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Vision des Arbeitsministeriums : Alles so vernetzt hier

  • -Aktualisiert am

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles im März in Augsburg Bild: dpa

Sozialdemokratie 4.0: Das Grünbuch des Ministeriums für Arbeit und Soziales führt vor, wie man alte Probleme unter den Teppich einer vermeintlich neuen Arbeitswelt kehrt.

          5 Min.

          Im monatlichen Rhythmus werden neue technische Epochen und innovative Organisationsformen ausgerufen. Berater versuchen über schnell hingeworfene Zeitdiagnosen, ihre Angebote zu vermarkten, Wissenschaftler geben ihren Forschungen darüber eine massenmediale Bedeutung, und Politiker versuchen, darüber Themen zu setzen. In der Vergangenheit wurde dabei noch so formuliert, dass man ungefähr wusste, worum es ging. Es war die Rede von „Matrixorganisation“, „Lean Management“ oder „Business Process Reengineering“. Aber schon an der Konjunktur Vorsilbe „post“ in der Bezeichnung neuer Trends konnte man erkennen, dass sich die Zeitdiagnostiker immer weniger trauten, ihre Analysen mit einem präzisen Begriff zu bezeichnen.

          Der Metatrend in der aktuellen Trendforschung ist aber, Zeitdiagnosen nur noch in Versionsnummern zu liefern. Die Rede ist vom Web 2.0, von der Gründungsinitiative 3.0 und von der Industrie 4.0, in der die zunehmende informationstechnische Vernetzung zwischen Unternehmen wichtiger werde. Oder es wird - wie jetzt gerade in einem Grünbuch des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales - unter dem Label Arbeit 4.0 bekanntgemacht, dass sich in der Arbeitswelt sehr viel ändert.

          Keine grundlegende Veränderung der Rationalisierungslogik

          Dem Grünbuch ist anzumerken, dass man sich viel Mühe gegeben hat, Gründe ausgerechnet für eine Version 4.0 zu finden. Arbeit 1.0 habe, so das Grünbuch, in der Industriegesellschaft stattgefunden, Arbeit 2.0 sei dann durch die Massenproduktion und den Wohlfahrtsstaat geprägt gewesen. Arbeit 3.0 - und hier erkennt man, wie verzweifelt weitere Versionen gesucht werden - sei durch die Konsolidierung des Sozialstaates und die spätere Zurücknahme des Sozialstaates geprägt gewesen. Arbeit 4.0 werde jetzt - so die Zeitdiagnose des Arbeitsministeriums - „vernetzter, digitaler und flexibler“.

          Aber sind die beobachteten Trends wirklich neu? Ein Kernbestandteil von Arbeit 4.0 sei die digitale Vernetzung zwischen Unternehmen. „Hochautomatisierte vernetzte Produktions- und Logistikketten“ würden die Arbeit erheblich verändern. Sicher ist das nicht falsch, aber unter dem Begriff der systemischen Rationalisierung ist die Diagnose seit mehr als dreißig Jahren bekannt. Es gehe, so die damalige Beobachtung, nicht mehr nur um die Leistungssteigerung an den Einzelarbeitsplätzen, sondern die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien würden es ermöglichen, die Wertschöpfungsprozesse zwischen Betrieben zu automatisieren und zu rationalisieren. Die Speicherleistungen mögen größer, die Sensoren präziser, die Übertragungsgeschwindigkeiten höher werden - eine grundlegende Veränderung der Rationalisierungslogik hat jedoch nicht stattgefunden.

          Auf längere Sicht der kapitalistische Normalfall

          Weil aufgrund des „digitalen Wandels“ zunehmend auch „digital literacy“ gefragt sei, komme es - so die Zeitdiagnose weiter - zu einer neuen „Dualisierung des Arbeitsmarktes“. „Am unteren Rand“ habe sich ein „Bereich von unsicheren und prekären Beschäftigungsverhältnissen“ ausgebildet. Es befinde sich zwar weiterhin ein Großteil der Arbeitnehmer in Normalarbeitsverhältnissen, gleichzeitig seien aber immer mehr Personen in atypischen, häufig prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt.

          Eine solche Dualisierung des Arbeitsmarktes mag auffallen, wenn man als Vergleich die sehr kurzen Phasen der Vollbeschäftigung in der alten Bundesrepublik heranzieht; über eine längere Zeitachse beobachtet, ist die Dualisierung des Arbeitsmarktes der kapitalistische Normalfall. Die am Existenzminimum lebenden „Solo-Selbständigen“ und „Klick-Worker“ hießen früher bloß „Tagelöhner“, statt von einem „Prekariat“ wurde von einem „Lumpenproletariat“ gesprochen, und als Beispiele dienen heute die selbständigen Paketausfahrer, Webdesigner, Schauspieler und Tankstellenpächter und nicht mehr, wie noch bei Karl Marx, die Lastenträger, Literaten, Orgeldreher, Scherenschleifer und Kesselflicker.

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