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800 Jahre Magna Carta : An diesem Strumpfband hängt die Britishness

Der König hat wenig Lust zur Unterschrift: Johann auf einem amerikanischen Stahlstich aus dem Jahr 1870. Bild: INTERFOTO

Am 15. Juni 1215 unterzeichnete ein bedrängter englischer König die Magna Carta. Achthundert Jahre später darf das Dokument bei keiner Feier britischer Werte fehlen. Premierminister Cameron beweist es.

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          In den Notizen, die sich Thomas Cromwell zur Erinnerung an wichtige Punkte machte, die bei Hof zur Sprache gebracht werden sollten, hat der listige Staatsmann Heinrichs VIII. wohl um 1535 vermerkt, dass es gelte, sich auf „die alte Chronik der Magna Carta zu besinnen“. Und darauf, wie das im allerersten Artikel dieser berühmten Urkunde garantierte Prinzip der Freiheit der Englischen Kirche Gesetz geworden sei. Wahrscheinlich bezog sich die Aktennotiz auf Thomas Morus, der sich in seiner Auseinandersetzung mit dem König auf ebendiesen Artikel berufen hatte, um seine Verweigerung des Suprematseids zu rechtfertigen.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Morus zählt zu einer langen Reihe von Figuren jeder politischen Couleur, die im Laufe der Jahrhunderte jene vielfach erneuerten und abgewandelten Versprechen beschworen haben, die der bedrängte König Johann dem aufständischen Adel am 15. Juni 1215 in den malerischen Auen der Themse zugestand, wo an diesem Montag die jetzige Throninhaberin mit anderen Mitgliedern ihrer Familie des 800. Jahrestages gedenken wird. Dort, auf den von symbolträchtigen englischen Eichen gesäumten Wiesen, wird man Thomas Cromwells Ermahnung gedenken, sich der Grundsätze der „alten Chronik“ zu besinnen, die bis heute nachwirken, auch wenn sie zwischendurch bisweilen in Vergessenheit geraten sind. Vier der ursprünglichen Artikel sind Bestandteil des Gesetzes geblieben, allen voran das Prinzip, dass kein freier Mann gefangen gesetzt werden kann, „außer durch das rechtmäßige Urteil seiner Standesgenossen oder durch das Gesetz des Landes.“

          Hehre Ideale lagen den Unterzeichnern fern

          Dabei währte der Friede, den die Magna Carta herbeiführen sollte, nur kurz. Kaum dass das Dokument mit Siegel versehen war, beantragte Johann beim Papst dessen Aufhebung, die auch prompt erfolgte, nicht zuletzt, weil das Oberhaupt der Kirche von Rom erkannte, dass der Versuch, den englischen Herrscher in die Schranken zu weisen, einen gefährlichen Präzedenzfall darstellen könne, der womöglich auch die weltlichen Macht des apostolischen Stuhls bedrohte. Hehre Ideale, wie sie später in das Dokument hineingelesen wurden, lagen den Unterzeichnern fern. Ihnen ging es vor allem um pragmatische Maßnahmen zur Einschränkung königlicher Willkür, einschließlich des Justizmissbrauches und der Steuererpressung. Daher die lateinisch verfassten Artikel zur Regelung der adeligen Erbrechte, des königlichen Forstes, der Wiederverheiratung von Witwen oder der Fischwehre auf Themse und Medway.

          Dennoch ist dieser gescheiterte Friedensvertrag als Grundstein des modernen Begriffs von Rechtsstaatlichkeit und bürgerlicher Freiheit mythologisiert worden, als Wurzel des parlamentarischen Systems und des Grundsatzes des Regierens nur mit der Zustimmung der Regierten, als Vorläufer der amerikanischen Erklärung der Menschenrechte sowie der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und der Europäischen Menschenrechtskonvention.

          Oder, wie die beiden Geschichtslehrer Sellars und Yeatman in ihrer köstlichen Persiflage der englischen Geschichte, „1066 and all that“, spotteten, „als Hauptursache der Demokratie in England.“ In ihrem 1930 erschienenen Buch, das sich längst als Klassiker etabliert hat, pflegten Sellars und Yeatman historische Ereignisse und Personen als gute oder schlechte Sache zu benoten. So erklärten sie König Johann als „entsetzlichen Herrscher“ ohne Umschweife zu einer „schlechten Sache“ und die Magna Carta ebenso eindeutig zu einer „guten Sache“, obgleich sie betonten, dass das einfache Volk von den auf freie Männer beschränkten Zugeständnissen ausgenommen war.

          Nur noch Heinrich VIII. und Hitler

          Es zeugt denn auch von der zentralen Bedeutung der „großen Carta“ für das britische Selbstverständnis, dass zumindest seit den sechziger Jahren eine Karikatur mit einem Wortspiel auf Magna Carta den Umschlag von „1066 and all that“ ziert. König Johann, dessen Wollust ebenso notorisch war wie sein Jähzorn und seine Habgier, beäugt eine Dame, die den Rock kokett hebt, um ihr Strumpfband (garter) zu zeigen. Die Illustration ist mit „Magna Garter“ überschrieben. Bis vor kurzem hätte jedes englische Schulkind den albernen Witz mit dem „großen Strumpfband“ verstanden. Seitdem der große narrative Bogen der Geschichte im Unterricht ersetzt worden ist durch einzelne Episoden, die im Wesentlichen um die zwei „Hs“, Heinrich VIII. und Hitler, kreisen, sind die satirischen Anspielungen in „1066 and all that“ für jüngere Briten schleierhaft geworden – ein Mangel, den die Regierung Cameron gegen den Widerstand der Lehrerschaft zu beheben sucht.

          Die Londoner Magna Carta, derzeit in der Heritage Gallery ausgestellt.
          Die Londoner Magna Carta, derzeit in der Heritage Gallery ausgestellt. : Bild: Getty

          Allerdings geschieht das mitunter auf eine derart enge, kleinenglische Weise, dass die Konservativen sich selbst ins Fleisch schneiden. Beispielhaft dafür ist David Camerons Versuch, die Magna Carta einzuspannen für die Förderung jener „britischen“ Werte wie Freiheit, Toleranz, gesellschaftliche Verantwortung und die Aufrechterhaltung des Rechtsstaates, die in manchen Schulen durch islamistische Indoktrination gefährdet sind. Als der Premierminister vor einem Jahr den Auftakt der Magna-Carta-Festivitäten setzte, erklärte er, den 800. Jahrestag als Gelegenheit nutzen zu wollen, jedem Kind beizubringen, was dieses „große Dokument“ der englischen Geschichte bedeute. Cameron berief sich auf sein Lieblingsbuch, „Our Island Story“, die dem patriotischen Mythos des ruhmreichen Weltreiches huldigende Darstellung der englischen Geschichte für Kinder, die 1905 erschien, als das imperiale Jahrhundert sich dem Ende zuneigte.

          So britisch wie Fish and Chips

          In dieser heroischen Erzählung, die die Phantasie von Generationen von britischen Kindern anregte, wird die Urkunde als das „Fundament all unserer Gesetze und Freiheiten“ gerühmt – Gesetze und Freiheiten, die das Mutterland, so der nationale Mythos, freilich auch in seinen Kolonien verteidigte, wie Rudyard Kipling in seiner unmittelbar vor dem Ausbruch des Burenkrieges im September 1899 gedichteten Rechtfertigung des Empires hervorhob. Darin bezieht sich Kipling auf die Magna Carta, um darzulegen, dass die Vorenthaltung bürgerlicher Rechte, wie sie die Regierung im Transvaal übte, eine alte Frage sei, die englische Vorväter bereits vor sehr langer Zeit gelöst hätten: als sie nämlich nach blutigen Jahren mit der Magna Carta durchsetzten, dass der König sich dem Gesetz unterzuordnen habe.

          In David Camerons Fanfare für die Magna Carta klingen die Töne Kiplings nach. Die überlieferten Kopien der Carta, die den Bürgern erstmals Rechte, Schutz und Sicherheit gewährte, mögen verblichen sein, erklärte er pathetisch, doch leuchteten die Grundsätze so hell wie eh und je. Sie hätten den Weg gebahnt für „die Demokratie, die Gleichheit, den Respekt und die Gesetze, die Britannien ausmachen“. Die in der Magna Carta verankerten Werte seien so britisch „wie der Union Jack, wie Fußball, wie Fish and Chips.“ Natürlich würden manche einwenden, dass diese Werte auch für andere Länder unverzichtbar seien. Das stimme zwar, meinte Cameron. Was Britannien jedoch unterscheide, was die Britishness ausmache, seien die Tradition und die Geschichte, die diese Werte verankerten und ermöglichten, dass sie weiterhin gediehen und sich fortentwickelten. Ohne Magna Carta wäre es nicht möglich, „nach Belieben die Straße entlangzugehen, zu sagen, was wir denken, zu sein, was wir sind“.

          Am liebsten die unleserliche Fassung

          Mit diesem vaterländischen Bekenntnis reiht sich Cameron in eine lange Tradition, die Magna Carta als englisches Urrecht im Lichte der Aktualität zu deuten und zu instrumentalisieren. Auf diesen Mythos althergebrachter angelsächsischer Freiheiten hatten sich bereits die Barone in ihren Verhandlungen mit König Johann berufen, als sie an die Rechte erinnerten, die sein Urgroßvater Heinrich I. bei seiner Krönung im Jahr 1100 gewährt hatte.

          Wie die glänzende Ausstellung „Magna Carta: Recht, Freiheit, Vermächtnis“ der British Library veranschaulicht, sind Legende und internationale Wirkung der gleich einer Heiligen Schrift in Ehre gehaltenen Urkunde unauflösbar miteinander verbunden. So wie Kipling die Magna Carta zur Legitimierung des britischen Empires zitierte, machten die Bewohner der Kolonien die darin verbrieften Grundsätze geltend, wenn es um die Behauptung ihrer Rechte gegen die Regierung ging. Und so wie Gegner der Stuart-Herrschaft im siebzehnten Jahrhundert, die Gründerväter der Vereinigten Staaten, die Anhänger der britischen Reformbewegung des neunzehnten Jahrhunderts, die australischen Ureinwohner oder Nelson Mandela 1964 in seiner berühmten Verteidigungsrede im „Rivonia-Prozess“ die Magna Carta ins Feld führten, werden die uralten Grundsätze auch in den jetzigen Debatten um die Grenzen des Staates immer wieder beschworen.

          In der Kathedrale von Salisbury, wo eine der vier aus dem Jahr 1215 überlieferten Abschriften der Urkunde aufbewahrt wird, hat Neil MacGregor jüngst in einem Vortrag wissen lassen, dass ihm jene durch einen Brand im achtzehnten Jahrhundert unleserlich gewordene Fassung die liebste sei, weil sie jeden zwinge, sich zu fragen, was er sich unter einer gerechten Gesellschaft vorstelle. Zumal jetzt, wo das Internet die bürgerlichen Freiheiten affiziert, in der aktuellen Debatte um den möglichen britischen Rückzug aus der europäischen Menschenrechtskonvention, und in einer Welt, in der die liberalen Grundsätze, die zum Synonym für die Magna Carta geworden sind, in Frage gestellt werden.

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