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Geschichte der Wahrnehmung : Wie riecht die Diktatur?

Die syrische Schriftstellerin Dima Al-Bitar Kalaji und die deutsche Schriftstellerin Annett Gröschner im Berliner Stasi-Museum Bild: Andreas Pein

Annett Gröschner und Dima Al-Bitar Kalaji sammeln Geschichten von Menschen, die in einer Diktatur leben oder gelebt haben. Dabei spielt der Geruchssinn eine große Rolle. Warum? Ein gemeinsamer Besuch im Stasi-Museum in Berlin.

          7 Min.

          Alles begann im Jahr 2019, als die deutsche Schriftstellerin Annett Gröschner und die syrische Schriftstellerin Dima Al-Bitar Kalaji sich für das Projekt „Mapping Berlin/Damaskus“ trafen. Sie wollten Damaskus in Berlin wiederfinden. In einem Gewürzladen, im Pergamonmuseum und auch in Lichtenberg, im Stasi-Museum. Dort bemerkten sie in einem kleinen Zimmer in einem der oberen Stockwerke, dass das blaue Pionierhalstuch in einer der Vitrinen beide an ihre Kindheit erinnerte. Heute, zwei Jahre später, stehen Gröschner und Al-Bitar Kalaji wieder vor der Vitrine. Die eine, die aus Damaskus kommt, erinnert sich an ihr eigenes Halstuch aus Leder. Und die andere, aus Magdeburg, an eines aus Stoff – wie hier im Museum. Gleich neben dem Tuch lacht eine fröhliche sozialistische Familie den Besucherinnen von einer Postkarte entgegen. Sie, zwei Frauen mit einer sehr unterschiedlichen Geschichte, seien damals in diesen Raum gekommen und hätten gedacht: „Wie in der Schule!“, sagt Al-Bitar Kalaji.

          Anna Vollmer
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Dass die beiden Schriftstellerinnen nun ein zweites Mal zu Besuch sind, hat mit einem Projekt zu tun, das eben hier vor der Vitrine mit dem Pionierhalstuch seinen Anfang nahm und über das wir uns heute unterhalten wollen. „Geruch der Diktatur“ heißt es und soll zeigen, welche Spuren Diktaturen bei den Menschen hinterlassen, die in ihnen gelebt haben. Und wie sehr sich diese Spuren mitunter ähneln, auch wenn die Menschen und die Diktaturen es nicht tun. „Wir kommen aus unterschiedlichen Gegenden, wir gehören zu unterschiedlichen Generationen, und plötzlich kommt der Moment, in dem man Verbindungen findet, die man überhaupt nicht erwartet hat“, sagt Gröschner. Ähnliche Gerüche, die beide im Kopf haben, Klänge, bei denen sie noch immer zusammenzucken, Architektur, die sie einschüchtert und bedrückt.

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