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Grass trifft Mailer : Der Gipfel der alten Kämpfer

Deutsch-amerikanische Freundschaft: Grass trifft Mailer Bild: dpa

Günter Grass' Memoiren kommen bei Amerikas Kritikern eher schlecht weg. Dafür erhielt Grass in New York überraschende Unterstützung: Sein Großschriftstellerkollege Norman Mailer bekannte, dass auch er in die SS eingetreten wäre.

          Der eine hat eine seltsame Fiktion über die Kindheit Adolf Hitlers vorgelegt, der andere hat seine Kindheit unter Hitler so aufgearbeitet, dass sie seltsam fiktive Züge trägt. Der eine hat sich einst nicht gescheut, seiner Meinung mit der Faust oder einem Messer Nachdruck zu verleihen, der andere ist bis heute temperamentvoll genug, um mit einem polternden Auftritt den Schneid des Gegners zu testen. Der eine hätte sich gern zum Gewissen der Nation erklären lassen, der andere hat sich darüber beklagt, als solches missverstanden zu werden. Der eine mischt sich lautstark in die Politik seines Landes ein, der andere auch. Der eine ist jüdischer Herkunft, der andere wuchs in einer Diktatur auf, deren Ziel es war, die Juden auszurotten. Der eine ist vierundachtzig Jahre alt, der andere wird im Herbst achtzig.

          Jordan Mejias

          Feuilletonkorrespondent in New York.

          Norman Mailer, der eine, und Günter Grass, der andere, sitzen gemeinsam auf dem Podium des eleganten Celeste Bartos Forum in der New York Public Library. Für Grass ist es die glanzvollste Station auf seinem New Yorker Lesemarathon (siehe auch: ), den er als Verkäufer von „Peeling the Onion“, der amerikanischen Ausgabe von „Beim Häuten der Zwiebel“, bestreitet. Innerhalb von vier Minuten, so heißt es, soll die Veranstaltung ausverkauft gewesen sein. Schneller ist nicht einmal die Streisand. Im Saal nun die Blüte der städtischen Intelligenz, die zur Einstimmung den kostenlosen Champagner ebenso genießt wie Beethovens Neunte, leider nur vom Band. Die Organisatoren, unter ihnen das New Yorker Goethe-Institut und die „Paris Review“, können zufrieden sein, sie haben für das Ereignis nicht nur der Woche gesorgt.

          Lustlos und wenig konzentriert

          Als es ernst wird, erklingt auch noch Straussens Zarathustrafanfare, worauf sich das Titanenrendezvous eigentlich nur noch antiklimaktisch gestalten kann. Es liegt nicht an Grass und auch nicht am schottischen Schriftsteller Andrew O'Hagan, der ihn zunächst allein befragt. Was O'Hagan fragt und wie Grass antwortet, das lässt sich inzwischen alles auch ohne Sehergabe voraussagen. Scheint der Gast zudem lustlos und weit weniger konzentriert als bei seinem New Yorker Debüt im „92nd Street Y“, ist guter Rat teuer. O'Hagan dreht noch ein paar Fragerunden quer durch eine nicht bloß literarische Feld-, Wald- und Wiesengegend, in der sich bequem, aber nicht sonderlich einleuchtend die Beziehungen zwischen Amerika und Europa nach 9/11, der Mutterkomplex als Voraussetzung künstlerischer Produktion und der Neonazismus in Europa streifen lassen. Und jetzt? Der Nächste bitte.

          Sie hören einander schlecht, aber verstehen sich gut

          Mailer wirkt gebrechlicher als vor einem halben Jahr, als er für seinen Hitler-Roman „The Castle in the Forest“ die Werbetrommel rührte (siehe auch: Hitler als Kind: Norman Mailers neuer Roman sowie Mailers Unterteufel). Auf zwei Stöcke gestützt, humpelt er aufs Podium, gekleidet in eine Art Polarausrüstung, trotz der lähmenden Hitze in der Stadt. Aber da sitzt dann doch kein Greis im Scheinwerferlicht, sondern ein weise gewordener Feuerkopf, der sich erst entschuldigt, dass er kaum noch hören und sehen kann, der verkündet, dass dies vielleicht sein letzter öffentlicher Auftritt sein könne, um dann sogleich das Publikum mit seinen Erzählungen, Überlegungen und Einfällen zu bezirzen. Gerade weil er nicht mehr gut hört und sieht und lieber seinem eigenen Gedankenfahrplan folgt, als die Fragen O'Hagans pflichtschuldig zu beantworten, wird er zum unwiderstehlichen Raconteur.

          Eingefleischter Pessimist

          Er sei ein eingefleischter Pessimist, gesteht Mailer. Folglich hat er keine Mühe zu behaupten, der Faschismus komme einer Menschheit, die unersprießliche Leben lebt und sich nach klaren Regeln sehnt, mehr entgegen als die Demokratie. Der Irakkrieg? Für Amerika der schlimmste Krieg. Bush? Der schlimmste Präsident. Hillary Clinton? Wahrscheinlich würde er ihr seine Stimme geben. Aber, auch wenn der Interviewer nicht danach fragt, nun müsse er endlich etwas zu Grass und seinem Verhältnis zu Deutschland sagen. Den Auszug aus „Peeling the Onion“, den er aus dem „New Yorker“ kennt, hält er für einen der besten Kriegsberichte, die er je gelesen hat. Und dann schwingt Mailer sich auf, den Kollegen zu verteidigen, mit den allerpersönlichsten Argumenten, die ihm zur Verfügung stehen.

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