabe der Documenta, die nur alle fünf Jahre stattfindet, damit sie dem Publikum den Schock des Neuen bieten kann, den man von der Kunst seit den Anfängen der Moderne erwartet. Aber da es das Documenta-Institut schon gibt, wird es jetzt naturgemäß tätig und beginnt mit der Bewältigung der jüngsten Vergangenheit.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Das ist Routine. Mit Forschungsergebnissen im Sinne von Einsichten, auf die man selbst nicht gekommen wäre, weil sie nur durch methodische Anstrengung zu gewinnen sind, ist eher nicht zu rechnen. Die in Kassel eifrig betriebene Aufarbeitung der Gründungsgeschichte der Documenta und des wenig überraschenden, eigentlich auch nie unbekannten Umstands, dass an diesem kulturpolitischen Prestigeprojekt der jungen Bundesrepublik etliche NS-Belastete mitwirkten, dient hauptsächlich der Erhöhung des moralischen Kredits der heutigen Markeninhaber. Wie schnell es gelingen kann, das Anstößige von 2022, den SS-Mann mit Schläfenlocken und die gespielte Sprachlosigkeit des Kuratorenteams, als interessante Lokalfarbigkeit von der Art des Ärgers über die DDR-Künstler auf der Documenta 6 in das selbstgefällige Narrativ einer Kunstgeschichte als Streitgeschichte einzusortieren, wird man wohl erst anhand der unvermeidlichen Begleitausstellung der sechzehnten Documenta in vier Jahren beurteilen können.

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