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Gina Thomas (G.T.)

Zukunft des Parthenonfrieses : Auf Zehenspitzen

  • -Aktualisiert am

Kehrt der Flussgott Ilissos nach Athen zurück? Noch ist er mit meisten anderen Fragmenten des Parthenonfrieses im Britischen Museum. Bild: AFP

Ein archäologischer Dauerstreit entzweit England und Griechenland, doch London gerät immer mehr in die Defensive. Jetzt setzt Athen bei der Frage der Rückgabe der Elgin Marbles auf den scheidenden Premierminister Boris Johnson.

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          Im Dauerstreit um die Parthenonfries-Skulpturen hat das Britische Museum jetzt erklärt, „die Temperatur der Debatte“ verändern zu wollen. Jonathan Williams, der stellvertretende Direktor, sprach gegenüber der „Sunday Times“ von der Notwendigkeit, „einen Weg zum kulturellen Austausch auf einer bislang nicht vor­gestellten Ebene der Intensität und Dynamik“ zu finden. Angesichts des allgemeinen Stimmungswandels sieht sich das Museum offenbar unter Zugzwang. Williams bekannte denn auch, dass die Propagandakampagne für die Repatriierung der sogenannten Elgin Marbles, die der gleichnamige britische Gesandte zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts erworben und mit Genehmigung der damals über Griechenland herrschenden Osmanen nach England gebracht hatte, eine „Herausforderung“ darstelle; daher das Angebot einer „positiven Parthenon-Partnerschaft“.

          Auch der ehemalige Schatzkanzler George Osborne be­hauptete jüngst in seiner Eigenschaft als Kuratoriumsvorsitzender des Mu­seums, dass eine gemeinsame Lösung gefunden werden könne. Unklar bleibt, ob beide Herren in offizieller Funktion gesprochen haben. Vonseiten des Direktors Hartwig Fischer herrscht lautes Schweigen. Schwer vorstellbar, dass das Museum – die nötige Zustimmung des Parlaments vorausgesetzt – bereit wäre, Teile der Par­thenon-Skulpturen nach Griechenland auch nur auszuleihen.

          Keine griechische Regierung würde sie wieder außer Landes lassen. Selbst wenn Kuratoren beider Länder zu kollegialer Zusammenarbeit bereit wären, käme die Politik dazwischen wie 2008 bei der großen Hadrian-Ausstellung im Britischen Museum. Sie war in Hinblick auf den Philhellenismus dieses römischen Kaisers, der den Einfluss griechischer Kultur verbreitet hatte, als vertrauensbildendes Ge­meinschaftsprojekt von London und Athen konzipiert, scheiterte aber daran, dass Griechenland keine Leihgaben gewährte.

          Die dortige Regierung sieht das 2021 vom archäologische Museum in Palermo restituierte Parthenonfries-Fragment eines Zehs der Artemis als Vorbild: Anfangs war von einer achtjährigen Leihgabe die Rede, inzwischen hat die italienische Staatsanwaltschaft der „Ausgliederung“ zugestimmt. Athen setzt wohl auch auf die Eitelkeit Boris Johnsons, der als Student verkündet hatte, die Elgin Marbles sollten dort ausgestellt sein, wo sie hingehörten: in der Landschaft des Achilles. Der griechische Präsident und seine Kulturministerin setzten Johnson nun den Floh ins Ohr, der Repatriierung zuzustimmen und sich mit dieser großen Geste aus Downing Street zu verabschieden.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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