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Grass in der Kritik : Lügen in Zeiten des Friedens

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Paul Celan machte Günter Grass beim Schreiben der Blechtrommel Mut und hörte ihm zu, als er daraus vorlas; ob Grass ihm bei der Gelegenheit erzählt hat, daß er Mitglied der „Frundsberg“-Division der Waffen-SS war? Hätte man ihn gefragt und hätte Grass sich entschlossen, die Wahrheit zu sagen, wäre seine Antwort zweifellos ein Nein gewesen. Hätte Celan es erfahren, wäre er geflohen vor seiner eigenen, plötzlich Fleisch und Blut gewordenen Albtraumvision: der Vision von dem Mann, der spielt mit den Schlangen der schreibt ... Er wäre geflohen, so schnell und weit ihn die Füße getragen hätten.

Es ist ein moralisches Debakel, daß Grass sich entschlossen hat, zweiundsechzig Jahre lang zu lügen, die erfundene Geschichte zu verbreiten, daß er Flakhelfer gewesen sei, und die Wahrheit erst jetzt zu sagen, als die Leseexemplare seiner Autobiographie verteilt wurden. Es lag auf der Hand, daß er für sein Bekenntnis auf den würdigen Rahmen eines Interviews angewiesen war: So ließ sich zwar nicht der Skandal vermeiden, aber Grass konnte bis zu einem gewissen Grad die Bedingungen der Debatte bestimmen. Das Debakel wurde verschlimmert dadurch, daß er keinen kohärenten Grund für den Aufschub angeben konnte.

Zum Beispiel etwas ungefähr in dieser Güte: „Ich habe meine SS-Uniform weggeworfen, wie mein Freund, der Obergefreite, mir riet, und als ich aus dem Gefangenenlager in den Westen entlassen war, ,mich auf freier Wildbahn befand und mir selbst etwas zusammenschustern mußte', beschloß ich, nicht damit herauszukommen. Die Folgen wären zu schmerzhaft gewesen und hätten mich zu viel gekostet.“ Ein schmerzhaftes Eingeständnis? Ohne Zweifel, aber besser, als dem Problem auszuweichen wie Grass, und eleganter als der Versuch, das Schreiben seiner Autobiographie als Rechtfertigung seines Schweigens und seiner Lügen zu benutzen.

Es geht nicht um Grass

Man hätte hoffen können, daß Grass während seines demütigenden Bekenntnisses die Rolle des Moralapostels ablegen würde, für die er nur allzu bekannt ist: Ich denke dabei an die schockierend absurde Anekdote, mit der er unterstellt, daß er zum erstenmal mit direktem Rassismus konfrontiert gewesen sei, als er hörte, wie weiße amerikanische Soldaten ihre schwarzen Kameraden „Nigger“ nannten. Hat Grass im Ernst erwartet, daß irgend jemand, der einen Funken klaren Menschenverstand besitzt und schon einmal etwas von der deutschen Rassenpropaganda vor und im Krieg gehört hat, ihm das glauben würde?

Mit mehr Einsicht und etwas Bescheidenheit hätte Grass sich diesmal auch seine üblichen Seitenhiebe auf Adenauer versagt sowie den nostalgischen Blick auf die DDR, wo Christa Wolf und ErichLoest zum Ersatz für die Hitler-Verehrung „sofort mit einer neuen und glaubhaften Ideologie versorgt waren“, und er hätte sein rührseliges Selbstmitleid gedämpft. Grass als Flüchtling! Der seine Schulzeugnisse verloren hat! Der mit den wenigen Fotos auskommen muß, die seine Mutter aufbewahren konnte! Ein Prediger wird wohl immer predigen, ob die Stunde danach ist oder nicht. Mir fällt keine andere Erklärung für den Schlenker ein, den er in seinem Interview macht, um England und Frankreich und vor allem Holland und Belgien wegen ihrer Kolonialpolitik ins Gebet zu nehmen. Am Kolonialismus gibt es viel zu kritisieren, aber keine dieser Kolonialmächte setzte sich Genozid zum Ziel.

Am Ende geht es nicht um Grass. Er ist fast achtzig; wie man weiß, wird er an seinem achtzigsten Geburtstag mit Ehrungen und Ovationen überhäuft werden. Es geht um die Ermordung und Folterung von Millionen und um die Angst, die seine Waffenbrüder in der SS und Gestapo harmlosen Menschen eingejagt haben, mir und anderen, alles in allem unschuldigen Menschen, die noch am Leben sind. Eine lähmende Angst, die uns nie loslassen wird.

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