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Grass in der Kritik : Lügen in Zeiten des Friedens

  • Aktualisiert am

Louis Begley fragt nach dem Grund für Grass' Schweigen Bild: picture-alliance / dpa

Für den amerikanischen Schriftsteller Louis Begley geht es bei Günter Grass' Geständnis gar nicht um die Person selbst, sondern um die Angst als solche. „Hätte ich das gewußt“, sagt er, „hätte ich die Flucht ergriffen.“

          Louis Begley ist Rechtsanwalt und einer der profiliertesten amerikanischen Schriftsteller. Er wurde als Ludwig Beglejter 1933 in Strij in Polen geboren. Sein erster Romans „Lügen in Zeiten des Krieges“ schilderte 1991 die Judenverfolgung aus der Sicht eines kleinen Jungen. Zuletzt erschien von ihm auf deutsch der Roman „Schiffbruch“ (2003).

          Von Louis Begley

          Recht zu behalten ist oft traurig. Immer wenn ich nach Deutschland kam - zuerst in den fünfziger Jahren als amerikanischer Infanterist, dann in den frühen Achtzigern als Rechtsanwalt und seit 1994 mit zunehmender Häufigkeit als Schriftsteller -, habe ich es mir zur Regel gemacht, Deutschen aus dem Weg zu gehen, die alt genug waren, im Zweiten Weltkrieg Waffen zu tragen. Auf jeden Fall versuchte ich, ihnen nicht die Hand zu schütteln.

          Noch immer in der Kritik: Nobelpreisträger Günter Grass

          In den fünfziger Jahren war es schwierig, diese Regel zu befolgen. Es gab zu viele Männer, die eindeutig in deutscher Uniform gedient hatten, aber ich ließ meine Hände herabhängen und versuchte, nicht zu lächeln. Auch das war schwierig, denn ausnahmslos versicherten mir diese Männer, sie seien an der Ostfront gewesen. Damit gaben sie zu verstehen, daß sie ihre Tötungsarbeit nur in Polen und Rußland geleistet hatten, nur an Kriegsschauplätzen in Ost- und Mitteleuropa, die einen amerikanischen G.I. nicht betrafen.

          Ich verzichtete darauf, sie aufzuklären; ich sagte nicht, daß auch ich an der Ostfront gewesen war, nicht als Soldat, sondern als Tier, das zur Jagd freigegeben war und umgebracht werden sollte. So vermied ich, die Hände zu berühren, die nach meinem Wissen alles getan hatten, um Polen und andere osteuropäische Länder judenfrei zu machen. Natürlich wußte ich, daß Mörder nicht mit Blut an den Händen herumlaufen: Sie waschen es mit Wasser und Seife ab, putzen sich die Fingernägel.

          Das Böse in Person

          Woher die Seife kommt und woraus sie gemacht ist, steht auf einem anderen Blatt. In den folgenden Jahrzehnten hatte ich es immer leichter, die Regel zu befolgen, die ich mir selbst auferlegt hatte. Ich war nicht mehr der jüngste Mann im Zimmer; manchmal stellte ich bestürzt fest, daß ich der älteste sein mußte. Und ich lernte viele Deutsche schätzen. Mit einigen bin ich sogar eng befreundet. Wir führen endlose Diskussionen über den Krieg und über ihre Ratlosigkeit und Trauer beim Gedanken an die schmutzige Arbeit, die ihre Väter, Großväter, Onkel und älteren Brüder getan oder vielleicht getan haben.

          In all den Jahren ist mir, soviel ich weiß, nie ein ehemaliger SS-Mann begegnet. Ich bin überzeugt, wenn das passiert wäre, hätte ich die Flucht ergriffen. Das meine ich ganz wörtlich. Nie wieder im Leben habe ich - und andere in meiner Lage auch - so viel Angst gehabt wie vor den SS-Uniformen, mit einer Ausnahme: Gestapo-Uniformen oder Männer in Zivilkleidung, an deren Verhalten man merken konnte, daß sie zur Gestapo gehörten. Sie waren das Böse in Person, die Gewalt, fest zusammengerollt und bereit, ihr Opfer zu verschlingen, unvorstellbare Grausamkeit.

          Um Erbarmen konnte man nicht flehen. Im Gegenteil, um Erbarmen flehen war so gut wie darum bitten, daß man gefoltert würde, zusammengeknüppelt, bis man kein Gesicht mehr hatte. Das galt für Männer und Frauen. Ich habe nie ein zusammengeschlagenes Kind gesehen. Die schonende Erklärung dafür, auf die man sich aber nicht verlassen konnte: Kinder wurden gleich totgeschlagen. Viele Jahre später erkannte ich in Celans Zeilen aus der „Todesfuge“ Er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft diese SS- und Gestapo-Männer wieder.

          Den Grund des Schweigens verrät er nicht

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