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Debatten an britischen Schulen : Gefahrlos und sicher diskutieren

  • -Aktualisiert am

Offen für Diskussionen: Britische Schulen testen die Grenzen der Meinungsfreiheit. Bild: Reuters

Dürfen Kinder alles sagen, wonach ihnen ist? Britische Schulen bieten nun sichere Räume an, in denen gefahrlos diskutiert werden kann. Doch das Konzept kommt nicht bei jedem gut an.

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          Als ein Google-Mitarbeiter im vergangenen Jahr die Gleichberechtigungspolitik des Technologiekonzerns mit dem Verweis auf unterschiedliche biosoziologische Verhaltensweisen zwischen Männern und Frauen in Frage stellte, brach die Hölle los. Der Angestellte hob in seinem Memorandum ausdrücklich hervor, dass er Vielfalt wertschätze und weder bestreite, dass Sexismus bestehe, noch die Verwendung von Stereotypen gutheiße. Er prangerte nur die politisch-moralischen Programme zur Gleichstellung an und plädierte dafür, Mitarbeiter als Individuen zu behandeln statt als Zugehörige einer Gruppe. Die liberal-konservativen Ansichten des Verfassers wurden von der Konzernleitung als untragbar empfunden. Mit seiner Entlassung schien Google dessen Kritik an der Intoleranz gegenüber Gedanken und Statistiken zu bestätigen, die der „ideologischen Echokammer“ nicht behagten.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Das Papier gehört zu den brisanten Stoffen, die eine Sekundarschule in Canterbury im Rahmen einer Initiative zur Förderung der freien Rede und des unabhängigen Denkens mit Schülern der letzten beiden Lehrjahrgänge diskutieren will. Pläne für ein Forum, in dem sich Siebzehn- und Achtzehnjährige ohne Warnungen vor potentiell „gefährlichen“ Inhalten „aus der Sicht von beiden Seiten des ideologischen Spektrums“ mit den „schönsten verstörten und verstörenden Gedanken“ auseinandersetzen können, haben einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen, zumal die Rede davon ist, dass Hitlers „Mein Kampf“ ebenfalls Gegenstand der außerhalb des Lehrplanes stehenden Stunden sein soll. Dass dieses Buch nicht „studiert“, sondern im Rahmen einer breiteren Betrachtung politischer Programme neben dem Kommunistischen Manifest, dem roten Buch von Mao, Lenins „Was tun?“ und den Werken von Rousseau oder Hobbes zur Diskussion gestellt wird, findet in dem Aufschrei keine Erwähnung.

          Sorge um „unsichere Orte“

          Eine Schülerin empörte sich auf Twitter, dass ihre Schule „unsichere Orte“ einführen wolle, in denen man so rassistisch, sexistisch und xenophobisch sein könne, wie man wolle. Sie sah das nicht als freidenkerisch an, sondern als Legitimation des Faschismus. Eine andere Schülerin nahm Anstoß an der Erklärung, das Forum werde das Für und Wider des Google-Memorandums debattieren. Einen Lehrer sagen zu hören, dass es überhaupt ein Für in dem Argument gebe, ging ihr gegen den Strich. Einige erregten sich auch über den für die Diskussionsrunden zuständigen Lehrer, der sich bei der Vorstellung des Programms mokiert habe über die LGBT-Gemeinde durch die Darbietung eines Buchstaben- und Ziffernsalats. Dabei war die Zeichenfolge „LGBTQQIP2SAA“, die das Kürzel für Lesbisch, Schwul, Bisexuell und Transgender um lauter andere Identitätskategorien wie Queer, Intersex, Pansexuell und Asexuell ergänzt, einer LGBT-freundlichen Website entnommen worden.

          Angesichts der Empfindlichkeiten in diesem Bereich war es wohl etwas ungeschickt, dass die Schule in Anspielung an die „sicheren Orte“, die an Hochschulen Schutz bieten sollen vor anderslautenden Meinungen, das neue Forum als „unsicheren Ort“ anpries und von einem Gegengift zur politischen Korrektheit sprach. Der Direktor hat sich denn auch von der Formulierung distanziert. In einem Schreiben an die Eltern erläuterte er das Ziel: „fortzusetzen, was wir machen, indem wir jungen Männern und Frauen ermöglichen, interessante Ideen auf höchstem Niveau zu diskutieren mit Rednern von innerhalb und außerhalb der Schulgemeinde“.

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