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Brexit-Debakel : Der Tag, an dem Geschichte hätte geschrieben werden sollen

  • -Aktualisiert am

„March to leave“: Und doch kam alles anders. Bild: Picture-Alliance

Am 29. März wollte Großbritannien die EU verlassen: Was dann jedoch in London geschah, gab nur Anlass zum Spott.

          4 Min.

          Nach der Überlieferung hatte ein Koch in Eton im Jahr 1893, am Tag des jährlichen Cricket-Spiels zwischen der Eliteschule und ihrer Rivalin Harrow, seine Pavlova-Torte auf den Boden fallen lassen. Da die Zeit pressierte, schaufelte er den Haufen auf und füllte ihn in einzelne Gläser ab. Es gibt andere kolportierte Varianten des Malheurs. Ob es das Missgeschick in der Küche oder der Überfall eines Labradors auf den Picknickkorb war, der den neuen Nachtisch hervorbrachte – die Mischung aus Erdbeeren, zerbrochenem Baiser und Schlagsahne mit dem Namen „Eton Mess“ hat sich als ein Leibgericht des britischen Sommers etabliert.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Wegen der Prominenz ehemaliger Eton-Eleven in dem Brexit-Debakel wird dieses von Kritikern auch gern als Eton Mess bezeichnet. Vor drei Jahren gab es bereits eine possierliche Petition, welche die Umbenennung des Nachtisches in Brexit beantragte, um den bitteren Geschmack der von einigen erwachsenen Eton-Knaben aufgepeitschten Stimmung zu versüßen. In dieser Woche nun hat sich die Küche des Unterhauses den Spaß erlaubt, „Eton Mess“ auf die Speisekarte zu setzen. Die einzelnen Gläser wurden in der Parlamentskantine für 1,08 Pfund angeboten; der Preis ergebe sich, so hieß es, aus einem Penny für jedes Mal, wenn Theresa May behauptet habe, Großbritannien werde am 29. März aus der EU austreten.

          Stattdessen liegt die Zukunft der Nation weiterhin im Ungewissen. Für die Nachfolge Theresa Mays an der Spitze der Konservativen warten bereits so viele Kandidaten in den Startlöchern, dass gewitzelt wird, die anstehende Wahl werde mit ihrer Riesenbesetzung dem Monumentalfilm „Ben Hur“ gleichen. Andere frotzelten, Theresa May könne als die am längsten dienende Premierministerin in die Geschichte eingehen, da sie ihr Rücktrittsangebot mit der Zustimmung zu ihrem Austrittsabkommen verknüpft habe, das aber weder die Befürworter noch die Gegner des Brexits gutheißen. Gestern wurde es dann zum dritten Mal abgelehnt.

          Fragezeichen über dem ganzen Land

          Spaß beiseite. An diesem Tag, an dem, wie es der Generalstaatsanwalt Geoffrey Cox mit seinem tiefen Bassbariton formulierte, Großbritannien am Scheideweg stehe, hängt nicht nur über der Führung der Regierungspartei ein Fragezeichen. Der ehemalige Notenbankpräsident Lord King sprach am Freitag von einem kollektiven Nervenzusammenbruch der politischen Klasse. Manche reden sogar davon, dass die Krise eine neue politische Ordnung, Veränderungen der arkanen Prozeduren des Parlamentes und Verfassungsreformen erforderlich mache. Der Konflikt zwischen Exekutive und Legislative habe gezeigt, dass das jetzige System nicht mehr funktioniere, urteilte der Zeithistoriker Anthony Seldon. Der Regierungshistoriker Peter Hennessy, Jahrgang 1947, sieht die jetzigen Vorgänge als größte Zerrüttung zu seinen Lebzeiten, „und sie ist noch lange nicht vorüber“.

          Europa fresse Premierminister auf, sagte Hennessy. Die Liste der Gefallenen beginnt mit Macmillan, der sich nie erholt hat von de Gaulles Veto von 1963 gegen den britischen Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, und wird fortgesetzt von Heath, Thatcher, Major, Cameron und May, gar nicht zu reden von den konservativen Parteiführern – William Hague, Ian Duncan Smith und Michael Howard –, die es nie bis in die Downing Street geschafft haben. Während der Suez-Krise klagte Clarissa Eden, die Frau des damaligen Premierministers Anthony Eden, dass sie das Gefühl habe, der Suez-Kanal fließe durch ihr Wohnzimmer. Was würde die bald hundertjährige Nichte Winston Churchills sagen, wenn sie jetzt in Downing Street residierte? Der Brexit zerklüftet die Nation dahin gehend, dass Mediziner sogar brexitverwandte Angstzustände diagnostiziert haben. Patienten klagen über schlaflose Nächte und andere Malaisen.

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