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Netzkonferenz re:publica : Ich fühle mich wie Rotkäppchen

  • -Aktualisiert am

Gunter Dueck, hier bei einem Gespräch mit der F.A.Z., hatte bei seinem Vortrag auf der re:publica die Zuhörer schnell auf seiner Seite. Bild: Rainer Wohlfahrt

Das Netz ist eine Spielwiese für Provokateure, und der nächste Hype kommt bestimmt. Wer will schon bei der Sache bleiben? Der Mathematiker Gunter Dueck erklärt, warum das so schwierig ist und rockt die re:publica.

          5 Min.

          Ein T-Shirt mit Eigenwerbung, dazu eine beifallheischende Bemerkung mit einer Prise Selbstironie - der Gag sitzt. Der Mathematiker, Philosoph und langjährige IBM-Mitarbeiter Gunter Dueck weiß, wie man Zuhörer in seinen Bann zieht. Die Plätze vor der Hauptbühne der Republica sind alle besetzt.

          Aufmerksamkeit ist die Ressource schlechthin im digitalen Zeitalter. Und im Internet warten die Goldgräber. Zu ihren Werkzeugen zählen „postfaktische“ Nachrichten, Populismus, „Fake News“. Genauso gut zieht nach Ansicht von Dueck der Begriff „Achtsamkeit“. Wir werden verführt, unsere Aufmerksamkeit zu verscherbeln - für Inhalte, die sie gar nicht verdienen.

          Neuigkeiten vom Klassenkasper

          Das ist an sich keine Neuigkeit, aber durchaus ein Paradigmenwechsel, stellt Dueck zu Beginn seines Vortrags „Flachsinn - über gute und schlechte Aufmerksamkeit, wie man sie bekommt, wer gewinnt und wohin das alles führt“ auf der Netzkonferenz fest.

          Mit den Produzenten negativer Aufmerksamkeit verhält es sich wie mit dem Klassenkasper: Er lenkt vom Unterricht ab, sorgt für Unruhe, und der Lehrer kriegt ihn nicht ruhig gestellt. Nur, dass das Verhalten des Klassenkaspers mittlerweile als „Businessprinzip“ etabliert ist. Für Dueck eine bedenkliche Entwicklung in vielerlei Hinsicht.

          Das Prinzip wirkt nicht nur in die Firmenkommunikation, sondern auch in die Personalpolitik hinein. Befördert wird, wer von sich reden macht, die Qualität der tatsächlichen Arbeit gerät in den Hintergrund. Außerdem beeinflusst das Prinzip Klassenkasper auch das private Verhalten jenseits des Arbeitsplatzes. Und wohlgemerkt betrifft das nicht nur Angestellte, sondern auch Selbständige: als der inzwischen ganz normale Wahnsinn contentfreier Kommunikation und Aufmerksamkeitslenkung.

          Überall lauern Wölfe

          „Schau dir dieses Video an und dein ganzes Leben wird sich verändern.“ Bis das Video losgeht, erträgt man Werbeinhalte und diverse Werbebanner, und danach ist das Leben irgendwie doch nicht besser geworden. Außer für die Plattformen: Die haben gerade Geld gemacht. Zwischen all den „Influencern“ fühlt man sich schon mal wie Rotkäppchen, witzelt Dueck: Überall lauern Wölfe, die einen auf Blumenwiesen hier und da schicken, so dass man nie bei Großmutter ankommt.

          Arbeitsplatz Bällebad: Ein Besucher der Re:publica hält sich auf dem Laufenden.
          Arbeitsplatz Bällebad: Ein Besucher der Re:publica hält sich auf dem Laufenden. : Bild: EPA

          Sichtbarkeit ist Silber, Auffälligkeit ist Gold - deswegen spricht Dueck nicht nur von inspirationsarmen Filterblasen, sondern auch von „Halbleiterblasen“: Darin köchelten nicht nur eindimensionale Weltbildsüppchen, die Köche schössen sogar noch Giftspritzer in die Welt jenseits der Blasenwand. Dueck führt „Agitatoren“ an, die mit Buzzwords die Gemüter erhitzen oder mit Rechtschreibhinweisen inhaltliche Diskussionen behindern. Die Kurzlebigkeit solcher Pseudodebatten habe zwar gerade im Hinblick auf Shitstorms Vorteile - „Man kriegt den Kopf gewaschen, aber es geht ganz schnell“. Letztendlich sorge der reflexhafte Widerspruch aus diesen Halbleiterblasen allerdings für eine Atmosphäre der Angst.

          Kommunikation als Spießrutenlauf

          Kommunikation in den sozialen Medien sei zum Spießrutenlauf geworden, „wir wollen davonkommen“, so beschreibt Dueck die daraus resultierende Mentalität. Sowohl Privatpersonen als auch Akteure der Öffentlichkeit feilten solange an ihren Aussagen, bis nur noch Marketinghülsen bleiben. Heraus kommt Gefälligkeitscontent, etwa: Wir sind für Gerechtigkeit. Die Rente ist sicher. Oder Katzenbabys.

          Dass er angesichts dieser flachsinnigen Entwicklung noch immer zu Vorträgen über „digitale Transformation“ gebeten wird, lässt Dueck an die Decke gehen. Die Zukunft passiert jetzt, sei quasi seit dreißig Jahren im Vollzug - und „unsere Intellektuellen sind netzphob“. Berührungsängste mit Big Data seien zwar keine Überraschung, es will ja auch niemand im Alter von 43 Jahren noch Fahrradfahren lernen. Bitternötig aber hätten wir’s, meint der Referent: „Wir brauchen den Disput!“

          Motto in Tüten: Auf der re:publica geht es allerdings nicht immer um „Love out loud“.
          Motto in Tüten: Auf der re:publica geht es allerdings nicht immer um „Love out loud“. : Bild: Imago

          Aber Intellektuelle sitzen eh nur im Elfenbeinturm, oder? Nicht unbedingt, aber die Art und Weise, wie unser Gehirn Sprache verarbeitet, legt dies durchaus nahe. Denn Wörter sind „semantische Wundertüten“, beginnt die Linguistin Elisabeth Wehling ihren Vortrag über die Macht der Sprachbilder. Sie triggern Ideen und Assoziationskomplexe, die gar nicht erwähnt werden. „Framing“ heißt dieser Prozess, Gegebenheiten in Wahrheit zu verwandeln. Wer glaubt, über Fakten zu sprechen, lehnt sich weit aus dem Fenster: die „Frames“ in unserem Gehirn mischen immer mit. Mehr noch, sie bestimmen, ob wir etwas als Faktum anerkennen oder nicht.

          Wie arbeitet das Gehirn?

          „Das Gehirn denkt gern da nach, wo es konkret wird“: Je mehr bekannte Konzepte unser Gehirn identifiziert, desto effizienter verarbeitet es neue Information. Primärmetaphern wie Hoch/gut-niedrig/schlecht werden von Klein auf gelernt, die Ekelmetapher kennt auch jeder. Entsprechend kann das Gehirn daran viel mehr Weltwissen knüpfen, als an ein ungewöhnlicheres Konzept.

          Neue Information wird mittels neuronaler Simulation interpretiert, dadurch ist jedes Denken letztendlich körperlich. Wer von Schweiß und Toilettenpausen liest, simuliert im Gehirn Ekel, erklärt die Kognitionswissenschaftlerin Wehling. Kein Wunder, dass die von Trump als „nasty woman“ titulierte Hillary Clinton nicht gut ankam. Seine Wahlkampagne orientierte sich an Erkenntnissen aus der Kognitionsforschung. Sein Trumpf: Framing beeinflusst nicht nur die Wahrnehmung, sondern auch das Verhalten.

          Die Familie als Frame

          Wie aber denkt das Gehirn über etwas so Abstraktes und Komplexes wie Politik nach? Wehling, die unter anderem in Berkeley forscht, konnte nachweisen, dass wir dabei auf die naheliegendsten Metapher zurückgreifen: die Familie.

          Ihre Studie zeigt in mehreren europäischen Ländern dasselbe Muster: Das Wahlverhalten der gemäßigten Mitte hängt damit zusammen, wie wir selbst erzogen wurden. Wer mit Regeln und Bestrafungsmaßnahmen aufwächst, sehnt sich nach einer Regierungsfigur, die dem des starken Vaters gleicht, befürwortet Deregulierung und Law-and-Order-Policies. Studienteilnehmer, die ihre Kindheit in fürsorglicher Umgebung verbrachten, zogen „progressive“ Parteien den konservativen vor. Diese Korrelation lässt sich laut Wehling auf alle Bereiche der Politik übertragen: Arbeitsmarkt, Umwelt, Steuer, Integration. Dass Trump sich immer noch als Big Daddy inszeniert, ist kein Zufall. Die Bezeichnung festigt seine Rolle in den Köpfen der Menschen.

          Aber spielt das überhaupt noch eine Rolle, wenn wir in Zukunft per Telepathie statt Telefonie kommunizieren? Ratten können das - zugegeben, nicht ganz: Miriam Meckel, Herausgeberin der „Wirtschaftswoche“ und Kommunikationswissenschaftlerin, erzählt in ihrem Vortrag über Brainhacking und Selbstoptimierung von einem Experiment, bei dem kontinentale Ratten mit Hirnimplantaten auf eine Pavlov’sche Reiz-Reaktion trainiert wurden. Als man diese Daten an Implantate in den Gehirnen brasilianischer Ratten übermittelte, konnte ein fremdes neuronales Netzwerk etabliert werden: Sie verhielten sich wie die erste Gruppe Ratten - ohne, dass ihnen der Reiz geboten wurde.

          Es sind Forschungsprojekte wie diese, anhand derer Meckel demonstriert, dass Brainhacking weniger mit Science Fiction als mit der Realität zu tun hat. Sie berichtet von einem Tool, das man sich an den Kopf klemmt, um den Gemütszustand anzupassen und gegebenenfalls wacher oder aufmerksamer zu sein; Kostenfaktor: 300 Dollar. Von ihrem Selbstversuch, einem Schreibprogramm mittels konzentriertem Anstarren von Buchstaben ganze Wörter zu übermitteln; „langsam“ und „störungsanfällig“ sei das Modul - noch!

          Und von Neil Harbisson berichtet Miriam Meckel, dem ersten von einer Regierung anerkannten Cyborg. Harbisson sieht seine Umwelt seit seiner Geburt in schwarz-weiß-grau-Tönen. Dank einer implantierten Antenne am Kopf kann er sich Farben als Töne übertragen lassen. So gesehen, scheint es nicht mehr weit, bis die „Neuro Divide“ die Gesellschaft spaltet; in jene, die sich die Optimierung ihrer Gehirnleistungen leisten können und jene, denen das Geld fehlt. Wenn wir aber unserem Denkorgan auf solche Weise auf die Sprünge helfen, brauchen wir dann nicht auch ein Recht auf gedankliche Selbstbestimmung? Einfach mal unproduktiv zu denken, diese Muße zu verlieren wäre ein Jammer. Mehr noch fasziniert Miriam Meckel aber die Frage nach Identität: Wer bin ich, wenn Software meine neuronale Kapazitäten erweitern kann? Nur noch eine changierende Konstellation aus Datenströmen?

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