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Netzkonferenz re:publica : Ich fühle mich wie Rotkäppchen

  • -Aktualisiert am

Gunter Dueck, hier bei einem Gespräch mit der F.A.Z., hatte bei seinem Vortrag auf der re:publica die Zuhörer schnell auf seiner Seite. Bild: Rainer Wohlfahrt

Das Netz ist eine Spielwiese für Provokateure, und der nächste Hype kommt bestimmt. Wer will schon bei der Sache bleiben? Der Mathematiker Gunter Dueck erklärt, warum das so schwierig ist und rockt die re:publica.

          Ein T-Shirt mit Eigenwerbung, dazu eine beifallheischende Bemerkung mit einer Prise Selbstironie - der Gag sitzt. Der Mathematiker, Philosoph und langjährige IBM-Mitarbeiter Gunter Dueck weiß, wie man Zuhörer in seinen Bann zieht. Die Plätze vor der Hauptbühne der Republica sind alle besetzt.

          Aufmerksamkeit ist die Ressource schlechthin im digitalen Zeitalter. Und im Internet warten die Goldgräber. Zu ihren Werkzeugen zählen „postfaktische“ Nachrichten, Populismus, „Fake News“. Genauso gut zieht nach Ansicht von Dueck der Begriff „Achtsamkeit“. Wir werden verführt, unsere Aufmerksamkeit zu verscherbeln - für Inhalte, die sie gar nicht verdienen.

          Neuigkeiten vom Klassenkasper

          Das ist an sich keine Neuigkeit, aber durchaus ein Paradigmenwechsel, stellt Dueck zu Beginn seines Vortrags „Flachsinn - über gute und schlechte Aufmerksamkeit, wie man sie bekommt, wer gewinnt und wohin das alles führt“ auf der Netzkonferenz fest.

          Mit den Produzenten negativer Aufmerksamkeit verhält es sich wie mit dem Klassenkasper: Er lenkt vom Unterricht ab, sorgt für Unruhe, und der Lehrer kriegt ihn nicht ruhig gestellt. Nur, dass das Verhalten des Klassenkaspers mittlerweile als „Businessprinzip“ etabliert ist. Für Dueck eine bedenkliche Entwicklung in vielerlei Hinsicht.

          Das Prinzip wirkt nicht nur in die Firmenkommunikation, sondern auch in die Personalpolitik hinein. Befördert wird, wer von sich reden macht, die Qualität der tatsächlichen Arbeit gerät in den Hintergrund. Außerdem beeinflusst das Prinzip Klassenkasper auch das private Verhalten jenseits des Arbeitsplatzes. Und wohlgemerkt betrifft das nicht nur Angestellte, sondern auch Selbständige: als der inzwischen ganz normale Wahnsinn contentfreier Kommunikation und Aufmerksamkeitslenkung.

          Überall lauern Wölfe

          „Schau dir dieses Video an und dein ganzes Leben wird sich verändern.“ Bis das Video losgeht, erträgt man Werbeinhalte und diverse Werbebanner, und danach ist das Leben irgendwie doch nicht besser geworden. Außer für die Plattformen: Die haben gerade Geld gemacht. Zwischen all den „Influencern“ fühlt man sich schon mal wie Rotkäppchen, witzelt Dueck: Überall lauern Wölfe, die einen auf Blumenwiesen hier und da schicken, so dass man nie bei Großmutter ankommt.

          Arbeitsplatz Bällebad: Ein Besucher der Re:publica hält sich auf dem Laufenden.

          Sichtbarkeit ist Silber, Auffälligkeit ist Gold - deswegen spricht Dueck nicht nur von inspirationsarmen Filterblasen, sondern auch von „Halbleiterblasen“: Darin köchelten nicht nur eindimensionale Weltbildsüppchen, die Köche schössen sogar noch Giftspritzer in die Welt jenseits der Blasenwand. Dueck führt „Agitatoren“ an, die mit Buzzwords die Gemüter erhitzen oder mit Rechtschreibhinweisen inhaltliche Diskussionen behindern. Die Kurzlebigkeit solcher Pseudodebatten habe zwar gerade im Hinblick auf Shitstorms Vorteile - „Man kriegt den Kopf gewaschen, aber es geht ganz schnell“. Letztendlich sorge der reflexhafte Widerspruch aus diesen Halbleiterblasen allerdings für eine Atmosphäre der Angst.

          Kommunikation als Spießrutenlauf

          Kommunikation in den sozialen Medien sei zum Spießrutenlauf geworden, „wir wollen davonkommen“, so beschreibt Dueck die daraus resultierende Mentalität. Sowohl Privatpersonen als auch Akteure der Öffentlichkeit feilten solange an ihren Aussagen, bis nur noch Marketinghülsen bleiben. Heraus kommt Gefälligkeitscontent, etwa: Wir sind für Gerechtigkeit. Die Rente ist sicher. Oder Katzenbabys.

          Dass er angesichts dieser flachsinnigen Entwicklung noch immer zu Vorträgen über „digitale Transformation“ gebeten wird, lässt Dueck an die Decke gehen. Die Zukunft passiert jetzt, sei quasi seit dreißig Jahren im Vollzug - und „unsere Intellektuellen sind netzphob“. Berührungsängste mit Big Data seien zwar keine Überraschung, es will ja auch niemand im Alter von 43 Jahren noch Fahrradfahren lernen. Bitternötig aber hätten wir’s, meint der Referent: „Wir brauchen den Disput!“

          Motto in Tüten: Auf der re:publica geht es allerdings nicht immer um „Love out loud“.

          Aber Intellektuelle sitzen eh nur im Elfenbeinturm, oder? Nicht unbedingt, aber die Art und Weise, wie unser Gehirn Sprache verarbeitet, legt dies durchaus nahe. Denn Wörter sind „semantische Wundertüten“, beginnt die Linguistin Elisabeth Wehling ihren Vortrag über die Macht der Sprachbilder. Sie triggern Ideen und Assoziationskomplexe, die gar nicht erwähnt werden. „Framing“ heißt dieser Prozess, Gegebenheiten in Wahrheit zu verwandeln. Wer glaubt, über Fakten zu sprechen, lehnt sich weit aus dem Fenster: die „Frames“ in unserem Gehirn mischen immer mit. Mehr noch, sie bestimmen, ob wir etwas als Faktum anerkennen oder nicht.

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