https://www.faz.net/-gqz-87j9d

Großbritannien : Neue Flüchtlingskrise, alte Bedenken

  • -Aktualisiert am

Mangelndes Mitgefühl musste sich Cameron vorwerfen lassen, weil er nur Flüchtlinge aus den Lagern im Nahen Osten aufnehmen will. Großbritannien will sich nicht erpressen lassen – vor allem nicht von Deutschland.

          Auf beiden Seiten der Diskussion über die Flüchtlingskrise, in der Real- und Moralpolitik aufeinanderprallen, berufen sich britische Kommentatoren gern auf die „stolze Geschichte“ ihres Landes. „Von den Hugenotten bis zum Kindertransport“ habe Britannien Flüchtlingen stets einen „sicheren Hafen“ geboten, heißt es immer wieder. Gerade deswegen lasse man sich ungern Vorgaben von den Deutschen machen, bemängeln einige britische Kritiker, die das verbreitete Lob ihrer Landsleute für Angela Merkels Politik und den Tadel für Camerons bisherige Haltung als eine linksliberale Sentimentalität empfinden.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Im Hinblick auf die wesentlich beständigere Geschichte der Briten als Zufluchtsort für die Verzweifelten der Welt habe Deutschland keinen Anlass, „das rappelvolle Britannien über unsere moralische Pflicht gegenüber Flüchtlingen zu belehren“, wetterte die „Daily Mail“, die sich als Stimme „Mittelenglands“ versteht. Damit ist die konservative Mehrheitsmeinung der mittleren und unteren Bürgerschichten gemeint, mit deren Zuspruch Premierminister Cameron rechnete, bis die Stimmung nach der Veröffentlichung des Fotos des in der Türkei an Land gespülten dreijährigen syrischen Jungen Ende vergangener Woche umschlug. Wenn man höre, wie Angela Merkel und die Kommission der Europäischen Union versuchten, das Vereinigte Königreich zu erpressen, mehr syrische Asylsuchende aufzunehmen, könnte man denken, sie arbeiteten insgeheim für die rechtspopulistische, antieuropäische United Kingdom Independence Party (Ukip), mäkelte der Leitartikler der „Daily Mail“.

          „Dies ist nicht die Zeit für Wohltätigkeit“

          Ein näherer Blick auf die britische Zuwanderungspolitik des zwanzigsten Jahrhunderts zeigt, dass bei jeder neuen Krise die gleichen Bedenken hervorgebracht wurden, die auch jetzt die politische Debatte im Vereinigten Königreich beherrschen. Als Britannien sich 1914 nach den aufheizenden Berichten über Greueltaten der deutschen Armee in die Pflicht genommen sah, Flüchtlinge aufzunehmen, schrieb Winston Churchill in einem privaten Brief, dass die Belgier in ihrem Land bleiben, die kontinentale Nahrung essen und die Aufmerksamkeit der deutschen Politik in Anspruch nehmen sollten. „Dies ist nicht die Zeit für Wohltätigkeit.“ Auch damals schlug den belgischen Zugewanderten, denen die Kriminalliteratur übrigens in der Gestalt von Hercule Poirot eine ihrer berühmtesten Figuren verdankt, nicht nur menschliche Wärme entgegen.

          In den dreißiger Jahren wurde eine ähnliche Debatte über die Aufnahme jüdischer Verfolgter des Hitler-Regimes geführt wie in der jetzigen Krise. Bereits im März 1933 stellte ein konservativer Abgeordneter im Parlament fest, dass „Hunderttausende von Juden jetzt Deutschland verlassen und von dort in dieses Land hasten“. Ob Britannien bereit sei, Fremden aus allen Ländern Einlass zu gewähren, wo die Arbeitslosigkeit bei 300.000 liege? Die Akten belegen auch, wie schwer sich die britische Regierung 1972 mit den aus Uganda vertriebenen Asiaten tat. Vier Jahre nach dem Virgil entliehenen Warnruf Enoch Powells über die „Ströme von Blut“, die fließen würden, wenn die Zuwanderung nicht gebremst werde, befürchtete das damalige Kabinett Heath nicht nur, dass die Aufnahme von 25.000 Asiaten die rassischen Spannungen schüren könnte, sondern auch, dass sie Flüchtlinge aus anderen ostafrikanischen Ländern nach sich ziehen würde.

          Mit dem Argument, dass den Flüchtlingen in den Lagern im Nahen Ostern geholfen werden müsse, statt dem Menschenschmuggel durch die Aufnahme derer, die das tödliche Risiko der Reise nach Europa auf sich nehmen, Vorschub zu leisten, hat Cameron sich den Vorwurf des mangelnden Mitgefühls eingetragen. Dominic Lawson beklagte in seiner differenzierten „Sunday Times“-Kolumne die Gefühlsseligkeit der modernen Politik, der mehr am eigenen „Feelgood“-Faktor gelegen sei, als am Schicksal der Betroffenen. Weder Gladstone noch Churchill hätten in ihren Reaktionen auf brutales Geschehen ihre persönlichen Emotionen so geltend gemacht, wie das Cameron nun getan habe, als er mit Blick auf das Bild des kleinen Aylan Kurdi von seiner Bestürzung als Vater sprach.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Lawson verwies in seiner Rechtfertigung der Grundhaltung der britischen Regierung auf den Oxforder Wirtschaftswissenschaftler Paul Collier, der in seinem Buch über Einwanderung und Multikulturalismus die „intellektuell faule Wohlfühlpolitik für die Gutgesinnten“ verurteilt und Europa dazu aufruft, die moralisch törichte Politik zu beenden, die Menschen dazu verführe, skrupellosen Schleppern ihr Leben anzuvertrauen. Das bevorstehende Referendum über den britischen Verbleib in der Europäischen Union lässt Cameron allerdings wenig Spielraum.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Braunkohlekraftwerk Jänschwalde hinter dem ehemaligen Braunkohletagebau Cottbus-Nord

          Details des Klimapakets : Wer hat’s erfunden?

          Kommenden Freitag soll das Klimapaket beschlossen werden. Um die entscheidenden Details wird bis zuletzt gerungen: Offen ist vor allem die Frage, wie viel die Tonne CO2 kosten soll.
          Der frühere türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu trat am Freitag mit fünf anderen Politikern aus der AKP aus.

          Austritte aus der AKP : Rebellion gegen Erdogan

          Einige prominente Politiker sind aus der türkischen Regierungspartei AKP ausgetreten, um ihre eigenen Bewegungen zu gründen. Für den türkischen Präsidenten Erdogan könnte es eng werden.
          Schild vor dem Trump Hotel in Washington, 21. Dezember 2016

          Klage von Hoteliers : Hat Donald Trump die Verfassung gebrochen?

          Trump schädige ihr Geschäft, indem er Diplomaten nötige, in seinen Hotels abzusteigen, monieren Gaststättenbetreiber. Damit haben sie vor einem New Yorker Gericht einen Etappensieg errungen. Nun könnte der Surpreme Court den Fall an sich ziehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.